Clariant erleidet einen weiteren Rückschlag. Der Spezialchemiekonzern setzt die Gespräche zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit dem Ankeraktionär Sabic aus. Und Rückstellungen für ein vermutetes Kartell reissen ein grosses Loch in die Kasse.

Es hatte sich so gut angehört vergangenen September: Mit dem Ankeraktionär Saudi Basic Industries (Sabic) an der Seite wollte der Spezialchemiekonzern kräftig Gas geben. Die lange anstrebte Transformation des Sortiments hin zu mehr höherwertigen Produkten wurde seinerzeit endlich konkret.

Und nun das: Clariant und Sabic haben ihre Pläne zehn Monate später bereits wieder auf Eis gelegt. Clariant begründete den Schritt am Donnerstag mit den aktuellen Marktbedingungen.

Dass zwischen Clariant und Sabic nicht alles reibungslos verläuft, hatte schon der am Vortag angekündigte überraschende Abgang von Clariant-Chef Ernesto Occhiello vermuten lassen. Occhiello war vom Grossaktionär aus Saudi-Arabien bei Clariant installiert worden.

Nun hat der "Clariant-Übervater» Hariolf Kottmann wieder das Ruder übernommen, bis ein neuer CEO gefunden ist.

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Bewertungsfragen

Clariant und der saudische Petrochemiekonzern hatten vereinbart, verschiedene Geschäftsteile zum Gemeinschaftsunternehmen «Hochleistungsmaterialen» zusammenzulegen. Dieses hätte Produkte etwa für die Elektronik-, Gesundheits-, Raumfahrt- oder die Robotik-Branche hergestellt.

Das margenstarke Geschäft hätte rund 3 Milliarden Franken Umsatz auf die Waage gebracht - rund 2 Milliarden davon wären von Sabic gekommen. Daher war vorgesehen, dass Clariant eine Ausgleichszahlung leistet.

Die Verhandlungen sind letztlich an diesem Punkt gescheitert. Denn laut Clariant-Chef Kottmann gab es unterschiedliche Vorstellungen bei der Bewertung der Transaktion. «Und keine Seite war bereit, Kompromisse einzugehen», sagte dieser im Gespräch mit AWP.

MOSCOW, RUSSIA - OCTOBER 5, 2017: SABIC Vice Chairman and CEO Yousef Abdullah Al-Benyan attends the Russian-Saudi Investment Forum at the Ritz-Carlton Moscow Hotel. Sergei Bobylev/TASS (Photo by Sergei Bobylev\TASS via Getty Images)

Wird er vom Verbündeten zum Gegenspieler? Sabic-Chef Yousef Abdullah Al-Benyan, Clariant-Ankeraktionär

Quelle: TASS via Getty Images

Verkaufsprozess geht weiter

Den Differenzausgleich wollte Clariant mit dem Verkauf von weniger dynamischen Teilbereichen finanzieren. Die Muttenzer treiben diesen Verkaufsprozess nun ungeachtet der jüngsten Ereignisse voran. Die Veräusserung des Pigment-Geschäfts und der sogenannten Masterbatches soll wie geplant bis Ende 2020 über die Bühne gehen.

Damit hat Clariant genau ein Drittel seines heutigen Geschäfts ins Schaufenster gestellt. Als Kerngeschäfte gelten künftig nur noch die Care Chemicals (etwa Substanzen für die Kosmetikindustrie), Katalysatoren und Natural Resources (Produkte für den Erdölsektor und den Bergbau).

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Unruhiges Fahrwasser

Damit ist nach der abgesagten Huntsman-Fusion der zweite Deal geplatzt, der Kottmann eingefädelt hatte. Die Fusion mit dem amerikanischen Mitbewerber wurde im Mai 2017 angekündigt, geriet aber schnell unter Beschuss von aktivistischen US-Investoren. Im Oktober 2017 zog der Chemiekonzern schliesslich die Reissleine.

Danach spitzte sich der Konflikt zu. Die Investoren forderte eine Strategieüberprüfung durch einen unabhängigen Finanzberater. Clariant wiederum befürchtete, der Konzern solle aufgespalten und zerschlagen werden. Kurz bevor die Auseinandersetzung eskaliert, übernahm Sabic das Aktienpaket (25%) von den Amerikanern.

Die Ruhe, die mit den Saudis eingekehrt ist, war somit aber nur vorübergehend. Im sicheren Fahrwasser ist Clariant noch lange nicht angelangt.

Tiefrote Zahlen

Zeitgleich hat Clariant auch die Gewinnzahlen der ersten Halbjahres genannt - und auch die hatten es in sich. Im «fortgeführten Geschäft» stagnierte der Umsatz bei 2,22 Milliarden Franken und unter dem Strich wies das Unternehmen einen satten Verlust von 101 Millionen Franken aus.

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Denn Clariant hat 231 Millionen Franken für eine wettbewerbsrechtliche Untersuchung der EU-Kommission zurückgestellt. Die EU-Wettbewerbshüter gehen einem Kartellverdacht nach. Sie prüfen, ob sich Ethylen-Käufer abgesprochen haben. Clariant geht also wohl davon aus, für schuldig befunden zu werden.

Der Aktienkurs von Clariant rasselte in den Keller. Gegen Mittag büssten die Papiere mehr als 11 Prozent ein. Ein Analyst von Baader Helvea brachte die Situation in seinem Kommentar auf einen kurzen Nenner: «What a mess!».

(awpt/tdr)