Die Firma logiert mitten im Schlieremer Industriechaos, in einem Beton-Konglomerat ohne Gesicht, mit einem engen Lift, der ruckelt und zuckelt. «Es ist leider kein Sony», sagt der Leiter Corporate Communications und führt uns in ein Sitzungszimmer ohne Fenster. Das Einzige, was in diesem Hause Prestige hat, ist der Name des Besitzers: Sony. Und der Managing Director von Sony Switzerland, Claudio Ammann, trotz der Hitze und der fehlenden Klimaanlage perfekt gekleidet, macht schnell deutlich, was seine Firma zum Erfolg bringt: Nicht das imposante Äussere, sondern die Leistung.

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«Die Zukunft ist nicht mehr simultan, sondern on request», sagt Ammann und führt den Besucher durch eine kurze Powerpointpräsentation in die Welt von Sony. «Sie werden künftig die Tagesschau dann sehen, wann Sie gerade Zeit haben, und wir von Sony liefern die Geräte dazu.» Die Schweiz nimmt dabei einmal mehr eine Sonderstellung ein, sie zeigt den künftigen Markt vorab. «In der Schweiz ist zum Beispiel das Verhältnis der Verkäufe von Flachbildschirmen und Röhrenbildschirmen bereits bei 50 zu 50. In der EU sind noch immer 70% Röhrenbildschirme.» Die Schweiz hat viele «early adapters», Kunden, die neue Produkte schnell annehmen, und das macht diesen kleinen Markt so interessant für grosse Unternehmen.

So ist Claudio Ammann der Zeit immer ein wenig voraus. Er muss die Trends herausspüren, bevor sie da sind, die Konsumenten und ihre Wünsche kennen, bevor diese selber wissen, was sie wollen. Wenn man Ammann zuhört, hat man das Gefühl, er sei dauernd auf Witterung. «Dieser Markt lebt schnell», sagt er, «er zwingt einen zum Tempo. Man muss schneller sein als die andern.» Er macht nicht den Eindruck, als ob er diesem Tempo verkrampft hinterher rennen würde, eher scheint es, als hätte er Spass dabei, das Tempo mit einem Peitschenknall noch ein wenig zu steigern. In einem rückläufigen Markt, so heisst die Leistung von Claudio Ammann, hat er Sony weiter nach vorne gebracht: Mehr Umsatz, mehr Marktanteil. «Natürlich ist das nicht mein alleiniges Verdienst», sagt er, «dazu braucht es ein ganzes Team, das bereit ist, dieses Tempo mitzuhalten.»

Er sieht sich eher als Frontmann denn als Manager

Tempo und Flexibilität ist Teil des «Spirits» von Sony. In seiner Freizeit liebt er es, mit dem Bike downhill zu rasseln. «Allerdings trampe ich zuerst hinauf, aber hinunter macht es dann schon mehr Spass.» Grap San Gion ist einer seiner Lieblingsberge dafür. Tempo als Lebensgefühl. Mit leuchtenden Augen erinnert er sich daran, wie einer seiner Kunden, der Betreiber des Cresta-Runs in St. Moritz, ihm einmal die Gelegenheit verschaffte, mit einem Bob den Eiskanal hinunter zu fahren. «Das geht so schnell, dass Sie es kaum verarbeiten können, und auf keinen Fall dürfen Sie dabei nach rechts oder links schauen. Nur vorwärts.»

Im Business wirft Ammann allerdings hie und da einen Blick auf die Seite zum Konkurrenten. «Auch die machen gute Produkte», sagt er, und es ist auch schon vorgekommen, dass er sich beim Kauf eines Gerätes für ein Modell der Konkurrenz entschieden hat.

«Tempo birgt immer gewisse Risiken, und es verlangt Mut zur Lücke», sagt Claudio Ammann, «und man muss bereit sein, ebenso schnell Alternativen zu entwickeln, wenn man sieht, dass ein Weg im Nichts verläuft.» Aber, so definiert er seinen Führungsstil, beziehungsweise den Sony-Spirit: Er setzt die Ziele, klare Ziele, und er gibt grosszügig Freiraum in der Frage, wie die Mitarbeitenden diese Ziele erreichen. Aber wenn die Ziele gesetzt sind, erwartet er Leistung.

Ist Ammann ein ungeduldiger Chef, fragen wir den zuhörenden Kommunikationsleiter Matthias Graf. «Er fordert die Leute heraus, ihre eigene Kreativität ins Spiel zu bringen», sagt Graf. «Ich versuche, mich manchmal zurückzunehmen», sagt Ammann, «nicht immer gleich das eigene Rezept durchzudrücken. Ich sage den Leuten: Du hast die Skills, also nutze sie.»

Claudio Ammann ist seit 17 Jahren bei Sony. Er ist innerhalb des Hauses aufgestiegen und hat verschiedene leitende Funktionen des Sales- und Marketingbereichs innegehabt. Noch heute, als Managing Director, sieht er sich eher als Frontmann denn als Manager. Seine «verkäuferische Ader» will er auch als Chef weiterhin pflegen: «Offen sein, ehrlich sein, transparent, sich als Mensch einbringen und so glaubwürdig sein», sind seine Leitsätze. «Ohne das gehts nicht.»

Und er will dabei etwas pflegen, was ihm selber in diesem Hause widerfahren ist: Er will seine Leute zur Karriere und zur Bewegung ermutigen. «Ich habe auf meinem Weg hier bei Sony das Glück gehabt», sagt Claudio Ammann, «dass meine Führungspersonen Talente in mir gesehen haben, von denen ich selber gar nicht viel gewusst habe. Sie haben mich durch ihre Karriereplanung ermutigt, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu leben.» Diesen Spirit will er weiter leben. Er will die Leute fördern und sie «ermutigen, sich auch mal in eine Richtung zu bewegen, die vielleicht nicht gerade auf der Hand liegt». So werden Nachfolgepläne und Karrieren im Hause Sony minutiös vorbereitet, «um die besten Talente zu entwickeln».

Mama, Papa, Sony

Cleveres, temporeiches Marketing, eine hervorragende Crew und der hohe Stellenwert der Personalentwicklung sind die Grundkräfte des Gedeihens von Sony in diesem volatilen Markt. Der Hauptgrund für Claudio Ammanns Erfolg liegt aber zweifellos in der Begeisterung für Sony und in der Identifikation mit seinem Unternehmen. «You make it a Sony» ist der neue Slogan der Firma, der momentan in einem PR-Feldzug flächendeckend kommuniziert wird. Die Betonung in diesem Satz liegt auf dem «You». Es ist der Kunde, der Zwischenhändler, aber vor allem sind es die Mitarbeitenden und der Chef, die Sony machen.

Auf die Frage, ob er begeistert sei von Sony, kommt wie aus der Pistole geschossen: «Absolut!» Natürlich hatte Sony auch schon mal nur das zweitbeste Produkt, «wer macht schon keine Fehler», sagt Ammann, «aber Sony ist für mich spannend, innovativ, und es hat Ausstrahlung nach innen und nach aussen.» Wie weit diese Ausstrahlung nach innen gehen kann, erklärt er lachend: «Die ersten Worte meiner Buben waren: Mama, Papa, Sony!»

Wenn einer wie Claudio Ammann seine Karriere in ein und demselben Haus aufgebaut hat, dann ist klar, «dass man Sony abends mit nach Hause nimmt». Immerhin die Wochenenden will er für sich und seine Familie freihalten. Drei Buben im Alter von 10, 14, 16 Jahren brauchen ihren Vater als Chauffeur und Coach für ihre Fussballkarriere, und er und seine Frau nutzen die Sonntagmorgen für Jogging-Touren, um die Gedanken wieder mal zu ordnen und Lösungen zu finden.

Ein halber Marathon läge noch drin

Neuerdings rennt jeweils Missy mit, eine junge, schwarze Flat Coated Retriever-Dame und sechstes Familienmitglied. «Das ist für mich Lebensqualität», sagt Ammann, und läuft in Gedanken durch Felder und Wälder. «Früher lag ein Marathon durchaus drin, heute wärs vielleicht noch ein halber.» So findet wenigstens am Wochenende auch die Langsamkeit hie und da einen Zugang zu Claudio Ammann, bevor am Montag wieder das Tempo losgeht.


Profil: Steckbrief

Name: Claudio Ammann

Funktion: Managing Director SonySwitzerland

Geboren: 27. November 1958

Wohnort: Urdorf ZH

Familie: Verheiratet, drei Söhne

Transportmittel: Mercedes; Velo : Yeti

Karriere:

Seit 1987 bei Sony;

1998 General Manager Broadcast & Professional Schweiz;

2001 Consumer Enduser Marketing;

2002 Sales Director Consumer Electronics;

2004 Managing Director

Firma:

Sony Overseas SA mit Sitz in Schlieren ZH ist die Schweizer Sony-Drehscheibe. Gegründet wurde Sony Overseas 1960 in Baar ZG als erste Sony-Gesellschaft in Europa. 1999 fusionierte Sony Overseas mit der 1986 gegründeten Sony (Schweiz). Sony Overseas SA hat vor Ort 185 Mitarbeiter und erwirtschaftete per 31. März 2003 einen Jahresumsatz von 360 Mio Fr.

Sony produziert Audio-, Video-, Kommunikations- und IT-Produkte für professionelle Anwendungen und Endverbraucher und entwickelt sich zur «Broadband Network»- und «High Tech Entertainment Company».