Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) formulierte es in ihrem Halbjahresbericht kurz und bündig: «Eine coronabedingte starke Akzentuierung von Kreditausfällen wurde bis anhin nicht festgestellt.» Oder die Graubündner Kantonalbank schrieb: «Im ersten Halbjahr hinterlässt der Lockdown keine Spuren in erhöhten Wertberichtigungen

Dies bestätigt Branchenanalyst Andreas Venditti von der Bank Vontobel: «In Bezug auf Rückstellungen und Wertberichtigungen haben wir bei den Schweizer Banken von Corona im ersten Halbjahr noch sehr wenig gesehen», sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur AWP.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. So pflegen die meisten Schweizer Inlandbanken schon seit geraumer Zeit mehrheitlich eine eher konservative Kreditpolitik, und sie machen ihr Hauptgeschäft mit (Wohn)hypotheken – in einem Feld also, das von der Krise bisher kaum betroffen wurde. 

Dazu kommt, dass die zuletzt vergebenen Firmenkredite vor allem vom Bund garantierte Covid-Kredite sind: Diese bergen für die Bank kaum Risiken. Ohne diese Garantie würden die Banken an Kleingeschäfte wie etwa Coiffeure oder Massagestudios kaum Kredite vergeben.

Auswirkungen auf Bilanzen

Ganz spurlos ist die Krise aber auch an den Bilanzen der Kantonal- und sonstigen Inlandbanken nicht vorbeigegangen. Da sich die Wirtschaft je nach Entwicklung der Pandemie nur zögerlich erholen wird und ein markanter Anstieg der Pleiten in den nächsten Monaten nicht auszuschliessen ist, haben die meisten Banken etwas vorgesorgt.

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Stellvertretend dafür zwei Formulierungen aus Halbjahresberichten: «Mit Blick auf die sich eintrübenden Konjunkturaussichten haben wir die Wertberichtungen für Kreditrisiken vorsichtshalber erhöht», hiess es bei der Luzerner Kantonalbank. Oder bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB): «Das Kreditportfolio wurde überprüft und befindet sich nach wie vor in einem sehr guten Zustand.» Aufgrund der aktuellen Einschätzung seien aus Vorsichtsüberlegungen aber Wertberichtigungen und Rückstellungen verbucht worden.

Und auch die ZKB schrieb, im ersten Halbjahr seien ausfallrisikobedingte Wertberichtigungen netto neu gebildet worden, während solche in der Vergleichsperiode netto aufgelöst worden seien. Die genannten Summen bei diesen Instituten sind aber zumeist im einstelligen oder tiefen zweistelligen Millionen-Bereich.

Die Buchhaltungsvorschriften hierzulande lassen aber auch eine andere Vorgehensweise zu. Die Raiffeisengruppe etwa hat nur minimale Wertberichtigungen auf Krediten vorgenommen, dafür Reserven für allgemeine Bankrisiken in Höhe von 75 Millionen Franken gebildet. Wegen Corona dürften Wertberichtigungen und Rückstellungen zwar steigen, das Ausmass könne zum aktuellen Zeitpunkt aber noch nicht zuverlässig eingeschätzt werden, begründete sie ihren Schritt.

Vergleich zu ausstehenden Krediten

Grundsätzlich genügt es nicht, allein die absolute Zahl an Wertberichtigungen und Rückstellungen anzuschauen. «Um ein besseres Bild für die Risiken der einzelnen Banken zu haben, sollte man die zusätzlichen Rückstellungen ins Verhältnis zu den ausstehenden Krediten setzten», sagte Bankenspezialist Venditti. «Und da gibt es durchaus Unterschiede.»

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So habe etwa die Waadtländer Kantonalbank im Verhältnis zu den ausstehenden Krediten deutlich mehr zurückgestellt als etwa die St. Galler Kantonalbank. Konkret hat erstere bei ausstehenden Krediten von 33 Milliarden Franken rund 21 Millionen zurückgestellt, während es bei der SGKB auf 27 Milliarden Kredite knapp 5 Millionen zusätzlicher Rückstellungen sind.

Das dürfte vor allem mit den unterschiedlichen Geschäftsmodellen zu tun haben. Die Westschweizer Bank ist laut Venditti im Bereich der Handelsfinanzierungen engagiert, was grundsätzlich risikoreicher sei im Vergleich zu Banken, die vor allem das Hypothekar-Geschäft betreiben.

Gespräche mit dem Management

Sehr gut sieht es bei dieser Rechnung etwa auch bei der ZKB aus, die bei ausstehenden Krediten von 97 Milliarden Franken lediglich 15 Millionen zurückgestellt hat. Die 75 Millionen bei Raiffeisen bei Kreditforderungen von knapp 200 Milliarden Franken scheinen da relativ hoch, allerdings sind sie aufgrund der genannten Vorgehensweise nicht unbedingt vergleichbar.

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Ob Raiffeisen besonders vorsichtig ist oder ein überdurchschnittlich hohes Risiko fährt und deswegen die Reserven erhöht, ist aus diesen Zahlen ebenfalls nur schwer zu beurteilen. Grundsätzlich ist bei der Risikoeinschätzung ein gewisser Spielraum vorhanden, so dass das Management der Bank vorsichtiger oder weniger vorsichtig agieren kann.

«Als Aussenstehender muss man daher mit dem Bankmanagement reden, um gewisse Unterschiede besser zu verstehen», sagte Bankenanalyst Venditti. Grundsätzlich könne man aber sagen, dass die Kantonalbanken auf der vorsichtigeren Seite stehen, meinte er.

(awp/tdr)

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