Gut zwei Dutzend Biotechunternehmen und akademische Institutionen sind seit dem Ausbruch von Sars-CoV-2 ins Rennen um die Entwicklung von Medikamenten eingestiegen. Dies, obwohl frühere Virenausbrüchen gezeigt haben, wie schwierig es ist, hier rechtzeitig zu Resultaten zu kommen.

Ob es diesmal anders wird? 

Eine Übersicht über ein Rennen, bei dem es nicht nur um ein Milliardengeschäft geht – sondern auch um das Ansehen einer ganzen Industrie.

Bei den Initiativen zur Bekämpfung von Sars-Cov-2 lassen sich in drei Pisten ausmachen:

  • Erstens, die Entwicklung eines Impfstoffes – ob auf Basis der klassischen Methode, bei der mit deaktivierten Viren oder mit Bestandteilen des Virus gearbeitet wird. Oder mit einer neuen Technologie, bei der nicht mehr mit dem Virus selbst, sondern nur noch mit dessen RNA gearbeitet wird, also seiner «Bauanleitung».
  • Zweitens, die Entwicklung antiviraler Medikamente wie es sie zum Beispiel gegen Hepatitis oder HIV gibt. Oder aber anderer Therapien, die den Verlauf der Krankheit beeinflussen.
  • Drittens werden Medikamente durchgecheckt, die für andere Indikationen zugelassen sind: Helfen sie womöglich bei Patienten, die als Folge der Sars-CoV-2-Infektion Komplikationen entwickeln? Zum Beispiel eine schwere Lungenentzündung?

Am meisten Aktivität gibt es bei den Impfstoffen. Mit Grund: Ein Covid-19-Impfstoff wäre nicht nur ein Milliardengeschäft, sondern auch der Garant für einen Platz in den Geschichtsbüchern der Biotechindustrie.

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Moderna Therapeutics, Cambridge, Massachusetts

Das  amerikanische Biotechunternehmen Moderna hat die Nase vorn. Das Unternehmen aus Cambridge, Massachusetts, lieferte bereits Ende Februar eine erste Charge eines möglichen Sars-CoV-2-Impfstoffs aus – nur sechs Wochen, nachdem das Virus sequenziert worden war. 

Das Unternehmen ist führend bei der mRNA-Technologie (für «Messanger-RNA»), bei der vereinfacht gesagt die molekulare Maschinerie der Zelle dafür genutzt wird, um Krankheiten zu bekämpfen. Ab April soll der neuartige Impfstoff an 45 Patienten getestet werden, in drei verschiedenen Dosierungen. Die Probanden werden zwei Injektionen im Abstand von 28 Tagen erhalten und dann während zwölf Monaten beobachtet. Sollten die Tests erfolgreich verlaufen, so soll der Impfstoff ab Juli und August in einer zweiten Phase an einer Hunderten oder Tausenden Probanden getestet werden; was sechs bis acht Monate in Anspruch nehmen kann, wie  Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases dem «Wall Street Journal» sagte. 

Moderna hat die neue Technologie bereits verschiedentlich getestet, unter anderem bei H10N8, einer Variante der Vogelgrippe – ohne allerdings einen Impfstoff bis zur Marktreife gebracht zu haben. Trotzdem löste die Ankündigung, in Tests mit Patienten zu gehen, eine Wertsteigerung des Unternehmens um gegen 50 Prozent aus.

Moderna wird von der Coalition for Epidemic Prepardness Innovation (Cepi) in Oslo unterstützt; die Organisation wurde 2017 in Davos aus der Taufe gehoben und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation und verschiedenen Regierungen, darunter der britischen und der deutschen unterstützt. Der Cepi stehen 475 Millionen Dollar für die Entwicklung von Impfstoffen zur Verfügung.

Curevac, Tübingen, Deutschland

Auch das deutsche Biotechunternehmen Curevac ist im Rennen um den ersten mRNA-Impfstoff und den Amerikanern dicht auf den Fersen. Die Tübinger sind zuversichtlich, im Juni mit einem Wirkstoff in die Testphase am Menschen gehen zu können. Man sei daran, «unter mehreren Konstrukten» und «auf Grundlage von Qualitätskriterien und biologischer Aktivität den am besten geeigneten Impfstoffkandidaten selektieren» zu können, schreibt das Unternehmen. Sein Vorteil: Curevac hat bereits erfolgreiche Tests in der ersten klinischen Phase mit dem Tollwut-Virus hinter sich. 

Auch hier wirkt die Feuerkraft der Cepi, die nach der Krise um den Sars-Cov-19-Cousin Sars aus der Taufe gehoben wurde: Curevac hat bereits vor einen Jahr 34 Millionen Dollar aus Oslo bekommen, um einen mobile, automatische Produktionslage, einen sogenannten RNA Printer, zu entwickeln.  Im Januar kamen nochmals 8,3 Millionen Dollar dazu, um die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Sars-Cov-2 zu beschleunigen, wie das Unternehmen mitteilte.

Biontech, Mainz, Deutschland

Der dritte im Bunde der mRNA-Impfstoffjäger ist Biontech aus Mainz. Das Unternehmen, das vom Basler Nobelpreisforscher Rolf Zinkernagel wissenschaftlich beraten wird, hat bereits eine Kollaboration mit dem amerikanischen Pharmagiganten Pfizer, um einen mRNA-Impfstoff gegen das Grippevirus zu entwickeln. Nun steigt es ins Covid-19-Rennen ein. «Wir haben intern ein Team aufgestellt und wir sind mit verschiedenen Partnern im Gespräch», sagt eine Sprecherin. 

Der grosse Vorteil der mRNA-Technologie liegt darin, dass keine Ei- oder Zellkulturen mehr angelegt werden müssen, um die Impfstoffe herzustellen. Das vermindert, so die Hoffnung, allergische Nebenwirkungen. Zudem nimmt die Produktion weniger Zeit in Anspruch – Biontech rechnet mit einer Halbierung der Produktionszeit –, was dazu führt, dass die Impfstoffe akkurater sind. Denn: Viren mutieren, wenn sie sich vermehren; das heisst, es passieren kleine oder grössere «Fehler», die genetische Information verändert sich. Das wiederum bedeutet: Je schneller ein Impfstoff auf den Markt kommt, desto eher «passt» er zum Virus, für den er entwickelt wurde.

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Innovio, USA

Gleichauf mit Moderna mit dem Spitzenreiter Moderna liegt das Biotechunternehmen Innovio. Das Unternehmen, das mit einer anderen Technologie arbeitet und  sich selbstbewusst als «Leader bei den Corona-Vakzinen» bezeichnet, will ebenfalls ab April mit dem Testing eines Covid-19-Impfstoffs beginnen. Innovio kann sich dabei auf seine Erfahrung mit Mers verlassen, einem mit Sars-Cov-2 verwandten Virus, auch wenn es hier nicht zu einer Zulassung kann. Der entsprechende Innovio-Impstoff kam bis in die zweite von drei klinischen Phasen  – ein Beispiel dafür, wie beinhart es ist, in einer akuten Krise einen sicheren und funktionierenden Impfstoff zur Marktreife zu bringen. Auch Innovio kam für Covid-19 in der Genuss von Cepi-Fördergeldern.

GSK, Grossbritannien

Doch auch die traditionellen Impfstoffhersteller drücken aufs Tempo. Ihr Vorteil: Sie bringen nicht nur finanziell, sondern auch bei den Produktionskapazitäten viel PS auf den Boden. GSK, nach der Übernahme des entsprechenden Geschäfts von Novartis 2014 der grösste Impfstoffhersteller weltweit, arbeitet seit Februar in Sachen Sars-Cov-2 mit der Cepi zusammen, um Unternehmen technologisch zur Seite zu stehen, die von der Osloer Organisation im Kampf gegen Covid-19 unterstützt wurden. In diesem Rahmen unterstützt GSK die Universität Queensland in Australien.

Zudem spannen die Briten mit der chinesischen Clover Biopharamceuticals zusammen, einem Unternehmen, das über grossen In-House-Produktionskapazitäten verfügt und deshalb in der Lage ist, die Produktion eines allfälligen Sars-CoV-2-Impfstoffs schnell hochzufahren, wie GSK schreibt.

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Johnson & Johnson, USA

Johnson & Johnson setzt, anders als die Newcomer aus den USA und Deutschland, auf die klassische Methode. Das Unternehmen ist daran, einem Impfstoff zu entwickeln, bei denen ein deaktivierter Virus injiziert wird – mit dem Ziel, eine Immunreaktion hervorzurufen, ohne eine Infektion zu verursachen. Gleichzeitig arbeitet spannt der amerikanische  Pharmagigant mit der Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) zusammen – einer Einheit des amerikanischen Gesundheitsministeriums, die für die Bekämpfung von Pandemien zuständig ist – um antivirale Medikamente zu entwickeln.

Zudem gehen die Amerikaner über die Bücher, um zu schauen, ob eines ihrer bereits kommerzialisierten Medikamente gegen den Virus wirken könnte.

Sanofi, Frankreich

Impfstoffe gehören zur DNA der des französischen Pharmakonzerns. Sanofi hat in der Vergangenheit mit Impfstoffen gegen Gelbfieber und Diphterie Medizingeschichte geschrieben. Nun sucht der Konzern, ebenfalls in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Gesundheitsbehörde BARDA, nach einer Antwort auf Sars-CoV-2.  

Er setzt dabei auf eine Technologie, die es möglich machen soll, ein exaktes genetisches Gegenüber für Proteine auf der Oberfläche des Virus zu finden, um ihn so unschädlich zu machen. Doch auch das wird so schnell nicht gehen. Das Unternehmen geht davon aus, dass es sechs Monate brauchen wird, um die Tests im Labor durchzuführen, und dass es ein bis eineinhalb Jahre brauchen wird, bis mit den Tests an Menschen begonnen werden kann.

Institut Pasteur research coronavirus vaccine February 20, 2020 - Paris, France: A scientist at work in the P2 plus laboratory where the team of professor Frederic Tangy do research for a vaccine against the Covid-19 coronavirus at Institut Pasteur. Paris France PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xMehdixChebilx HLMCHEBIL1004837

Forschung an einem Covid-19-Impfstoff am Institut Pasteur, Paris.

Quelle: imago images/Hans Lucas
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  • Doch nicht nur bei den Impfstoffen, sondern auch bei der Suche nach Medikamenten, die einen schweren Verlauf von Covid-19 verhindern könnten, wird viel investiert:

Takeda, Japan

Takeda, das grösste Pharmaunternehmens Japans, arbeitet an einer Therapie mit Blutplasma. Dieser Ansatz hat sich bei schweren Atemwegserkrankungen – wie sie bei einem Teil der Covid-19-Patienten vorkommen – schon bewährt. Wie aber würde die Plasma-Therapie gegen Covid-19 funktionieren? Indem aus dem Blut von Patienten, welche die Krankheit bereits durchgemacht haben (oder die – für den Fall, dass es einen Impfstoff gibt – geimpft sind) Antikörper extrahiert  und schwer erkrankten Covid-19-Patienten verabreicht werden. Die Antikörper genesener Covid-19-Patienten seien womöglich in der Lage, zu verhindern, dass es zu einem schweren Krankheitsverlauf kommt oder diesen zu lindern, schreibt das Unternehmen.

«Plasmatherapien sind kritische, lebensrettende Therapien, auf die Tausende von Patienten mit seltenen und komplexen Krankheiten jeden Tag weltweit verlassen», sagt Chris Morabito, Forschungschef der Plasma-Therapie-Sparte der Japaner.  Zur Zeit ist das Unternehmen mit verschiedenen Gesundheitsbehörden in den USA, Europa und Asien im Gespräch, um die Entwicklung einer Covid-19-Plasmatherapie voranzutreiben. 

Regeneron, USA

Das amerikansiche Biotechunternehmen hat ein 50-Milliarden-Dollar-Geschäft auf Antikörpern aufgebaut. Nun arbeitet es an einem antiviralen Medikament gegen Covid-19. Bereits im August sollen 200'000 Dosen für klinische Studien zur Verfügung stehen, wie Konzernchef Leonard Schleifer vergangene Woche dem Nachrichtensender CNBC sagte. Das potentielle Medikament soll einerseits präventiv wirken, es soll andrerseits aber auch den Verlauf den Krankheit günstig beeinflussen. 

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Harvard Medical School

  • Daneben gibt es all die Anstrengungen, Medikamente, die bereits auf den Markt sind, darauf zu testen, ob sie womöglich gegen Covid-19-wirken. Laut einer Zählung von «Bloomberg» laufen in China bereits 200 Studien, bei denen Medikamente an Covid-19-Patienten getestet werden.

Hier gibt es im zwei Gruppen:

  • Antivirale Medikamente, die ursprünglich zugelassen wurden gegen HIV, Ebola, Hepatitis C, Grippe sowie Sars und Mers, die beiden Cousins von Sars-CoV-2 oder andere Virusinfektionen. Sie sollen die Vermehrung der Viren bremsen und/oder verhindern, dass diese in die Zellen eindringen.
  • Medikamente, welche die Immunreaktion des Körpers bremsen – damit diese keinen Schaden anrichtet. Denn: Oft ist es nicht nur das Virus, das dem Körper zu schaffen macht, sondern der Körper selbst, der sich mit einer überschiessenden Immunreaktion selbst in Gefahr bringt. 

Gilead, USA

Das amerikanische Biotechunternehmen Gilead ist, zumindest bis jetzt, der grosse Gewinner der Krise um das Coronavirus. Das Unternehmen, das vom ehemaligen Roche-Pharmachef Daniel O’Day geleitet wird, hat, so die Hoffnung, womöglich eine Therapie gegen Sars-CoV-2 im Köcher. Remdesivir, ein antivirales Medikament, wurde unter anderem bei  Ebola getestet – wo es seine Wirksamkeit allerdings nicht unter Beweis stellen konnte.

Ende Februar wurde Remdesivir in Omaha, Nebraska, erstmals an einem Covid-19-Patienten getestet. Er gehörte zu einer Gruppe von Kreuzfahrtpassagieren, die nach zwei Wochen Quarantäne in die USA geflogen worden waren, und hatte eine Lungenentzündung entwickelt. Zwei klinische Studien mit Remdesivir sind bereits im Gange, eine im China-Japan Friendship Hospital in Hubei, der chinesischen Provinz, in der der Covid-19-Ausbruch seinen Anfang nahm, und in de USA, die vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases durchgeführt wird. Erste Resultate werden im April aus China erwartet.

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Zudem wird das Unternehmen noch im März zwei klinische Studien der dritten (letzten) Phase mit je 1000 Patienten mit Remdesivir starten, wie das Unternehmen Ende Februar mitteilte. Der Hype um Remdesivir führte dazu, dass der Aktienkurs von um die 65 Dollar zwischenzeitlich auf über 80 Dollar stiegt.

Roche, Schweiz

Roche ist bei Covid-19 vor allem als Diagnostikunternehmen präsent. Das Unternehmen war das erste, das im Januar einen Sars-CoV-2-Test im Angebot hatte. Doch seit kurzem sind die Basler auch bei den Medikamenten im Spiel. Der Hoffnungsträger heisst Actemra, ein Blockbuster, der ursprünglich gegen rheumatoide Arthritis zugelassen wurde. Die chinesischen Behörden haben den Einsatz von Actemra bei Covid-19-Patienten, die eine Lungenentzündung haben, zugelassen. Roche hat in China Actemra im Wert von zwei Millionen Dollar gespendet. 

Zudem testen Wissenschaftler in China im Rahmen einer klinischen Studie, ob Esbriet, ein Medikament gegen eine schwere Lungenerkrankungen Patienten helfen kann, die schwer am neuen Coronavirus erkranken. Esbriet ist für die Behandlung von idiopathischer Lungenfibrose zugelassen, einer irreversiblen und tödlichen Lungenkrankheit. Das Medikament kommt aus der 8,3 Milliarden Franken teuren Übernahme von Intermune von 2014. Die Umsätze mit Esbriet lagen im vergangenen Jahr bei 2019.

Roche schreibt auf Anfrage, das Unternehmen wisse, dass das Medikament zur Zeit in China getestet werde; es handle sich aber um Tests von Dritten, die man nicht kommentieren könne. Es gebe keine klinische Evidenz für die Sicherheit und die Wirksamkeit von Esbriet bei Covid-19 und keine regulatorische Behörde habe das Medikament dafür zugelassen.

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Harvard Medical School

Dazu kommen all die Anstrengungen im medikamentösen Kampf gegen Sars-CoV-2 auf akademischer Seite. Ganz gross steigt die Harvard Medical School ein. Die medizinische Fakultät der Extraklasse nimmt 115 Millionen Dollar in die Hand, um sich an der Suche nach einer eine Therapie gegen Covid-19 zu finden. Die Harvard-Wissenschaftler spannen dazu mit ihre chinesischen Kollegen zusammen. Geleitet wird das prestigeprächtige Projekt vom Dekan der medizinischen Fakultät George Q. Daley höchstpersönlich.

Ein grossartiges Beispiel von Open Science haben Wissenschaftler der Universität Basel gezeigt. Wissenschaftler der Gruppe «Computational Pharmacy» rund um Professor Markus Lill am Departement Pharmazeutische Wissenschaftenhaben bisher fast 700 Millionen verschiedene Substanzen an einem wichtigen Protein des Virus, der zentralen Proteasem virtuell getestet – mit dem Ziel, dessen Vermehrung zu blockieren. Die Testergebnisse wurde der Wissenschaftsgemeinde sofort zur Verfügung gestellt und sie seien in den ersten 48 Stunden bereits mehr als 3000 Mal konsultiert worden, schreibt die Universität.

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Was von all diesen Anstrengungen fruchtet, wird sich zeigen. Die Vergangenheit zeigt: Forcierte Medikamentenforschung im Virus-Notfall kann schnell zu einem Millionengrab werden. Dann nämlich, wenn die Eindämmungsmassnahmen rechtzeitig greifen und sich das Virus nicht grossflächig rund um die Welt ausbreitet – so geschehen bei früheren Krisen wie Sars, Mers oder Ebola. Doch danach sieht es  bei Sars-CoV-2 im Moment gar nicht aus.

«Es kommt immer wieder vor, dass wir Impfschemata anpassen und auf andere Anbieter umstiegen müssen, weil ein bestimmter Impfstoff nicht lieferbar ist.»

Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene, Kantonsspital Aarau

Infektionskrankheiten  – die Kellerkinder der Pharmaindustrie

Covid-19 setzt Geldströme frei, von denen die Infektiologie unter normalen Umständen nur träumen kann. Der amerikanische Kongress hat am Donnerstagabend 3 Milliarden Dollar für die Impfstoff-Forschung freigeschaltet. Das sind Beträge, die ansonsten nur bei Top-Therapiegebieten wie Krebs oder allenfalls noch Neurologie fliessen.  

Die Infektionskrankheiten führen seit Jahren ein Schattendasein in der Pharmaindustrie. Besonders dramatisch ist die Situation bei den Antibiotika, wo die Industrie –– bis heute keine überzeugende Antwort auf das Problem der Resistenzen gefunden hat; auch wenn die Access to Medicine Foundation, eine unter anderem von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützte niederländische Stiftung, in ihrem alljährlichen Antibiotika-Bericht leiste Fortschritte feststellte. 

Doch auch bei den Impfstoffen ist die Situation kritisch. Nur gerade fünf grosse Biotechunternehmen betreiben überhaupt noch ein Impfstoffgeschäft: die britische GSK, die französische Sanofi, und die beiden US-Unternehmen Merck und Pfizer.

Die beiden Basler Konzerne sind nicht mehr mit von der Partie. Roche ist schon länger aus dem Geschäft ausgestiegen, Novartis hat die Sparte – die zwischen 2012 und 2014 vom heutigen CEO Vas Narasimhan geleitet wurde – 2014 an GSK verkauft.

«Das holt uns nun ein»

In der Praxis führt das dazu, dass die Versorgung schon unter normalen Umständen nicht gewährleistet ist. «Es kommt immer wieder vor, dass wir Impfschemata anpassen und auf andere Anbieter umstiegen müssen, weil ein bestimmter Impfstoff nicht lieferbar ist», sagt Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital Aarau. «Bei  vielen Infektionskrankheiten läuft die Medikamentenforschung seit Jahren auf Sparflamme», sagt der Spitalhygieniker. «Das holt uns nun mit Sars-CoV-2 ein». 

Dass sich die Industrie von der Impfstoffentwicklung zurückgezogen habe, liege zum einen daran, dass viele Infektionskrankheiten in der industrialisierten Welt kaum von Bedeutung seien. «Viele Infektionskrankheiten sind heute vor allem in Entwicklungsländern ein Problem und die sind für die Industrie als Märkte nicht interessant». 

Im Gedächtnis blieben die Polio-Fälle

Zum anderen sei die Forschung bei Infektionskrankheiten sehr aufwändig. Die Anforderungen an die Sicherheit seien «extrem hoch»,  sagt Christoph Fux, insbesondere bei den Impfstoffen, die ja nicht bei Kranken, sondern bei Gesunden angewendet werden. Im schlimmsten Fall mache man mit einem Impfstoff einen gesunden Menschen krank; wie das früher bei Polio passiert sei, als die Impfung noch eine Schluckimpfung war, sagt Christoph Fux. Mit der Impfung sei zwar ein Vielfaches an Poliofällen verhindert worden, in der öffentlichen Wahrnehmung aber seien vor allem die einzelnen «Impf-Polio»-Fälle hängen geblieben; entsprechend hoch liege die Hürde, um einen Impfstoff sicher auf den Markt zu bringen.

Doch auch die Entwicklung antiviraler Medikamente sei anspruchsvoll, denn der Virus bediene sich immer der Werkzeuge der menschlichen Zellen, um sich zu vermehren. «Das heisst, ein Wirkstoff muss in der Zelle intervenieren und das ist heikel», so Christoph Fux.

Der Spitalhygieniker fordert deshalb, dass man, ähnlich wie für die Antibiotikaforschung angedacht, über Instrumente nachdenkt, welche die Impfstoffentwicklung als Geschäftsfeld wieder attraktiv machen.  Denn: « Sars-Cov-2 wird nicht das einzige Virus sein, mit dem wir konfrontiert werden».  Und: «Die Bekämpfung von Infektionskrankheiten darf man nicht einfach dem Markt überlassen», sagt Christoph Fux; das sei eine Frage der Versorgungssicherheit, hier brauche es eine Steuerung, «sonst können wir die Bevölkerung nicht mehr zuverlässig vor diesen Krankheiten schützen».