Wenn das kein Commitment ist: Alex Gorsky, CEO von Johnson & Johnson, und sein Forschungschef Paul Stoffels wollen schon anfangs nächsten Jahres 600 bis 800 Millionen Dosen eines Impfstoffs ausliefern können. Bis Ende 2021 sollen es sogar eine Milliarde Dosen werden. Moderna, der Covid-19-Impfstoff-Pionier aus Massachusetts baut bereits an den Kapazitäten, um Millionen an Covid-19-Impfstoffdosen ausliefern zu können – auf das Risiko hin, sie gar nie brauchen zu können.

Und das sind nur zwei der Erfolgsmeldungen aus der Covid-19-Impfstoffforschung der vergangenen Tage. Wie weit aber sind die Impfstoffjäger tatsächlich?

83 Projekte weltweit

Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählte – Stand 23. April – weltweit 83 Projekte für einen Covid-19-Impfstoff. Acht Impfstoffjäger sind bereits daran, ihre Kandidaten an Probanden zu testen oder sie haben zumindest die behördliche Genehmigung dazu.

Am aktivsten sind die Amerikaner und die Chinesen mit zwei beziehungsweise drei Projekten im klinischen Stadium. Ein Projekt kommt aus Australien. Doch auch die Europäer mischen ganz vorne mit bei der Covid-19-Impfstoffforschung. Biontech, ein Biotechunternehmen aus Mainz, wird schon bald als erstes Unternehmen mit Tests in Deutschland beginnen; es spannt mit dem US-Pharmakonzern Pfizer und der chinesischen Fosun zusammen.

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 Auch auch die University of Oxford hat dieser Tage mit der Rekrutierung von Freiwilligen begonnen, um einen Impfstoff zu testen.

Wer aber sind die Unternehmen und Universitäten, die sich mit einem Impfstoff gegen das neue Coronavirus einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern wollen?

Die Überflieger aus den USA

Moderna, Cambridge

Moderna war das erste Unternehmen, das schon im Februar, nur wenige Wochen nach der Dekodierung des Virus, einen Impfstoff entwickelt hatte. Seit Mitte März wird der Wirkstoff an 45 gesunden Freiwilligen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren getestet. Nun sollen die Tests auf ältere Probanden zwischen 51 und 70 und älter als 70 Jahre ausgedehnt werden. Sollte sich der Ansatz als sicher und wirksam erweisen, so soll im zweiten Quartal eine mittelgrosse und im Herbst eine grosse Studie durchgeführt werden – die letzte Hürde vor einer möglichen Zulassung.

Dieser Tage hat das Biotechunternehmen 483 Millionen Dollar von der US-Regierung bekommen, um die Produktionskapazitäten hochzufahren. Das schreibt der «Boston Globe». Das Geld werde es möglich machen, «ab 2020 Millionen an Impfstoff-Dosen pro Monat zur Verfügung zu stellen», sagte CEO Stephane Bancel der Zeitung. Mit noch mehr Investitionen sei es möglich, ab 2021 Dutzende von Millionen Dosen herzustellen; falls – und das ist noch immer ein grosses «falls» –, der Impfstoff erfolgreich getestet wird.

116 Therapien, 79 Impfungen: Der «Covid-19 Treatment and Vaccine Tracker» des Milken Institute bietet einen Überblick über die weltweiten Forschungs-Anstrengungen im Kampf gegen das neue Coronavirus.

Die Höhe des Betrags lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Punkt, der nicht zu unterschätzen ist: Wie kann es gelingen, die erforderlichen Produktionskapazitäten zur Verfügung zu stellen, wenn ein Impfstoff zur Verfügung steht und auf einen Schlag Hunderte Millionen Menschen geimpft werden sollen? Wie kann verhindert werden, dass der Impfstoff nur in dem Land eingesetzt wird, wo er entwickelt wurde, und nicht dort, wo der Bedarf gerade am grössten ist? «Uns ist sehr wohl bewusst, dass wir eine Menge Kapazität brauchen werden angesichts der Tatsache, dass fast jeder auf diesem Planeten geimpft werden muss», sagte CEO Stéphane Bancel dem Pharmanachrichtendienst «Statnews». 

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Moderna arbeitet mit der mRNA (für Messanger- oder Boten-RNA), also mit der molekularen Bauanleitung des Virus. Es handelt sich um eine neue Technologie, die, so die Hoffnung, nun bei Covid-19 ihren Durchbruch bei den Impfstoffen erleben könnte und die womöglich weniger toxisch ist als herkömmliche Verfahren zur Herstellung eine Impfstoffs. Das heisst aber auch, dass es hier um wissenschaftliches Neuland geht, dass es also noch sehr wenig Erfahrung gibt, wie das Immunsystem darauf reagiert.

Inovio Pharmaceuticals, Plymouth

Als zweites US-Unternehmen mischt Inovio Pharmaceuticals ganz vorne mit. Das Unternehmen aus Plymouth hat einen DNA-Impfstoff entwickelt. Dieser wird an 40 Freiwilligen getestet, die an der University of Pennsylvania und am Center for Pharmaceutical Research in Kansas City rekrutiert werden. Eine erste Dosis war für den 6. April geplant. Zudem bekam das Unternehmen am Mitte des Monats 6,9 Millionen Dollar von der Coalition for Epidemic Preparedness Innovation Cepi. Die von der Gates-Foundation und mehreren Regierungen unterstützte Organisation in Oslo spielt eine wichtige Rolle bei der Impfstoff-Forschung und damit auch in der Covid-19-Krise.

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Die Verfolger aus China

CanSino Biologics, Tianjin

Die Überraschung kam dieser Tage aus China und zwar von CanSino Biologics, einem Biotechunternehmen aus Tianjin, sowie dem Beijing Institute of Biotechnology. Das Unternehmen hat seinen Impfstoff bereits an 108 Probanden zwischen 18 und 60 Jahren in Wuhan getestet, der Stadt, in der die Covid-19-Pandemie ihren Anfang nahm – und zwar in drei unterschiedlich starken Dosierungen.

Vor ein paar Tagen wurde mit der Rekrutierung der Testpersonen für die zweite klinische Phase begonnen. Dabei soll der Impfstoff an 500 gesunden Probanden getestet werden, wobei die Hälfte der Testpersonen die mittlere Dosierung bekommen und je ein Viertel die niedrigere Dosierung oder ein Placebo, schreibt das Pharma-Nachrichtenportal «FiercePharma».

In nur drei Wochen von Phase I zu Phase II, das sei «super schnell», wenn nicht «noch nie dagewesen», kommentiert das Fachmedium.

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Die Allzweckwaffe aus Down Under

Melbourne–Nijmegen–Boston

Das Bacillus Calmette-Guérin (BCG) ist schon mehr als 100 Jahre alt, es wird vor allem als Lebend-Impfstoff gegen Tuberkulose bei Kindern eingesetzt. 2017 berichtete die Weltgesundheitsorganisation, das Bakterium wirke womöglich gegen Lepra und andere bakterielle Erkrankungen. Und nun legt eine – allerdings noch nicht unabhängig überprüfte – epidemiologische Studie den Schluss nahe, dass Länder mit BCG-Impfprogrammen für Kinder weniger mit Covid-19 zu kämpfen haben als solche ohne.

Weil der Impfstoff bereit eingesetzt wird er deshalb schon gezeigt hat, dass er sicher und verträglich ist, geht es «nur» noch darum zu schauen, ob er auch gegen Covid-19 wirkt.

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Die Impfstoffjäger der Universität von Melbourne und des Murdoch Children's Research Institute, des Radboud University Medical Center in den Niederlanden und des Faustman Lab am Massachusetts General Hospital in Boston steigen deshalb direkt in die zweite und dritte klinische Phase. In Australien werden dafür 4170 Spitalangestellte rekrutiert, parallel dazu rollen die Niederländer eine Studie mit 1500 Angestellten im Gesundheitswesen.

Und das Faustman Lab, das das BCG zur Zeit auf seine Wirksamkeit gegen Diabetes Typ 1 testet, ist laut einem Bericht der «New York Times» auf der Suche nach Geldmitteln für eine Studie zu Covid-19.

Die europäischen Impfstoff-Stars

BionTech, Mainz

Gut möglich, dass man sich mit Blick auf die Covid-19-Impfstoffforschung diesen Namen wird merken müssen: Biontech. Das Biotechunternehmen aus Mainz arbeitet eigentlich an Krebstherapien. Nun ist es das erste Unternehmen, das in Deutschland Tests an Probanden durchführen darf. Die Studie wird  200 Testpersonen im Alter zwischen 18 und 55 Jahren umfassen, getestet wird auf Verträglichkeit, Sicherheit und Immunogenität, das heisst, man schaut, wie gut die Immunantwort ist, mit welcher der Körper auf den Impfstoff reagiert.

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Zudem erwartet  Biontech «in Kürze» die behördliche Genehmigung, um Studien in den USA starten zu können. Das Unternehmen hat vier Impfstoffkandidaten im Köcher und arbeitet wie Moderna mit der mRNA-Technologie. Auch die Biontech-Spitze spricht von Hunderten Millionen Impfstoffdosen.

Ziel des deutsch-amerikanischen Impfstoff-Gespanns ist es, bis Ende Dezember Millionen Impfstoff-Dosen herzustellen; 2021 sollen die Kapazitäten bei Hunderten Millionen liegen. Für den asiatischen Markt spannen die Mainzer mit Fosun Pharma zusammen. Der Impfstoff würde in Europa produziert. 

University of Oxford

Auch die Universitäten mischen mit bei der Impfstoffsuche. Vielversprechend ist die Nachricht, die uns aus Oxford erreicht. Die Wissenschaftler haben mit der Rekrutierung von Probanden begonnen, gesucht sind 550 Freiwillige zwischen 18 und 55 Jahren und zwar im Themsetal, der Region, als deren Zentrum sich Oxford betrachtet.

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Sie arbeiten mit einem einem viralen Vector und dem zackenförmigen Protein, dem das Coronavirus seinen Namen verdankt. Die Oxford-Forscher sind keine Neulinge, sie waren schon 2014 bei der Ebola-Epidemie in der Impfstoffforschung aktiv. Noch vor ein paar Tagen hiess es, das  Vakzim ist noch nicht in ausreichenden Mengen vorhanden, so dass mit der Verabreichung des Impfstoffs erst in ein paar Wochen begonnen werden kann. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse und die Wissenschaftler konnten doch sofort in Tests an Probanden gehen. Die universitären Impfstoffjäger werden mit 20 Millionen Pfund von der britischen Regierung unterstützt.

Die Impfstoffgiganten

GSK und Sanofi

Es hat eine Weile gedauert, doch inzwischen ist auch Big Pharma in Sachen Covid-19-Impfstoff-Forschung auf Touren gekommen. Die britische GSK, nach der Übernahme des entsprechenden Geschäfts von Novartis weltgrösster Impfstoffhersteller, schliesst sich mit der französischen Sanofi zusammen. Der «noch nie dagewesene Schulterschluss» (O-Ton David Loew, Chef des Sanofi-Impfstoffgeschäfts) soll es möglich machen, in zwölf bis 18 Monaten mit einem Impfstoff auf den Markt zu kommen. Die Herausforderung liege nicht nur darin, einen Impfstoff zu entdecken, sondern auch darin, diesen in grossen Mengen herzustellen.

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David Loew, Impfstoff-Chef von Sanofi, in einem «Bloomberg»-Interview über den Stand der Forschungsstand:

Die beiden Konzerne äusserten sich nicht zu den finanziellen Modalitäten der Zusammenarbeit. Doch das Investment dürfte beachtlich sein. Emma Walmsley, die Chefin von GSK, sagte: «Ich werden keine Zahl nennen, aber natürlich haben wir die Impfstoff-Forschung pirorisiert, wie das viele andere tun».

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Die Impfstoff-Forschung geht in Riesenschritten voran, die Fortschritte, die in den paar Monaten seit Dekodierung des Sars-CoV-2-Virus erzielt wurden, sind gewaltig. Prozesse, die sonst Jahre dauern, werden gerade in Monaten durchgepeitscht.

Trotzdem zeigt die Geschichte der Impfstoff-Forschung, dass auf dem Weg von den ersten Tests an Probanden bis zur Marktreife noch eine Menge schief gehen kann. Die Impfstoffjäger müssen noch immer ein paar grosse Hürden nehmen, bis sie am Ziel sind.  

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