Grossbritannien macht gerade schlimme Tage durch. Die Covid-19-Fallzahlen schnellen in die Höhe, der nationale Gesundheitsdienst NHS ist überlastet, es fehlt an allen Ecken und Enden: beim Personal, bei den Intensivbetten, bei der Ausrüstung – und, wie fast überall – bei den Tests.

Grosse Diagnostik-Player wie Roche und die US-Firmen Abbott, Thermo Fisher Scientific und Hologic haben in den vergangenen Wochen Test-Kapazitäten in Millionenhöhe geschaffen.

Roche sagt, das Unternehmen könne «bei unserem derzeitigen Tempo» Tests im Umfang von 8,5 Millionen monatlich bereit stellen ­­– 5 Millionen, die manuell durchgeführt werden müssen, und 3,5 Millionen, die vollautomatisch auf grossen Diagnostikgeräten laufen, wie sie in den meisten grossen Spitälern und Labors stehen.

Zwei US-Konzerne sind führend

Die amerikanische Abbot will bis im Juni 2 Millionen Tests monatlich ausliefern können – mit der Option einer weiteren Steigerung der Kapazität danach.

Noch höher will Thermo Fisher Scientific hinaus. CEO Marc Caspar kündigte im März, unmittelbar nach der Zulassung durch die amerikanische FDA, an, bereits 1,5 Millionen Tests am Lager zu haben und die Kapazität schrittweise bis im April auf 5 Millionen Tests pro Woche erhöhen zu können.

Die Test-Strategien orientieren sich nicht am medizinisch und epidemiologisch Erforderlichen, sondern an den verfügbaren Kapazitäten.

  • Hören Sie im Podcast «HZ Insights»: «Corona: Wo bleiben die Antikörper-Tests?»

 

Dazu kommen viele kleinere und mittelgrosse Diagnostik-Unternehmen, die in den vergangenen Wochen ins Covid-19-Test-Geschäft eingestiegen sind.

Und dann kann jedes gut ausgerüstete Labor in einem Spital oder an einer Universität einen sogenannten PCR-Test (für: Polymerase-Kettenreaktion), bei dem die genetische Information, die RNA des neuen Coronavirus Sars-CoV-2, vervielfältigt wird, entwickeln und durchführen – vorausgesetzt es hat die dafür nötigen Materialien und Gerätschaften.

Kapazitäten in Millionenhöhe – und trotzdem ist das das Testing noch immer die grosse Schwachstelle der Pandemiebekämpfung.

Trotzdem orientieren sich die Test-Strategien der Regierungen, ob in Deutschland, in Italien, in Spanien oder in der Schweiz, noch immer nicht am medizinisch und epidemiologisch Erforderlichen, sondern an den verfügbaren Kapazitäten – mit all den dramatischen Folgen, die das mit sich bringt: ungenügender Schutz des Gesundheitspersonals, von Patienten und von besonders gefährdeten Bewohnern von Alters- und Pflegeheimen, hohe Dunkelziffern und ein verschwommenes Bild der tatsächlichen Infektions- und Todesraten von Sars-CoV-2.

Testen, Testen, Testen – aber wie?

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus warnt:  «Man kann ein Feuer nicht mit verbundenen Augen bekämpfen», der wirksamste Weg, Infektionen zu verhindern und Leben zu retten, sei die Unterbrechung der Übertragungsketten. Und um dies zu tun, habe er eine einfache Botschaft an alle Länder: «testen, testen, testen, testen, testen».

Nur, wie soll das möglich sein, wenn die erforderlichen Test-Kitts nicht zur Verfügung stehen?

Die Test-Knappheit liegt zum einen in der Natur der Sache. Der Test-Bedarf folgt den Infektionsraten und die steigen in diesen Tagen gerade in grossen Ländern mit hohem Test-Bedarf wie Grossbritannien und den USA exponentiell an.

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Nicht immer ist klar, wie gross die Kapazitäten tatsächlich sind, welche die Unternehmen auf den Markt bringen.

Um zu begreifen, was das bedeutet, hilft ein Blick in die Vergangenheit. In den ersten zweieinhalb Monaten des Ausbruchs, also zwischen Januar und Mitte März, wurden einer Zählung der Genfer Nichtregierungsorganisation Find zu Folge 1,3 Millionen Tests durchgeführt; vom 16. bis zum 31. März kletterte die Zahl auf 6,3 Millionen und am 7. April, also nur gerade eine Woche später lag das Total aller weltweit durchgeführten Covid-19-Tests nochmals 2,2 Millionen höher, nämlich bei 9,5 Millionen.

Ein Wettrennen mit dem Virus

Und auch diese Zahlen zeigen, dass der Aufbau der Test-Kapazitäten einem  Wettrennen mit dem Virus gleich kommt:  Deutschland, ein Land, das sehr viel testet, hat vor ein paar Wochen mit 3000 Tests pro Woche angefangen, inzwischen ist man bei über 300000 und für die nächsten Wochen wird mit einer weiteren Verdoppelung gerechnet. Grossbritannien will bis Ende April 100000 Tests täglich durchführen.

Vor diesem Hintergrund passt es schlecht, dass die Kapazitäten der Industrie offenbar nicht immer dort sind, wo sie sein sollten.

So hatte der amerikanische Grosshersteller Abbott Ende März erst 190000 Schnelltests ausgeliefert und das auch nur in 21 amerikanischen Bundesstaaten. Das entspricht nicht einmal einem Zehntel der zwei Millionen Tests, welche der Pharmakonzern ab Juni monatlich ausliefern will.

Wie gross sind die Kapazitäten?

Dazu kommt, dass nicht immer klar ist, wie gross die Kapazitäten tatsächlich sind, welche die Unternehmen auf den Markt bringen. So hat zum Beispiel Bosch-Chef Volkmar Denner Ende März einen weiteren Virus-Schnelltest in Aussicht gestellt.

Eine Nachfrage beim Unternehmen gibt folgendes Bild: Bosch Healthcare Solutions ist eine noch sehr junge und deshalb auch noch kleine Tochter des deutschen Automobilzulieferers.

Der Sars-CoV-2-Test des Grosskonzerns aus dem baden-württembergischen Uhingen läuft auf Vivalytic, einem Laborgerät, mit dem das Unternehmen zwar seit einiger Zeit auf dem Markt ist; von dem das eine Sprecherin von Bosch auf Anfrage aber nicht sagen kann, wie verbreitet die Geräte in den europäischen Märkten denn tatsächlich sind, wo der Schnelltest zum Einsatz kommen soll.

«Wir können nicht ausschliessen, dass es bei Nachfragespitzen zu Lieferengpässen kommen kann», schreibt Roche.

Dazu kommen Probleme bei der Logistik, die den Herstellern einen Strich durch die Rechnung zu machen drohen und für einen Teil der Engpässe an der Test-Front verantwortlich sein dürften. Medizinalgüter fliegen oft in Frachtraum von Passierflugzeugen mit, doch das ist kaum mehr möglich, seit 90 Prozent des Luftverkehrs eingestellt ist.

Der Basler Pharmakonzern Roche schreibt: «Wir chartern bei Bedarf Flüge, um unsere normalen Transportwege zu ergänzen, da der Flugverkehr stark beeinträchtigt ist». Darüber hinaus nutze man für dringende Lieferungen in Europa und in den USA Kurierdienste.

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Vieles muss zusammenspielen

Der Fall Roche zeigt, was alles zusammenspielen muss, damit die Tests zu den Patienten kommen.

Die Tests für die Cobas6800 und -Cobas-8800-Instrumente – also für das fast vollautomatisierte Virus-Testing, mit dem 1440 beziehungsweise 4128 Patienten pro Tag getestet werden können – werden in New Jersey in den USA hergestellt; die Reagenzien, also die chemischen Substanzen, für die manuellen Tests, die auf den Geräten Lightcycler und Magna Pure laufen, kommen aus Deutschland, die Geräte wiederum baut Roche Diagnostics im schweizerischen Rotkreuz zusammen.

Roche warnt vor Nachfragespitzen

Alle Materialen werden von den globalen Vertriebszentren von Roche Diagnostics in Indianapolis in den USA und von Mannheim aus in Deutschland aus versandt. Für einen Grossteil Europas habe das Unternehmen Direktlieferungen; was bedeute, dass die einzelnen Kundenaufträge in Mannheim, Deutschland, bearbeitet und direkt an die Endkunden versandt würden, schreibt das Unternehmen.

«Unsere Produktionseinheiten verfügen über robuste Pläne», schreibt Roche – und warnt: «Wir können nicht ausschliessen, dass es bei Nachfragespitzen zu Lieferengpässen kommen kann».

Doch nicht nur die logistischen Hürden machen den Herstellern zu schaffen. Seit ein paar Tagen häufen sich auch die Meldungen, wonach es bei den Chemikalien und bei den Plastikbestandteilen, die es braucht, um Tests herzustellen, zu Lieferproblemen kommt.

So sagte Roche-Konzernchef Severin Schwan in einem Zeitungsinterview, dass es bei den «Verbrauchsmaterialien», also «bei gewissen Plastikelementen, die zum Testen notwendig sind» Engpässe gebe. «Da sind wir abhängig von Dritten». Und: «Wir arbeiten deshalb mit diesen Firmen zusammen, um sicher zu stellen, dass wir die Produktion auch hier hochfahren können».

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Die Weltzollunion hat eine Liste mit 123 Ländern publiziert, die 2018 Waren im Wert von mindestens 10 Millionen Dollar exportierten, die für Covid-19-Tests relevant sind.

Dass dies nicht sein müsste, zeigt eine Zusammenstellung der Weltzollunion. Sie hat eine Liste mit 123 Ländern publiziert, die 2018 Waren im Wert von mindestens 10 Millionen Dollar exportierten, die für Covid-19-Tests relevant sind.

Einen interessanten Ansatz verfolgt hier der asiatische Test-Grosshersteller Südkorea. Das Land unterstützt die Hersteller von Rohmaterialien, also die Hersteller hinter den Tests, um den Engpässen entgegen zu wirken. «Das ist ein sehr innovativer und vielversprechender Ansatz», sagt Catharina Boehme, Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation Find.

Regulatorische Hürden

Dazu kommt ein weiterer Faktor, der einem weltweiten Sars-CoV-2-Testing im Wege steht: die regulatorische Hürden, die zu Verzögerungen bei der Zulassung neuer Tests führen. Katastrophale Konsequenzen dürfte hier die Entscheidung der Regierung in Peking von vergangener Woche haben, keine Tests mehr zum Export zuzulassen, die nicht von den chinesischen Behörden zugelassen sind.

Hintergrund ist eine Panne mit Antikörper-Schnelltests, die nach Spanien geliefert wurden.

Die Tests, die in China nicht zugelassen waren, hatten eine Verlässlichkeit von lediglich 30 Prozent und mussten vernichtet werden – ein Gesichtsverlust, den Peking nun mit eine Pauschallösung wieder wett zu machen versucht.

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Eine gravierende Massnahme

Wie gravierend diese Massnahme ist, zeigen diese Zahlen: Nur 4 der 22 Tests, die aus China kommen, haben auch eine chinesische Zulassung. Und auch mengenmässig fällt diese Entscheidung ins Gewicht, liegen doch die Test-Kapazitäten der beiden grössten asiatischen Hersteller China und Korea über alle Test-Kategorien hinweg bei 250000 Tests pro Tag. Zudem sind die beiden asiatischen Produzenten bei den Schnelltests, die vor allem für Länder, wo die Menschen kaum Zugang zu einer Laborinfrastruktur haben, weiter als europäische und amerikanische Hersteller.

«Die Zuteilung der Tests muss fairer werden, anders wird sich die Pandemie nicht wirksam bekämpfen lassen» Catharina Boehme, Geschäftsführerin der Genfer Nichtregierungsorganisation Find.

Bei den Antikörper-Tests geht es nicht mehr darum, Kranke zu identifizieren, um sie isolieren zu können; sie dienen vielmehr dazu, sich ein Bild davon zu machen, wie viele Menschen sich bereits infiziert haben und damit womöglich gegen das Virus immun sind – eine Frage, die mit Blick auf eine Lockerung des Lockdowns von grosser Bedeutung ist.

Denn: Je besser die Bevölkerung immunisiert ist, desto weniger gut kann sich das Virus ausbreiten und desto weniger gefährdet sich Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder chronischen Atemwegserkrankungen, die bei Patienten, bei denen die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, häufig vorkommen.

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Und schliesslich verschärft auch das Vorgehen der USA, dem neuen Epizentrum der Sars-CoV-2-Pandemie, die Situation in den anderen Ländern. «Die US-Unternehmen sagen uns, dass sie von der Regierungen angehalten seien, zuerst den amerikanischen Markt zu versorgen und nur allfällige Überschüsse zu exportieren» , sagt Catharina Boehme von Find.

Die Zuteilung muss fairer werden

Kapazitäten, die erst noch hochgefahren werden müssen, Probleme bei der Logistik und beim Test-Material und eine amerikanische Regierung, die bei der Beschaffung brachial nach dem Prinzip «America first» vorgeht. So schnell werden die Engpässe beim Testing nicht verschwinden. Mit Blick auf Länder wie Indien oder Brasilien oder Nigeria, wo das Testing erst am Anfang steht, lässt dies alles Schlimmes befürchten. «Wir machen uns grosse Sorgen, dass die Länder mit tiefen und mittleren Einkommen nicht in der Lage sein werden, ausreichend Tests durchzuführen», sagt Catharina Boehme.

Wie die Situation mit Blick auf diese Länder aussieht, zeigen diese Zahlen: Nigeria, mit knapp 200 Millionen Einwohnern eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt, hatte, Stand 7. April, gerade 846 Menschen auf Sars-CoV-2 getestet; das entspricht einer Test-Quote von 0,4 pro 100000 Einwohner.

Zum Vergleich: In Südafrika waren es 98 Tests pro 100000 Einwohner. Indien hatte zu diesem Zeitpunkt 114000 Tests durchgeführt, was einer Quote von 8,3 pro 10000 Einwohner entsprach, bei Brasilien lag die Quote immerhin schon bei 21,5. Was aber immer noch extrem tief ist im Vergleich zur Schweiz. Sie hatte a. 7. April 167000 Tests durchgeführt und damit eine Einwohnerin oder einen Einwohner auf 2000 getestet.

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Verteilung der Tests muss koordiniert werden

«Wir sind überzeugt, dass die Unternehmen alles daran setzen, möglichst viele Länder beliefern zu können und die Tests dort hin zu bringen, wo der Bedarf am grössten ist», sagt Catharina Boehme von Find. Es brauche deshalb dringend eine internationale Instanz, welche die Verteilung der Tests koordiniert. «Die Zuteilung der Tests muss fairer werden, anders wird sich die Pandemie nicht wirksam bekämpfen lassen».

Roche schreibt dazu: Wir arbeiten mit Regierungsorganisationen und Aufsichtsbehörden zusammen, um sicherzustellen, dass die Tests dort verfügbar sind, wo sie am meisten benötigt werden und am wirksamsten sind - dort wo die die entsprechenden Geräte bereits installiert sind und somit sofort getestet werden kann. Die Patienten stehen dabei an erster Stelle.»