Vor zwei Wochen hat Sie noch keiner gekannt, jetzt stehen Sie an der Spitze jener Division, welche das Herzstück der Credit Suisse bildet.
Philipp Wehle: In den Medien war ich nicht präsent, das stimmt. Aufgrund meiner früheren Rolle als CFO bin ich innerhalb der Credit Suisse natürlich sehr bekannt und bestens vernetzt. Ich fühle mich geehrt, dass mir Tidjane Thiam und der Verwaltungsrat die Position des CEO der Division International Wealth Management (IWM) anvertraut haben.

Nicht überrascht, dass Sie jetzt als Chef der internationalen Vermögensverwaltung für Milliarden an Kundengeldern die Verantwortung tragen?
Dass ich einer der Kandidaten war, hat mich nicht überrascht. Als Finanzchef der Division kenne ichdiese bestens und habe die letzten dreieinhalb Jahre als Teil des Führungsteams mitgeholfen, die Division zu einem der führenden Anbieter in der Vermögensverwaltung zu machen.

Wichtig waren?
Zentral waren die Definition der Strategie, ihre Umsetzung und die Performance-Steuerung. Ein wichtiger Beitrag in meiner Funktion als CFO waren sicherlich auch die Integration der verschiedenen Bereiche der Division und mein Fokus auf der divisionsübergreifenden Zusammenarbeit. Nur so können wir für die komplexen Anforderungen unserer Kunden massgeschneiderte Lösungen entwickeln.

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Muss man ein Financer sein, um bei der Credit Suisse in der Vermögensverwaltung Karriere zu machen? Früher hat man dafür Private Banker gesucht.
Sicherlich nicht, aber seit längerem gibt es in der Finanzindustrie den Trend, Führungspositionen auch mit Finanzexperten zu besetzen, die aufgrund ihrer Funktion einen breiten Einblick in das Geschäftsmodell mitbringen.

Ihr Vorgänger wurde in den Medien als «Regenmacher» oder als «Star der Vermögensverwaltung» beschrieben. Diese Attribute streben Sie auch an?
Was für mich zutrifft, ist, dass ich Teams besser machen kann. Ich bringe Leidenschaft mit für die Aufgaben, die ich anpacke, und ich verfolge meine Ziele mit Beharrlichkeit. Manchmal muss man mit dem Team einen zweiten oder dritten Anlauf nehmen, um eine neue Idee zum Durchbruch zu bringen. Dieses Dranbleiben und diese Disziplin erwarte ich auch von meinen Mitarbeitenden. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren, um das gemeinsam Erreichte auf die nächste Ebene zu bringen.

Ein Frontmann im Private Banking waren Sie nie. Oder andersrum: Haben Sie je einem CS-Kunden die Hand geschüttelt?
Natürlich. Aber klar: In der neuen Rolle habe ich viel mehr Kundenkontakte.

Das liegt Ihnen?
Sehr sogar. In meiner Rolle als CFO war ich dafür verantwortlich, dass wir durch Investitionen in der Lage sind, unseren Kunden die besten und innovativsten Lösungen anbieten zu können. Die Regionalisierung der letzten Jahre hatte zum Ziel, noch näher bei unseren Kunden zu sein. Wir werden weiterhin wachsen, indem wir für unsere Kunden bessere Lösungen entwickeln. Dass es funktioniert, haben wir bewiesen.

Vermögensverwaltung hat viel mit persönlichen Kontakten, mit Verständnis für den Kunden, mit unterschiedlichen Kulturen und Generationen zu tun.
Absolut. Aufgrund meiner Erfahrungen und Expertise freue ich mich darauf, mit unseren Kunden gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die nächste Generation von Kunden sehe ich als eine unserer grössten Chancen und wir arbeiten seit 15 Jahren mit der Young Investors Organization zusammen, um die Bedürfnisse der nächsten Generation zu verstehen. Ich habe in meinem Berufsleben stets international gearbeitet und auch mein Management Team ist multikulturell zusammengesetzt.

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Auch bei der Führung machen Sie einen Riesensprung. In der Vergangenheit hatten Sie ein paar hundert Leute unter sich – jetzt sind es rund sechstausend Mitarbeitende.
Das ist ein deutlicher Sprung, keine Frage. Aber die Initiativen, die wir vorangetrieben haben – die regionalen Strategien oder die Weiterentwicklung unserer Plattform – hatten Einfluss auf viele Mitarbeitende der Credit Suisse.

Sie werden künftig viel mehr reisen und Ihre Kundschaft rund um den Globus besuchen?
Das Reisen wird sicherlich zunehmen, allerdings war ich bereits in meiner vorherigen Rolle viel unterwegs. Es ist für mich sehr wichtig, in meiner neuen Funktion als CEO nahe bei den Kunden und Teams in allen Märkten zu sein und einen engen und offenen Dialog zu führen. Deshalb besuchte ich nach meiner Ernennung bereits Kunden und Teams in London und São Paulo.

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Weshalb London und São Paulo?
Grossbritannien ist ein Wachstumsmarkt und London ein wichtiger Hub für unser Geschäft im Private Banking, Asset Management und für International Trading Solutions mit zentralen Funktionen. Vor Ort habe ich ein Town-Hall-Meeting gemacht und zahlreiche Gespräche mit Mitarbeitenden geführt. Brasilien ist für uns ein sehr wichtiger Wachstumsmarkt. Ich will nahe an den Kunden und Mitarbeitenden sein.

Sie halten an den Emerging Markets als Teil der zentralen Zielmärkte fest?
Absolut. Kontinuität ist Teil meines Ansatzes. Wir haben in den letzten Jahren unsere kundenzentrierte Strategie sehr gut umgesetzt. Darauf aufbauend werden wir neue Wachstumsinitiativen vorantreiben. Wir haben am Investor Day letzten Dezember gesagt, dass Zusammenarbeit und Skalierbarkeit für uns zentral sind. Daran werde ich weiterarbeiten, weil ich grosses weiteres Potenzial sehe.

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Konkret?
In einem nächsten Schritt werden wir uns noch stärker auf die Wachstumsmärkte in Subsahara-Afrika, Zentralasien und Brasilien konzentrieren. Diese Märkte, die wachsende Unternehmervermögen verzeichnen, werden einer der Schwerpunkte sein, die wir ausbauen wollen.

Auch Middle East bleibt ein Zielmarkt?
Das ist für uns ein absoluter Kernmarkt mit sehr vermögenden Unternehmern und Familien, die ihr Vermögen lokal erworben haben und die wir dabei unterstützen, ihre Assets global zu diversifizieren. Als lokaler Partner vor Ort mit globalen Kompetenzen können wir hier für unsere Kunden Mehrwert schaffen. Das gelang uns in den letzten Jahren sehr gut und ich sehe hier sehr viel Potenzial, weil der Bereich der sehr Vermögenden in Middle East pro Jahr zwischen 6 und 7 Prozent wächst. Es gibt nur sehr wenige Banken, die diesen Kunden eine Vielzahl von massgeschneiderten Dienstleistungen anbieten können. Wir gehören dazu.

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Sie streben in Saudi-Arabien eine volle Banklizenz an. Wie weit sind Sie?
Saudi-Arabien ist für uns ein wichtiger Markt. Die zuständigen Behörden von Saudi-Arabien haben unser Gesuch um eine Banklizenz für eine Zweigniederlassung der Credit Suisse AG in Saudi-Arabien Mitte Mai dieses Jahres bewilligt und ein entsprechendes Projekt befindet sich bereits in der Implementierungsphase.

Die politischen Risiken sind gross.
Das gilt generell für einige Marktgebiete der Division. Auch in Lateinamerika oder Russland gibt es Risiken, denen wir mit den entsprechenden Vorkehrungen im Bereich Risk und Compliance begegnen.

Chef der Milliarden

Name: Philipp Wehle

Funktion: Chef International Wealth Management, Mitglied Konzernleitung

Alter: 45

Familie: verheiratet, vier Kinder

Ausbildung: Oberleutnant Bundeswehr, Wirtschaftsstudium an der Universität Bonn

Vor zwei Wochen hat Vermögensverwaltungs-Chef Iqbal Khan die Grossbank überraschend verlassen. Sein Nachfolger ist sein ehemaliger Finanzchef. CS und UBS liefern sich einen harten Kampf um Neugelder.

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Die CS-Vermögensverwaltung hat offenbar eine Vorliebe für ehemalige UBS-Mitarbeitende. Sie haben dem Konkurrenten Teams in Mexiko, Spanien und in Grossbritannien abgeworben. Geht das weiter?
Als wir 2015 mit der neuen Strategie loslegten, hatten wir die Zielsetzung, IWM zum bevorzugten Arbeitgeber in der Vermögensverwaltung zu machen. Hochqualifizierte Mitarbeitende kommen von verschiedenen Mitbewerbern zu uns, weil wir offenbar attraktiv sind.

Ihr Führungsstil?
Für mich gibt es einen einfachen Grundsatz: Behandle deine Mitmenschen, wie du selber behandelt werden möchtest. Damit bin ich stets gut gefahren.

Und darüber hinaus?
Ich bin ein Fussballfan. Mir ist extrem wichtig, dass wir eine klare Spielidee haben und jeder auf dem Platz seine Rolle kennt. Ich achte darauf, dass die Raumaufteilung stimmt und dass die Positionen der Spieler nach deren Stärken verteilt sind, wobei wir offensiv spielen wollen. Ich bin fordernd mir gegenüber und gegenüber anderen. Ich erwarte eine gewisse Leidenschaft von mir und meinem Team. Es reicht nicht, einfach einen Job zu machen und Aufgaben abzuarbeiten.

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