Seit Wochen gibt es schlechte Nachrichten aus der Luftfahrtbranche: Verspätungen, Flugausfälle, genervte Passagiere und die Aussicht, dass es wohl eher schlimmer als besser für Passagiere wird.

Jüngstes Beispiel in dieser Woche: Die Swiss muss erneut einräumen, dass viele Flüge ausfallen, Zehntausende Kundinnen und Kunden sind betroffen.

Doch warum ist das so? Zumal Corona als überwunden gilt, viele Reisebeschränkungen aufgehoben sind. Ausserdem: Wer ist schuld an der Misere? Und wie geht es weiter?

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Nicht nur den Airlines fehlt das Personal

Sicher ist: Corona war die bisher grösste Krise für die Luftfahrtbranche. Weltweit wurden Hunderttausende Mitarbeitende entlassen, viele Airlines überlebten nur mit staatlicher Hilfe. Kein Wunder, dass sich da nicht mal eben alles schnell erholt. Doch es gibt mehrere Gründe, warum es in der Branche trotz der mittlerweile eingesetzten Erholung alles andere als rundläuft.

Zum einen: Es fehlt das Personal. Nicht nur bei den Airlines im Cockpit und den Flugbegleitern, sondern auch bei Flughäfen, bei den Sicherheitskontrollen, den Bodenabfertigungsfirmen, also zum Beispiel beim Handling des Gepäcks. 

Die Folge ist, dass überall in Europa Flüge in grossem Stil ausfallen, die Wartezeiten an den Flughäfen sind exorbitant, die Nerven der Reisenden liegen blank. 

Vergangenen Samstag stellte die Fluggesellschaft KLM den Passagier-Transport von europäischen Flughäfen nach Amsterdam zeitweise ein. Das hatte zwar auch mit schlechtem Wetter und Bauarbeiten zu tun. Doch schon seit Wochen herrscht am Airport Schiphol der Ausnahmezustand wegen langer Wartezeiten. Daher war der Ticketverkauf schon drastisch reduziert worden.

Auch in Grossbritannien spitzte sich die Lage zu, enorme Wartezeiten, viele Flugausfälle gab es. Ähnliches passiert an Airports in Deutschland. In der Schweiz sind solch miserablen Verhältnisse an den Flughäfen dagegen bisher nicht zur Regel geworden. Aber in der hoch komplexen Aviatik hängt alles zusammen. Umsteige-Passagiere sind so ebenfalls betroffen, wenn es in Zürich einigermassen gut klappt. Und der grosse Ansturm im Sommer steht Zürich noch bevor.

Flugbegleiter fühlen sich überlastet und schlecht bezahlt

Warum also nicht mehr Leute einstellen, die das Durcheinander fix beheben? Das ist leider nicht so einfach.

Viele Crew-Mitglieder haben die Branche längst verlassen, weil die Airlines sie gefeuert hatten. Besonders Flugbegleiter fühlen sich überlastet, unterbezahlt und haben wenig Lust, in einem Job zu arbeiten, der nur noch wenig Glamour bietet. 

Sich dauernd mit Masken-Gegnern an Bord rumzuärgern, macht keine Freude. Der anstrengende Schichtbetrieb auch nicht. Und die Aussicht, dass die Lage nicht gerade besser wird, kommt noch hinzu.

Ebenso am Boden: Gepäck sortieren und andere Dienstleistungen für die Airlines wie den Check-in übernehmen, diese Jobs sind nicht gerade super begehrt. Bodenabfertigungsfirmen haben sehr viel Personal abgebaut, das nur schwer zu ersetzen ist, zumal die Bezahlung eher mau und die Jobaussichten nicht sehr stabil sind. 

Hinzu kommt: Mal eben schnell neue Leute einarbeiten, das geht nicht. Sicherheitsüberprüfungen dauern. Und es braucht seine Zeit, bis zum Beispiel Flugbegleiter ausgebildet sind. Erschwerend, dass bald schon die Sommerferien beginnen. Die Personalprobleme werden sicherlich über den Sommer hinaus bestehen bleiben.

Airlines haben zu viele Tickets angeboten

Also fahren Airlines ihre Flugpläne wieder deutlich runter. Und so finden Kundinnen und Kunden in ihren E-Mail-Postfächern plötzlich Stornierungen vor. Statt sich auf die Flugreise zu freuen, können sie bestenfalls umbuchen oder müssen ihr Geld zurückverlangen. Ferienfreude sieht anders aus.

Haben Airlines sich verplant? Viele Airlines-Bosse sind sicherlich überrascht worden vom Anstieg der Kundennachfrage, besonders was das Segment der Freizeit- und Ferienreisen angeht. Bei manchen Anbietern dürfte eine Rolle gespielt haben, dass sie zu viele Angestellte entlassen und nun im Aufschwung zu viele Tickets angeboten haben. Die grosse Nachfrage zu bedienen, gelingt nicht. Kuriose Konsequenz: Easyjet baute sogar Sitze aus den Fliegern aus, damit es weniger Kabinenpersonal während des Fluges braucht. 

Zuvor hatten Airline-Planer oft mit ihren Prognosen danebengelegen. Da hiess es, wir fahren die Kapazitäten schleunigst hoch, damit die reisehungrige Kundschaft abheben kann. Doch dann machten neue Corona-Varianten und wiederholte Reisebeschränkungen alle positiven Pläne zunichte.

Weltweit haben Fluggesellschaften in den drei Jahren bis 2022 mehr als 200 Milliarden Dollar verloren.

Was viele Menschen übersehen: In Europa mag der Reiseverkehr wieder einfacher sein. In anderen Regionen, wie in Asien, ist das nicht der Fall. Auch für Reisen zum Beispiel in die USA ist immer noch ein negativer Corona-Test nötig.

Wie geht es weiter? Überall in der Aviatik ist das Bestreben gross, den Ärger zu minimieren. Der Flughafen Schiphol in Amsterdam etwa will mehr Personal anwerben und höhere Löhne zahlen. Ein anderes Beispiel: Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter der Lufthansa sollen bei der Konzerntochter Swiss aushelfen.

Ob das alles hilft? Die Probleme der Airlines bleiben gross. Sie müssen Schuldenberge nach Corona abtragen. Die hohen Kosten für Kerosin schlagen zusätzlich zu Buche. Der Ukraine-Krieg geht weiter, inklusive grossräumiger Flugraumsperrungen, die teure Umwege erzwingen. Weltweit haben Fluggesellschaften in den drei Jahren bis 2022 mehr als 200 Milliarden Dollar verloren, rechnet Bloomberg aus.

Gründe für höhere Flugticket-Preise

Flugpreise haben zugelegt. Dafür gibt es mehrere Gründe, die nicht alle von den Fluggesellschaften zu verantworten sind:

  • Parkierte Riesenjets machen Fliegen teurer

Fluggesellschaften sind vorsichtig, wenn es darum geht, stillgelegte Jets zurückzubringen. Das gilt insbesondere für Riesenflugzeuge wie die A380-Superjumbos von Airbus und die älteren 747-8 von Boeing, da Fluggesellschaften auf treibstoffeffizientere Modelle wie A350 und 787 Dreamliner umsteigen. Am stärksten ist der Druck in Asien, wo die Beschränkungen am langsamsten gelockert wurden, und in China, dem grössten Markt in der Region, der im Wesentlichen geschlossen bleibt. 

  • Kleinere Netzwerke machen Fliegen teurer

Fluggesellschaften haben während der Covid-19-Krise ihre Netze verkleinert, vor allem Cathay Pacific, die durch die strengen Reise- und Quarantänevorschriften in Hongkong eingeengt wurde. Das hat dazu geführt, dass Reisende lange Reisen mit einer oder mehreren Zwischenlandungen in Betracht ziehen, während sie früher vielleicht direkt geflogen wären. Da weniger Flugzeuge in der Luft sind, gibt es weniger Sitze, um die gestiegene Nachfrage zu befriedigen, was wiederum die Flugpreise in die Höhe getrieben hat.

  • Höhere Treibstoffpreise machen Fliegen teurer

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat den stetigen Anstieg der Rohölpreise verschärft. Der Anteil des Kerosins an den Kosten einer durchschnittlichen Fluggesellschaft ist von 27 Prozent in den Jahren vor 2019 auf bis zu 38 Prozent gestiegen. Bei einigen Billigfliegern liegt er sogar bei 50 Prozent. Viele Fluggesellschaften konnten die gestiegenen Treibstoffkosten bisher auffangen – allerdings nur, indem sie sie in Form höherer Flugpreise an die Reisenden weitergegeben haben.

(Bloomberg)

Derweil klettern die Ticketpreise weiter (siehe Box). Trotz dem Reisefrust und hohen Flugkosten sind viele Menschen nach der langen Reiseabstinenz wegen Corona aber dennoch in Flug- und Reiselaune. Das Motto lautet: Revenge-Travel, also Rache-Reisen, sich endlich mal wieder etwas gönnen. Daher sind sie auch gewillt, mehr Geld auszugeben. 

Egal, ob es der Blick in die Geldbörse oder die nervenaufreibende Mehrbelastung am Airport ist: Viele Reisende werden diesen Sommer einen hohen Preis für ihr Flugreise-Erlebnis zahlen müssen.

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Tim Höfinghoff
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