Zum Ausklang des alten Jahres lud Marc Rich wieder einmal zum Fest. 60 Gäste folgten der Einladung des Multimillionärs hoch in die Berge zu seiner Winterresidenz an der Via Suvretta in St. Moritz. Man trank, redete, und Rich genoss die Gesellschaft in seiner Villa im verschneiten Engadin.

Im Dezember wurde der Mann, der einst den Handel mit Rohstoffen revolutionierte, 76 Jahre alt. An guten Tagen, wenn die Sonne auf die schneebedeckten Berge brennt - so wird erzählt - steige Rich noch immer auf seine Skier. Doch nicht jeder Tag ist inzwischen ein guter Tag. Freunde berichten, Marc Richs Tagesform schwanke. «Es geht ihm nicht immer wahnsinnig gut», sagt einer.

Noch vor wenigen Jahren umfasste die Marc Rich Group 90 Gesellschaften in 16 Ländern: Tochterfirmen, Finanzvehikel, Stiftungen, Fonds. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte für die einen, ein organisatorischer Albtraum für die anderen. Besonders wenn man darüber nachdenkt, wie das Imperium dereinst an die nächste Generation weitergegeben werden soll.

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Rich ist nicht mehr Gesellschafter

Seit zwei Jahren sind Finanzexperten, Anwälte und Berater daran, Ordnung in Richs Firmengeflecht zu bringen. «Das Unternehmen musste nach den Wirren und Stürmen der Finanzkrise, die auch Rich substanzielle Verluste gebracht haben, redimensioniert werden», sagt einer, der Einblick in das Unternehmen hat.

In den letzten zwölf Monaten wurden etwa die Marc Rich Nominees AG und die Marc Rich Real Estate GmbH in die Holding integriert und die Marc Rich Agriculture AG liquidiert. Den Handel mit Rohstoffen hatte Rich schon vor Jahren aufgegeben. Die meisten noch existierenden Firmen dienten fast ausschliesslich der Bewirtschaftung des eigenen Vermögens: «Die korrekte Bezeichnung für die Marc Rich Group ist eigentlich: Family Office», sagt der Rich-Vertraute.

Letzten Herbst vereinfachte sich dann auch die Besitzstruktur: Die wohltätige Stiftung The Marc Rich Foundation for Education, Culture and Welfare schied als Junior-Gesellschafterin der Gruppe aus. «Das waren alles Vorbereitungsarbeiten für das übergeordnete Ziel», sagt ein anderer Insider. «Es gilt, die Gruppe so aufzustellen, dass sie sauber an die nächste Generation weitergegeben werden kann.»

Offenbar waren die Vorbereitungsarbeiten letzten November so weit gediehen, dass der bisher grösste Schritt erfolgen konnte: Marc Rich, der Rohstoffhändler aller Rohstoffhändler, trat als Gesellschafter aus seiner vor Jahrzehnten gegründeten Gruppe aus. Das geht aus Einträgen im Handelsregister hervor.

Rich bleibt zwar weiterhin Geschäftsführer der Holding, doch als neue und alleinige Gesellschafterin fungiert seither die Virtage Trustees GmbH mit Sitz in Zug. Diese wiederum ist zu 100 Prozent mit der Kendris private verhängt, dem früheren und mittlerweile selbstständigen Treuhand-Arm der KPMG.

Die Marc Rich Group will zu den Beweggründen keine Stellung nehmen. Doch für Treuhänder ist klar: Die Kendris private dürfte nur treuhänderisch tätig sein und eine Scharnierfunktion übernehmen. Es sei sehr wohl denkbar, dass die Marc-Rich-Gruppe zu einem späteren Zeitpunkt wieder an die Familie zurückgegeben werde.

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Die nächste Generation ist bereits heute involviert. In den letzten zwei Jahren haben sich die beiden Ehemänner von Richs Töchtern vermehrt dem Management der Gruppe gewidmet. Der eine ist Kenny Schächter mit Wohnsitz London. Er ist ein bekannter Kunstexperte, dem man auch in den Gloom-Doom-Boom-Reports von Marc Faber begegnet, wenn es um Kunst geht. Der andere ist Richard Kilstock, ein New Yorker Immobilien-Tycoon aus vermögender Familie.

Doch nicht nur die Gesellschaftsstruktur gerät in Bewegung. Die Gruppe hat auch ihre Büros an der Baarerstrasse 53 in Zug per Ende Juni gekündigt, wie die Liegenschaftsverwaltung bestätigt. Dazu heisst es am Firmensitz: «Die Gruppe überprüft die Bürosituation mit dem Ziel, neue Büroräumlichkeiten zu beziehen», wie Sprecher Christian König sagt. Gegenwärtig arbeiten dort nach einem Personalabbau in der Finanzkrise noch rund zehn Leute. Wohin das Family Office dereinst ziehen wird, ist noch offen. «Es kann in der Schweiz bleiben oder auch nach London ziehen», sagt eine Marc Rich nahe stehende Person. Beide Varianten seien schon angedacht worden.

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Die Pläne sind jedenfalls in Zug und Luzern bereits heute Gesprächsstoff. Ob in der Gemeindeverwaltung von Meggen LU, wo Marc Rich die Villa Rose bewohnt, oder bei Rohstoffhändlern, Bankern und Luxus-Immobilienmaklern in Zug: Alle wollen gehört haben, dass der frühere Rohstoff-Tycoon London-Pläne prüft.

Meggen oder London?

Dabei geht es nicht nur um das Family Office, sondern auch um den Wohnsitz von Marc Rich selbst. Gegenwärtig pendelt der Amerikaner je nach Jahreszeit zwischen seinen luxuriösen Wohnsitzen im südspanischen Marbella, in St. Moritz, in Meggen und in London.

Um die Wohnsitzfrage kommt keiner herum, der sich überlegt, wie sein Vermögen weitergereicht oder vererbt werden soll. Das weiss auch Marc Rich. «In der Gruppe macht man sich solche Gedanken», sagen ihm nahe stehende Personen. Damit beschäftigt haben sich auch Anwälte, die sich London genauer angeschaut haben. Denn in der britischen Metropole ist das Erbrecht liberaler als etwa in der Schweiz. Es kann stärker mittels Verträgen geregelt werden, was mit dem Vermögen geschehen soll. Das kann bei grossen Vermögen ein entscheidender Vorteil sein.

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Diskussionen in der Familie

London hat auch sonst gute Karten bei Rich. Schon seit Jahren besucht der Lebemann regelmässig das britische Finanzzentrum. Denn seine Tochter Ilona lebt dort. In letzter Zeit seien die Reisen an die Themse nun häufiger geworden, heisst es aus seinem Umfeld. Nächstes Jahr plant auch die zweite Tochter, Danielle, von den USA nach London umzusiedeln. Und Richs Freundin Dara Sowell, Society-Lady und Schauspielerin aus New York, mag die britische Hauptstadt. Im gemächlichen luzernischen Meggen fühlt sie sich unwohl. «Die London-Frage wird derzeit in der Familie diskutiert», sagt ein Freund von Rich. «Doch erstens ist bei Marc Rich nie etwas beschlossen, bevor es unterschrieben ist, und zweitens hängt er selbst an der Schweiz.»

Gut möglich, dass sich Richs Lebensmittelpunkt stärker nach London verschiebt. Eine vollständige Absage an die Schweiz wäre das nicht. «Marc Rich wird seinen Wohnsitz in der Schweiz behalten», lässt die Gruppe verlauten, deren Gesellschafter er nun nicht mehr ist.

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