Für ihre Kunden machte sie Träume wahr. Zehn Jahre führte Ruth Wijesooriya-Brühwiler am Zürcher Hegibachplatz ein unabhängiges Reisebüro. In der Blütezeit beschäftigte ihre Zurikan Travels mehrere Leute. Dann kam die Finanzkrise und mit ihr der stetige Niedergang. Die letzten beiden Jahre kämpfte die Unternehmerin als Ein-Frau-Betrieb ums Überleben.

Seit Kurzem ist endgültig Schluss. Wijesooriya-Brühwiler kann nicht mehr. Sie macht ihren Albtraum wahr und begibt sich mit ihrer Firma auf die letzte Reise. Der Entscheid für die Geschäftsaufgabe fiel vor drei Monaten. «Schweren Herzens», sagt die 44-Jährige. Es seien vor allem wirtschaftliche Beweggründe.

Das Schicksal von Zurikan Travels gehört in der Schweiz zum Alltag. Nach dem Lädelisterben im Detailhandel rafft nun ein brutaler Strukturwandel die klassischen Reisebüros reihenweise dahin. Terrorgefahren, Naturkatastophen und die Billigkonkurrenz aus dem Internet treiben die Entwicklung voran. Allein im letzten Jahr mussten über 200 Unternehmen dicht machen. Neugründungen gab es dagegen kaum. Unterm Strich schrumpfte die Branche um stolze 176 Büros.

Anzeige

Die neusten Zahlen der Markus Flühmann AG (siehe Grafiken) bestätigen das anhaltende Massensterben. Das Aargauer Unternehmen beliefert hierzulande sämtliche Reisebüros mit den Katalogen aller relevanten touristischen Anbieter wie etwa Kuoni, Hotelplan oder TUI. Flühmanns Statistik spricht eine deutliche Sprache. In den letzten zehn Jahren verschwanden unter dem Strich beinahe 1400 Reisebüros. Klammert man die kleineren Bahnhöfe und Tauch-/Surfshops aus, die keine Reisen mehr verkaufen, sind es immer noch 1000 Reisebüros, die von der Bühne abgetreten sind. Jetzt sind in der Schweiz noch etwas mehr als 2300 Büros übrig - Tendenz weiter fallend.

Der Niedergang der Branche erfolgt dabei schubweise: Jedes Mal, wenn es irgendwo auf der Welt zu einer Tragödie kommt, schlägt das sofort auf die Umsätze und die Profite durch. Wenn die Reserven aufgebraucht sind, beginnt mit einer Zeitverzögerung der Exitus der Firmen. Im ersten Jahr nach einer Katastrophe gehen nur wenige pleite oder geben freiwillig auf. Im zweiten Jahr setzen dann die Schliessungen ein, wie dies nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center im Jahr 2001, dem Tsunami in Asien 2004 oder der jüngsten Finanzkrise der Fall war. Im dritten Jahr nach der Krise schrumpft die Szene nochmals deutlich.

Nettorendite fällt unter 1 Prozent

Die Todeswellen nach den Umsatzdellen lassen sich auch mit der Entwicklung der Nettorenditen der Reisebüros erklären. Der Schweizerische Reisebüro-Verband (SRV) befragte Mitte vergangenen Jahres mehr als 700 Verkaufsstellen. Fast zwei Drittel haben geantwortet. Das Ergebnis ist ernüchternd. Die durchschnittliche Nettorendite lag in den letzten zehn Jahren nur einmal über 3,0 Prozent. Im Sog von 9/11 fiel sie 2002 auf 0,9 Prozent, um 2003 auf 0,1 Prozent abzustürzen. Infolge der Finanzkrise brach sie 2009 von 2,1 Prozent auf 0,8 Prozent ein. Und für 2010 prophezeite nur jedes zehnte Reisebüro eine Trendwende.

Das grosse Sterben ist für Manager der fünf grössten Reiseveranstalter, die ihr Filialnetz in den letzten zehn Jahren entweder gehalten oder ausgebaut haben, leicht zu erklären. Vom Auslaufmodell Reisebüro will freilich keiner etwas wissen.

«Viele Betriebe wurden nicht nach wirtschaftlichen Gründen geführt. Diese Besitzer hörten mangels Verkaufsmöglichkeiten auf», sagt Thomas Stirnimann. Er führt die Migros-Reisetochter Hotelplan Suisse, die Nummer zwei im Markt.

Ähnlich klingt es beim Branchenprimus Kuoni Schweiz. Die meisten verschwundenen Reisebüros seien Einzelbetriebe gewesen, die aufgrund mangelnder Nachfolgelösungen aufgeben mussten. «Die Zunahme alternativer Absatzkanäle führte zusätzlich zu Schliessungen», sagt Gianni Moccetti, Leiter Wiederverkauf. Die Beratungsqualität, die Spezialisierung sowie die Modernisierung müssten sich «flächendeckend verbessern».

André Lüthi, Chef der Globetrotter Group und damit der Nummer fünf im Markt, wird noch deutlicher: «Es ist nicht mehr getan mit Katalogvorlesen, wie dies in einigen Reisebüros immer noch üblich ist. Diese haben den Zeitpunkt verpasst, sich klar zu positionieren und zu fokussieren.» Darüber hinaus sei Buchen im Internet immer günstiger, demzufolge müsse im Reisebüro ein echter Mehrwert geboten werden. «Anscheinend ist dies nicht allen gelungen. Zusätzlich spielt die Margenerosion eine bedeutende Rolle», so Lüthi.

Und wie stark hat die jüngste Wirtschaftskrise den Umbau der Branche beschleunigt? Rainer Schenkel, Finanzleiter von TUI Suisse (Nummer drei), meint: «Sie wurde von den gesunden Unternehmen in der Reisebranche mit Massnahmen wie Kurzarbeit gut überbrückt und ist kein entscheidender Grund für den Strukturwandel.» Dieser sei schon Ende der 1990er-Jahre mit dem Platzen der Dotcom-Blase eingeleitet worden.

Bei den Verbandsoberen des SRV gibt man sich denn auch betont gelassen. Die meisten der verschwundenen Firmen waren keine Mitglieder: «Wir haben bei weitem nie so viele Betriebe verloren», sagt Geschäftsführer Walter Kunz. «Wir waren nur in einzelnen Fällen von Übernahmen, Fusionen oder Aufgaben betroffen.» Die Zahl der SRV-Aktivmitglieder ist in den letzten zehn Jahren nur von 880 auf 833 zurückgegangen. Die grösste Dachorganisation der hiesigen Reisebranche repräsentiert nach eigenen Angaben etwa 80 Prozent des Gesamtumsatzes dieses Wirtschaftszweiges; vor allem aufgrund der grossen Ferienreisenanbieter Kuoni, Hotelplan und TUI Suisse sowie der grossen Geschäftsreisenanbieter HRG, CWT und American Express sowie deren fast 400 Verkaufsstellen.

Die Kundengelder der SRV-Mitglieder werden mehrheitlich beim Garantiefonds der Schweizer Reisebranche abgesichert. Auch dort weiss man nichts von dramatischen Rückgängen zu berichten, wie Geschäftsführer Urs Herzog versichert. 2010 ist die Menge der Vertragsnehmer kaum zurückgegangen. Sie bringen es inklusive Verkaufsstellen auf nach wie vor fast 1500 Teilnehmer. Laut Herzog stehen letztes Jahr 22 Eintritten 16 Austritte gegenüber, davon zwölf Aufgaben, zwei Übernahmen, zwei Konkurse - 2009 waren es drei Bankrotte.

Rettende Übernahmen sind selten

Es sind also vor allem unorganisierte Einzelkämpfer, die verschwunden sind und verschwinden werden. Für Roger Geissberger, Chef der Knecht Reisegruppe (Nummer vier) bewirkte die Wirtschaftskrise «eine heilsame Bereinigung». Die grossen Reiseveranstalter erhielten oft Angebote von unabhängigen Reisebüros. Trotzdem seien rettende Übernahmen selten, weil die meisten unrentabel seien und «auch in unserer Struktur nicht gewinnbringend geführt werden können».