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«Das Grounding war beabsichtigt»

Zehn Jahre nach dem Swissair-Grounding attackiert Ex-Airline-Chef Mario Corti die damalige Schweizer Elite. Sein Vorwurf: Eine Rettung war möglich, aber nicht gewollt. Ex-Verwaltungsrat Thomas Schmidh

«Es bestanden und bestehen keine Zweifel, dass eine Rettung der Swissair-Gruppe auch nach den tragischen Ereignissen des 11. Septembers absolut möglich war» - das schreibt der damalige Swissair-Chef Mario Corti auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Swissair-Grounding in einem Gastbeitrag im «Sonntag».

Das Grounding und die daraus folgenden Schäden seien keinesfalls ein gewissermassen unabwendbares Naturereignis gewesen. «Grounding und Nachlassstundung waren beabsichtigt und wurden von den geistigen Vätern des 'Phönix'-Plans ganz bewusst in Kauf genommen. Der Bund entschloss sich erst nachher zur Hilfe», ist Corti überzeugt.

«Niedertracht ich im Laufe der Krise»

Heute wisse man, dass dies eine sehr teure «Lösung» des ganzen Problems gewesen sei. «Mein persönliches Vertrauen in gewisse Vertreter der helvetischen Elite wurde jedenfalls gründlich und wohl für immer zerstört», schreibt Corti weiter.

Es bleibe nur zu hoffen, dass das unnötige und abwendbare Grounding der Swissair ein einmaliger und sich nicht wiederholender Unglücksfall gewesen sei.

Er würde auch heute noch von seinem damaligen Posten als Nestlé-Finanzchef zu Swissair zu wechseln. «Allerdings konnte ich im März 2001 nicht ahnen, als wie wertlos sich Zusicherungen von hochgestellten Exponenten erwiesen und mit welcher Niedertracht ich im Laufe der Krise konfrontiert werden sollte», schreibt Corti.

Swissair too big to fail?

In einem Interview mit der «Sonntagszeitung» äusserte sich auch der Holcim-Grossaktionär und ehemalige Swissair-Verwaltungsrat Thomas Schmidheiny kritisch zur Rolle der Schweizer Politik.

«Ich bin überzeugt, dass die Swissair mit einer Bundesgarantie überlebt hätte», sagte Schmidheiny. Eine solche hätte die Kreditoren beruhigen und so den Untergang der Fluggesellschaft abwenden können. Der Bundesrat habe versagt, so das Fazit Schmidheinys.

Immerhin habe die Regierung «aus dem Fall Swissair gelernt und bei der UBS Milliarden eingeschossen». In einem gewissen Sinne sei aber die Swissair, ebenso wie die UBS, zu gross gewesen, um fallengelassen zu werden, sagte Thomas Schmidheiny. «Ohne Fluggesellschaft ist die Schweiz nicht an die Welt angebunden.»

Das Ende der Swissair

Corti hatte am Abend des 29. September 2001 Alarm geschlagen: Die Swissair könne die Oktober-Löhne nicht mehr sicher zahlen, warnte er. Die Airline brauchte Geld, um den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten.

Der Bund und die Grossbanken UBS und Credit Suisse konnten sich nicht einigen, ob und wie sie die Swissair oder Teile von ihr mit Krediten retten wollten. So ging ein Wettlauf gegen die Zeit verloren, denn Geschäftspartner wie etwa die Treibstofflieferanten wollten ihr Geld sofort sehen.

Am 2. Oktober wurde klar, dass die Airline ihre Zulieferer wohl nicht mehr bezahlen konnte. Das Grounding der Flotte nahm seinen Anfang, als in London zwei Swissair-Maschinen am Boden bleiben. Die Swissair hatte die Landegebühren nicht bezahlt.

Corti und UBS-Chef machen sich Vorwürfe

Noch immer wartete die Swissair auf das Geld der Banken oder es Bundes, das aber nie eintraf. Nachdem die Swissair keinen Treibstoff mehr bekam, wurden um 16.15 Uhr alle Flüge suspendiert, die Flugzeuge reihten sich auf dem Boden, 38'000 Passagiere strandeten. Es war das Ende der Swissair.

Es ist nie zu hundert Prozent geklärt worden, warum das Geld der Banken nicht floss. Die UBS und ihr damaliger Chef Marcel Ospel sind bis heute dem Vorwurf ausgesetzt, der Swissair den Todesstoss versetzt zu haben. Ospel und der letzte Swissair-Konzernkapitän Corti warfen sich gegenseitig Fehlverhalten vor.

(tno/sda)

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