Walter F., ein rüstiger Siebzigjähriger, starb bei einem Waldspaziergang überraschend an einem Herzversagen. Angesichts der verschiedenen dringenden Pflichten im Zusammenhang mit der Bestattung fühlten sich die Angehörigen überfordert. Hilfesuchend kontaktierten sie - der Tipp kam von einem Mitarbeiter des örtlichen Bestattungsamtes - die Firma Dimovera.

Das Jungunternehmen in Winterthur haben die Geschwister Corina (27) und Fabrizio Soncini (29) vor einem Jahr gegründet. Das Startup übernimmt alle Aufgaben, die sich bei einem Todesfall den Hinterbliebenen stellen: Von der Organisation der Bestattung und des Leidmahls bis zu administrativen Erledigungen wie etwa der Auflösung des Wohnsitzes.

80 bis 100 Stunden Arbeit pro Todesfall

Beim Bestattungsmarkt geht es hierzulande um ein Geschäft von mehreren hundert Millionen Franken im Jahr. Kein Wunder, dass neue Anbieter wie Dimovera mit ihren Ideen versuchen, einen Teil davon für sich zu gewinnen. Zumal im Ausland solche Anbieter längst etabliert sind, vor allem im angloamerikanischen Raum gibt es viele Generaldienstleister für den Todesfall.

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«Viele unterschätzen die Tatsache, dass bei einem Todesfall auf die Hinterbliebenen 100 bis 200 Aufgaben warten, die einen Aufwand von 80 bis 100 Stunden verursachen», sagt Corina Soncini. Um dies alles aus dem normalen beruflichen Alltag heraus selber zu erledigen, fehlt vielen Angehörigen die Zeit. Oder sie fühlen sich, weil sie sich zuvor nicht mit dem Tod beschäftigt haben, in der Situation überfordert.

Trauernden den Rücken freihalten

Umso dankbarer greifen sie zum Telefonhörer, um die Angelegenheit an Firmen wie Dimovera zu delegieren. Erhält Corina Soncini einen Anruf, fasst sie den dicken Ordner, der eine detaillierte Checkliste für den Todesfall enthält, und besucht die Trauerfamilie. Mit dieser legt sie die notwendigen Schritte fest: Meldung an das Bestattungsamt, Trauerkarten, Todesanzeige, Blumenschmuck, Gestaltung der Abdankungsfeier und so weiter. «Wir versuchen, in der schweren Zeit der Trauer den Angehörigen den Rücken möglichst freizuhalten», so die Jungunternehmerin.

Zum Angebot von Dimovera gehört nicht nur die Unterstützung im Todesfall, sondern auch die Vorsorge zu Lebzeiten. «Diese Art von Beratung macht 60 Prozent unseres Auftragsvolumens aus», erklärt Fabrizio Soncini. Die Kunden sind meistens ältere Menschen, die ihren Angehörigen den Abschied erleichtern möchten, indem sie frühzeitig alles regeln. Auch die Checkliste für die Vorsorge ist umfangreich. Abzufassen sind unter anderem die Patienten-, Betreuungs- und Bestattungsverfügung sowie das Testament. Es gilt, Adresslisten zu erstellen und allenfalls Computer-Passwörter zu hinterlegen. Anordnungen etwa zur Auflösung der Wohnung komplettieren diese Vorbereitung.

Generalplaner für die Bestattung

Solche Dienstleistungen bieten auch traditionelle Bestattungsdienste, Treuhänder oder Vorsorgeberater an. Neu ist aber, dass Dimovera alle Aufgaben zum Gesamtpaket bündelt und im Stile eines Generalplaners im Todesfall die Regie übernimmt. Bei der Umsetzung arbeitet das Unternehmen mit Partnern. Dazu gehören das örtliche Bestattungsamt, der Pfarrer oder Abdankungsredner, Musiker, Druckerei, Floristen, Restaurant, Immobilienmakler und Bildhauer.

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Der Auftrag ist mit der Bestattung in der Regel noch nicht abgeschlossen. Vielmehr warten weitere Aufgaben: Danksagungskarten sind zu verschicken, Verträge, Abos und Konten aufzulösen, Rückforderungen geltend zu machen, E-Mail- und Social-Media-Accounts zu löschen, die Wohnungsräumung und -reinigung in die Wege zu leiten, mitsamt Entsorgung des nicht mehr benötigten Mobiliars. Die professionellen Helfer, dies ist ihr grosser Vorteil, wissen um alle Notwendigkeiten und können folglich den Vorsorge- und Bestattungsprozess systematisch und effizient abwickeln. «Die Angehörigen hingegen investieren zuerst einmal viel Zeit, um sich zu informieren, was es denn im Todesfall alles zu erledigen gilt und wo die geeigneten Dienstleister zu finden sind», sagt Fabrizio Soncini.

Teurer Abschied

Professionelle Helfer kennen sich auch besser mit Preisen aus. Denn Sterben ist bekanntlich nicht gratis. Selbst wenn sich ein Mensch schlicht, aber mit der gebotenen Würde aus dieser Welt verabschiedet, kostet das mindestens ein paar Tausender. Allein für die Todesanzeige ist mit 400 bis 3000 Franken zu rechnen, für den Blumenschmuck mit 500 bis 3000 Franken. Die Wohnungsräumung und -reinigung durch ein Unternehmen ist ebenfalls teuer.

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Und wer nach alter Tradition einen Grabstein mitsamt Grabpflegvertrag bestellt, sollte dafür mindestens 7500 Franken einkalkulieren. «Im Schnitt ist bei einem Todesfall in der Schweiz mit Kosten von 10 000 - 15 000 Franken zu rechnen», rechnet Fabrizio Soncini vor. Nicht enthalten in dieser Summe ist eine allenfalls komplizierte Erbteilung, die den Beizug eines Anwalts erfordert und schnell einen fünfstelligen Betrag verschlingen kann.

Volum bis zu 1 Milliarde Franken

Rechnet man die skizzierten Durchschnittskosten mal jährliche Todesfälle (im Jahre 2014 starben in der Schweiz 63 938 Personen), so dürfte der Bestattungsmarkt ein Volumen von 640 Millionen bis annähernd 1 Milliarde Franken erreichen. Der Dimovera-Chef betont, dass man als neuer Mitspieler auf dem Markt nicht einfach Wachstum auslösen wolle, sondern auf Kostenneutralität hinarbeite. Denn die Partnerfirmen, mit denen das Startup zusammenarbeitet, gewähren im Gesamtpaket den Kunden einen Rabatt, der in etwa dem Honorar von Dimovera entspricht. Für die Hinterbliebenen soll also der über den Generalplaner abgewickelte Todesfall nicht teurer werden als ohne dessen Hilfe.

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Mittlerweile macht das Beispiel Dimovera Schule. Nach ähnlichem Modell arbeitet das im April 2015 gegründete Startup Funeral Planning in Rapperswil. Dessen Name verrät, dass die Geschäftsidee nicht ganz neu ist. So haben sich im Ausland solche Unternehmen für den Todesfall schon länger etabliert, wohingegen die Dienstleistung in der Schweiz noch als innovativ gilt. So ist Barbara Schärz, die 49-jährige Gründerin von Funeral Planning, für ihre Geschäftsidee im Juni mit dem Hauptpreis des 1. Jungunternehmerforums St. Gallen ausgezeichnet worden.

Bestatter als Konkurrenten und Partner

Trotz dem innovativen Anspruch stossen Jungunternehmen wie Dimovera und Funeral Planning keineswegs in eine völlig unbeackerte Nische vor. Viele der rund 300 traditionellen Bestattungsunternehmen, die es in der Schweiz gibt, offerieren über ihr Grundangebot - Lieferung des Sarges, Einsargung und Überführung auf den Friedhof - hinaus ähnliche Zusatzleistungen. Auch sie unterstützen die Angehörigen, wenn es um Todesanzeige, Danksagung, Organisation des Leidmahls, administrativen Papierkram oder auch um Vorsorge geht. «Der Bestatter, der gut organisiert ist, bietet fast alles an», sagt Rolf Arnold, Sprecher des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste (SBV), «ausser eben der Fallführung, die er im Unterschied zu Dimovera weiterhin den Angehörigen überlässt.»

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Anspruch auf «schickliches Begräbnis»

Die offensichtliche Marktlücke, die nun die neuen Generalplaner oder One-Stop-Shops für den Todesfall bearbeiten, dürfte sich im Zuge jener Veränderungen, die den persönlichen Umgang mit Sterben und Tod betreffen, weiter öffnen. Laut Bundesverfassung hat jeder Verstorbene in der Schweiz Anspruch auf ein «schickliches Begräbnis».

Was das konkret heisst, wird unterschiedlich interpretiert, denn das Bestattungswesen ist Sache der Kantone. Diese schreiben zum Beispiel die Länge der Totenruhe (je nach Kanton 24 bis 48 Stunden) wie auch der Grabesruhe (20 bis 25 Jahre) vor, delegieren aber vieles an die Gemeinden. Diese sind für die Bereitstellung der Friedhöfe und deren Unterhalt zuständig. Die örtlichen Friedhof- und Bestattungsvorschriften sorgen dafür, dass die letzte Ruhe eine lokale Angelegenheit bleibt.

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Zeitaufwand je nach Region

«Zudem gibt es grosse kulturelle Unterschiede in Bezug auf den Aufwand», sagt Arnold. Aufwendiger und feierlicher als in der Deutschschweiz ist die Zeremonie in der Westschweiz, im Wallis und im Tessin. Zur Tradition gehören dort handwerklich verzierte und teuer dekorierte Särge. Wobei sich in jüngster Zeit auch in diesem Punkt eine Änderung abzeichnet - in Richtung schlichte unlackierte Holzsärge aus Tanne, Lärche oder Fichte.

Nicht zuletzt wird es in der säkularisierten Gesellschaft in der Schweiz immer üblicher, sich bei der Bestattung auf das Notwendigste zu beschränken: Kremation, Abschied im engsten Familienkreis, Beisetzung im Gemeinschaftsgrab. Diese schlanke Art von letzter Ruhe ist dann für relativ bescheidene 2000 bis 3000 Franken finanzierbar.