So richtig glücklich war der Verlagsriese Tamedia mit Radio 24 nie. Die Radiomacher sassen an der Zürcher Limmatstrasse und damit fern der Konzernzentrale beim Stauffacher. Richtig führbar waren sie damit nie. Und schöne Renditen brachte der Sender der Mutter auch kaum. So entschloss sich  Tamedia, das Radio nach zehn Jahren zu verkaufen. Ende 2011 übernahm die BT Holding von AZ-Medien-Besitzer Peter Wanner Radio 24. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart.

Doch zuvor hatten die Aargauer zusammen mit Tamedia noch eine Aufgabe zu lösen. Denn von 100 Namenaktien von Radio 24 waren nur die Nummern 1 bis 98 vorhanden. Die 99. und die 100. Aktie waren verschollen. Oder lagen sie in den Händen von Unbekannten? Es ist eine mysteriöse Geschichte.

Besitzer haben noch zehn Jahre Zeit

Bei Tamedia will seit der Übernahme von Radio 24 Ende 2001 niemand das Fehlen der Aktien bemerkt haben. «Die Aktien 99 und 100 waren bei Radio 24 nicht auffindbar. Die Dokumentation dieser beiden Aktien war jedoch bereits vor dem Verkauf von Roger Schawinski an Tamedia lückenhaft», sagt Firmensprecher Christoph Zimmer. Dann, elf Jahre später, kommen die beiden Aktien plötzlich ans Licht – zumindest als Fussnote im Fusionsbericht vom 21. Mai 2012.

Auf Seite 5 des Berichtes steht: «Die Abfindung ist eine Barabfindung von 240'000 Franken je für die Namenaktie 99 und je für die Namenaktie 100 von Radio 24». Innerhalb von zehn Jahren könnten sich die Besitzer der beiden Namenaktien bei Radio 24 melden, ist weiter zu lesen. Das Geld für die Papiere werde ihnen danach innerhalb von 30 Tagen ausbezahlt.

Die grosse Unordnung in den Büros

Es geht dabei um viel Geld. Für die vermissten Aktien bekommen die unbekannten Besitzer je 240'000 Franken. Auch das steht im Fusionsbericht. Rechnet man diesen Tarif hoch, weiss man nebenher annäherungsweise auch den Preis, welche die BT Holding für Radio 24 zahlte. Tamedia dürfte beim Verkauf der 98 Anteile rund 24 Millionen gelöst haben. «Die Verwaltungsräte von Radio24 /.../ haben sich bei der Bewertung auf die abgegebenen Kaufangebote von Dritten gestützt», hält der Bericht fest.

Doch wie können Aktien überhaupt verloren gehen? Die Erklärung liegt wohl in der Geschichte von Radio 24. Knapp zwanzig Jahre lang sammelte sich in den Büros des Senders an der Limmatstrasse 183 so allerlei an. Vieles setzte Staub an, einiges ging vergessen. Als der Sender dieses Frühjahr umzog, wurden 140 Kubikmeter Schutt abtransportiert, zwanzig Kubikmeter Akten vernichtet. Doch das waren noch nicht alle Überraschungen.

Der Aktienfund im Panzerschrank

Im seit Jahren verwaisten Buchhalterbüro über den Studios entdeckten die Räumequipen diesen Frühling einen Safe. Ein Schlüssel wurde aber nicht gefunden. Ein 70-jähriger Profi-Safeknacker wurde aufgeboten – rund eineinhalb Stunden brauchte er. Aus dem Safe sollen auch sechs Aktien geborgen worden sein, erzählen Augenzeugen. Es soll sich um Papiere des ehemaligen TV-Senders Tele 24 gehandelt haben. Ob auch die Aktien Nummer 99 und 100 von Radio 24 im Safe gelegen haben, ist dagegen nicht abschliessend bekannt.

Bei Tamedia vermutet man immerhin, dass auch die mysteriösen Aktien im Safe waren. Immerhin eines ist klar: Das Rätsel wird am 20. Mai 2022 hinfällig. Denn dann verlieren die beiden Aktien ihre Gültigkeit.

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