Die Deutschen sind auf einen gewaltigen Betrug hereingefallen. Wirecard galt bis zum 18. Juni als Hoffnungsträger der Wirtschaft, der es bis in den Deutschen Aktienindex Dax geschafft hatte.

Zwölf Milliarden Euro war der Konzern wert. Am Donnerstag hat der Zahlungsdienstleister Insolvenz angemeldet. Wirecard ist jetzt noch 176 Millionen Euro wert.

Inzwischen ist klar, dass ein Grossteil der fantastischen Geschichte erfunden war. Der Name Wirecard steht für den grössten Bilanzbetrug, den der Dax je erlebt hat.

Zehn Jahre lang soll das Unternehmen Scheinguthaben in der Bilanz aufgebaut haben, behaupten anonyme Blogger, die schon lange auf die Ungereimtheiten hinweisen und Massen interner Wirecard-Dokumente veröffentlicht haben. Heute klingt ihre Theorie glaubhafter als die Erklärungen, die Vorstandschef Markus Braun und seine Kollegen zum Geschäft geliefert haben.

Das hätte allerdings auch Martin Dahmen, Andreas Budde, Andreas Loetscher und Ralf Broschulat auffallen müssen.

Sie haben als Wirtschaftsprüfer die Bilanzen der Wirecard AG seit 2013 abgesegnet und die entsprechenden Testate unterschrieben. Alle vier waren oder sind Partner von Ernst & Young, das sich nur noch EY nennt.

Löcher in der Bilanz wohl noch grösser als bisher bekannt

Die Prüfungen dieser Männer und ihrer Assistenten sind Ausgangspunkt eines gewaltiges Systemversagens. Behörden, Finanzmarktprofis und Tausende Kleinanleger haben sich darauf verlassen, dass die Geschäftszahlen, die ein gewaltiges Wachstum dokumentierten, richtig sind. Das waren sie wohl nicht.

Am Montag musste der neue Wirecard-Chef James Freis eingestehen, dass Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz für 2019 «mit überwiegender Wahrscheinlichkeit» nicht existieren und Teile des Geschäfts nicht so stattgefunden haben, wie von seinem Vorgänger Markus Braun behauptet.

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Die Löcher in Wirecards Zahlenwerk dürften indes noch grösser sein. Sonst hätte der Konzern nicht Insolvenz angemeldet. Eigentlich waren die Banken bereit, die Firma zunächst mit einer Kreditlinie von 1,75 Milliarden Euro am Leben zu erhalten. Dennoch sei «die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt», schreibt Wirecard.

Spekuliert wird, dass der Konzern in den vergangenen Jahren statt der ausgewiesenen Millionengewinne Verluste gemacht haben könnte. Der Branchendienst Finanz-Szene stellt dazu eine detaillierte Rechnung auf. Doch das hat offenbar Jahrelang niemand gemerkt.

«Wegen Fällen wie Wirecard wurde die gesetzliche Abschlussprüfung in ihrer heutigen Form einmal eingeführt. Das war 1931, nach der Pleite der Darmstädter Nationalbank, die auch Vermögen ausgewiesen hatte, das es nicht gab», sagt Michael Gschrei, Chef des Verbands für die mittelständische Wirtschaftsprüfung, der Prüfer jenseits der vier grossen Gesellschaften vertritt. «90 Jahre später sind wir noch nicht weitergekommen.»

Wirecard Aktie 25 Juni 2020

Geplatzt: Kursentwicklung der Wirecard-Aktie, 2006 bis 25. Juni 2020

Quelle: PD

Dass dieser Krimi unter den Augen aller Kontrolleure geschehen konnte, hat viel mit dem System zu tun, in dem Prüfer wie Dahmen, Budde, Loetscher und Broschulat arbeiten.

Alle vier haben fast ihr gesamtes Berufsleben bei EY verbracht, zwei von ihnen sind 2018 zu anderen Arbeitgebern gewechselt. Die Szene ist klein. Man kennt sich, und man kennt seine Aufseher. Das gilt vor allem für die Partner bei EY, KPMG, Deloitte oder PwC, den sogenannten Big Four.

Dax-Mandate bringen Prestige

Kritisiert wird oft, dass die Unternehmen nicht nur prüfen, sondern auch beraten. Ehemalige, die über Alumni-Clubs verbunden bleiben, sitzen an Schaltstellen der Macht. Dax-Mandate bringen Prestige.

«Bei den Wirtschaftsprüfern gibt es zahlreiche Interessenkonflikte. Sie werden von den Unternehmen bezahlt, die sie prüfen sollen», sagt Fabio De Masi, stellvertretender Linken-Fraktionschef im Bundestag. Neben dem Versagen der Behörden kritisiert er, dass die Haftung der Prüfer zu gering sei. Tatsächlich drohen den Herren von EY bescheidene Strafen: Das Handelsgesetzbuch deckelt «die Ersatzpflicht von Personen, die fahrlässig gehandelt haben» auf vier Millionen Euro pro Prüfung. Für alle zusammen.

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EY weist jede Schuld von sich. Es gebe bei Wirecard «deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren», heisst es bei EY. «Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken.»

Konnte bis 2019 niemand die Vorwürfe erhärten, die immer wieder vorgebracht worden waren? Diese Frage müsste eine Behörde beantworten, die 2016 nach EU-Vorgaben im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle eingerichtet wurde: die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS).

Sie ist die Nachfolgerin einer ähnlichen Kommission bei der Wirtschaftsprüferkammer. Bis 2016 hatte sich der Berufsstand quasi komplett selbst kontrolliert. In die APAS sollen viele Prüfer aus der Kammer gewechselt sein.

Gschrei gefällt das nicht. «Für die Big Four gilt in Deutschland ein Strafrecht wie für die Kirche: Sie überprüfen sich selbst, und sie sanktionieren sich selbst», schimpft er.

Aus den Big Five wurden Big Four

Es gibt noch eine weitere Parallele: Verschwiegenheit. «Der Gegenstand eines jeden aufsichtlichen Verfahrens unterliegt der umfassenden Verschwiegenheitsverpflichtung der APAS», heisst es in der Behörde. Ob die EY-Prüfer geprüft werden, darf niemand wissen. Immerhin können die Konsequenzen eines Fehlverhaltens drastisch sein: «Die APAS kann gegen Wirtschaftsprüfer berufsaufsichtliche Massnahmen verhängen.» Das umfasse Rügen, Geldbussen sowie Tätigkeitsverbote bis hin zum Ausschluss aus dem Beruf. Ob das tatsächlich passiert? Geheim.

Ebenso im Dunkeln agiert die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR). Sie prüft im Verdachtsfall, ob Fehler in einer Bilanz stehen – und meldet sie der Finanzaufsicht BaFin. Hier zog die Bundesregierung erste Konsequenzen: Das Bundesjustiz- und das Bundesfinanzministerium werden den Vertrag mit DPR kündigen, bestätigte ein Sprecher des Justizressorts einen Bericht der «Bild am Sonntag».

Zudem gibt es noch die Geldwäsche-Ermittler beim Zoll, die vielleicht auch gegen Wirecard ermitteln – natürlich geheim.

Das System hakt. Bisher argumentiert die BaFin, sie sei für die Kontrolle nur von Bankbilanzen zuständig. «Die BaFin braucht ein offeneres Mandat», fordert De Masi. «Zentralisierung löst nicht alles, aber wir brauchen eine Art Generalaufsicht. Sonst schieben sich die Behörden wie im Fall Wirecard gegenseitig die Verantwortung zu.»

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Wirtschaftsprüfer, so heisst es oft, hafteten mit ihrer Reputation und könnten sich keine Fehler leisten. 2002 ist das wirklich passiert: Nach der Pleite des Energiehändlers Enron, der seine Bilanz wie Wirecard aufgebläht hatte, musste der Konzernprüfer sein Geschäft einstellen: Arthur Andersen. Aus den Big Five wurden Big Four. Hierzulande fand ein Grossteil der Andersen-Leute einen neuen Arbeitgeber: EY.

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: Der Fall Wirecard offenbart ein gewaltiges Systemversagen.

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