Und wieder findet sich Novartis auf der Agenda des US-Senats wieder. Nach der unappetitlichen Geschichte um eine Millionen-Zahlung an Donald Trumps persönlichen Anwalt Michael Cohen – einer Hinterlassenschaft aus der Ära von CEO Joe Jimenez – macht der Konzern nun mit manipulierten Daten bei der Gentherapie Zolgensma auf dem Kapitol unangenehm auf sich aufmerksam. Chuck Grassley, republikanischer Senator aus Iowa und Vorsitzender des Finanzausschusses, konfrontiert Novartis mit einem ganzen Strauss von Fragen. 

Was sind die Folgen? Vier Fragen und Antworten zur jüngsten Krise von Novartis:

1. Was geschah wann?

Unbestritten ist: Novartis, beziehungsweise seine Tochtergesellschaft Avexis hatte ab dem 14. März Kenntnis von mutmasslichen Manipulationen; die Information kam von einem Whistleblower. Avexis ist das amerikanische Biotechunternehmen, das Zolgensma entwickelte und das von Novartis im vergangenen Jahr für 8,7 Milliarden Dollar übernommen wurde.

Doch schon danach gibt es Diskrepanzen bei den Aussagen.

  • Novartis sagt, unmittelbar danach eine Untersuchung eingeleitet zu haben, um zu schauen, ob sich die Vorwürfe erhärten liessen – zusammen mit einem externen Experten. Das sei Standard, sagen Experten. Schliesslich könne bei Whistleblowern nie ausgeschlossen werden, dass sie eine eigene Agenda hätten und zum Beispiel jemanden in Verruf bringen wollten.
  • Nur: Die FDA stellte bei einer Inspektion bei Avexis am 24. Juli fest, dass es in dem am 15. Mai von Avexis eröffneten Non-Conformance-Report NCR keine Angabe dazu gebe, warum der NCR erst am 15. Mai eröffnet wurde, wo doch dokumentiert sei, dass die initiale Information am 14. März erfolgt sei.

Diese Zeitspanne von zwei Monaten dürfte der zentrale Punkt sein, zu dem Novartis nun gegenüber der FDA Stellung zu nehmen haben wird.

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2. Was verlangt Chuck Grassley von Konzernchef Vas Narasimhan?

Eine ganze Menge. Der Senator fordert die Herausgabe aller Unterlagen, welche «das Zurückhalten der Daten zu Zolgensma» betreffen. Dazu gehören alle «geschriebenen, aufgezeichneten oder grafischen Materialien jedwelcher Art, inklusive Briefe, Memoranden, Berichte, Notizen, elektronische Daten wie Mails, Attachments oder andere digital erstellte Informationen, Kalendereinträge, Kommunikation innerhalb des Unternehmens, Sitzungsprotokolle, Telefon- und Voicemail-Aufzeichnungen verbaler Unterhaltungen und Entwürfe, ob sie nun in abschliessende Dokumente resultierten oder nicht».

Die Deadline ist sportlich: Novartis soll die Unterlagen bis spätestens zum 23. August liefern. Das ist Freitag in einer Woche.

Aus der Erfahrung mit den Unterlagen zu Michael Cohen, die Novartis im Juni 2018 an Mitglieder des Senats aushändigen musste, können wir schliessen: Die Unterlagen dürften veröffentlicht werden, was nochmals für negative Schlagzeilen sorgen dürfte.

Chuck Grassley Novartis

«All records relating to Novartis’4 internal inquiry into Zolgensma data manipulation»: Schreiben des Finanz-Ausschusses des US-Senats an den Novartis-Konzernchef.

Quelle: Screenshot
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Bereits am vergangenen Freitag waren mehrere demokratische Senatoren auf den Zug aufgesprungen, darunter die Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders (Vermont) und Elizabeth Warren (Vermont), zwei der aussichtsreichsten Anwärter auf die demokratische Nomination hinter Joe Biden. Ihr Ton: harsch.

«Dieser Skandal riecht nach Übertretung von Befugnissen und Gier und davon haben die Amerikaner die Nase voll». Was die Handlungen noch erschreckender mache, sei die Tatsache, dass die zuständige Novartis-Tochter Avexis von zahlreichen vom Steuerzahler finanzierten Vorteilen und Anreizprogrammen profitierte – etwa die Gewährung einer beschleunigten Zulassung («Fast Track») und von Vorteilen, wie sie die FDA bei Behandlungen gewährt, die durchschlagenden medizinischen Nutzen bei einer Indikation mit bis dato geringen oder nur sehr schlechten Behandlungsmöglichkeiten versprechen («Breakthrough Therapy» und «Priority Designiation»). Das ist dicke Post.

Gewiss, in den USA ist Wahlkampf. Gerade Elizabeth Warren hat sich in der Diskussion um die Dysfunktionalitäten im amerikanischen Gesundheitswesen schon früh industriekritisch positioniert. Doch der Fakt bleibt: Novartis findet sich einmal mehr die Rolle des schwarzen Schafes wieder.

3. Hat Vas Narasimhan die Situation falsch eingeschätzt – oder hat er kalkuliert?

Lieber ein Geschäft nicht machen als Kompromisse bei den ethischen Standards zu machen, schärft Vas Narasimhan seiner idurch zahlreiche Skandale in der Vergangenheit verunsicherten Mannschaft ein, seit er anfangs Februar 2018 in Basel von Joe Jimenez übernommen hat (mehr zur Mission des neuen CEOs hier).

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Kaum zu glauben, dass der junge Arzt und Konzernchef seine Mission vom Wandel der durch Vasellas horrendes Salär kompromittierte Novartis zum «respektiertesten Unternehmen der Industrie» aufs Spiel setzt, nur um zu verhindern, dass sich die Zulassung einer Therapie um ein paar Monate verzögert. 

Auch mangelndes Wissen über die Gepflogenheiten bei der FDA, der Zulassungsbehörde des wichtigtsen Pharmamarktes der Welt, dürfte wegfallen. Narasimhan war Chef der Entwicklung;  er war also just für alles zuständig, was mit klinischen Studien und Daten bei der Zulassung neuer Therapien zu tun hat, bevor er das Rennen um den Chefposten bei Novartis machte.

Bleibt die Variante, und hier kommen wir der Sache womöglich schon näher, dass er die Brisanz der Situation unterschätzte: neue Therapie, neuer FDA-Chef, Regulierungsbehörden unter Druck.

Novartis betont, gemäss den Verfahren agiert zu haben, die für solche Situationen, also das Auftauchen von Unstimmigkeiten bei Daten in der Medikamentenentwicklung etabliert seien. Kurz: Novartis ist nach Schema F vorgegangen. 

Doch womöglich liegt genau hier das Problem. Die Situation war eben nicht Standard, sondern die Ausnahme. Als Gentherapie ist Zolgensma nicht nur für Novartis und die Biotech-Industrie Neuland, sondern auch für die FDA – mit allen Chancen und Risiken, die damit verbunden sind.

4.    Warum ist die FDA so wütend?

Womöglich genau deshalb: Weil man darauf angewiesen ist, dass die Industrie zu jedem Zeitpunkt alle Karten auf den Tisch legt, wenn man gemeinsam auf derart heiklem Terrain wie dem der Gentherapie unterwegs ist.

Kenner der FDA sagen unisono: Das Vorgehen der FDA sucht seinesgleichen. Allein schon die Tatsache, dass das Unternehmen gleichzeitig mit der Öffentlichkeit informiert wurde, spricht Bände. Ganz zu schweigen vom fast schon aggressiven Ton, den die Behörde in der Pressemitteilung anschlägt. «Kein Zweifel, die waren schlicht und einfach 'hässig'», sagt einer, der sich mit den Tonlagen, die bei der FDA zur Anwendung kommen, auskennt.

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FDA Zolgensma Novartis Schreiben

«Established test procedmes are not followed»: Aus dem Untersuchungsbericht der FDA im Fall AVXS-101.

Quelle: Ausriss FDA

Klar ist: Die FDA reagiert heute flexibler auf die Bedürfnisse der Industrie. Scott Gottlieb, der die FDA inzwischen in Richtung Pfizer verlassen hat – hat die amerikanische Monsterbehörde mit mehr als 13000 Angestellten dynamischer gemacht. Und sein Nachfolger Ned Sharpless, der vom National Cancer Institute zur FDA kam, zeigte bis jetzt keine Anstalten, von der Policy seines Vorgängers Abstand zu nehmen. Ob er hier erstmals von seinem Vorgänger absetzt und die Schraube wieder etwas anzieht? 

Doch auch das erklärt womöglich noch nicht alles. Gut möglich, dass es auch darum ging, ein Exempel zu statuieren. Die amerikanischen Regulierungsbehörden stehen Druck. Allzu viel Nähe zur Industrie ist unpopulär nach den mutmasslichen Schlampereien, die sich die amerikanische Luftfahrtbehörde bei der Zulassung der Boeing 737 womöglich zu Schulde kommen liess. 

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5.    Die Daten waren gar nicht relevant. Warum dann die ganze Aufregung?

In der Tat: Die manipulierten Daten betrafen Versuche für Verfahren, die später nicht mehr verfolgt wurden. Sicherheit und Wirksamkeit von Zolgensma seien zu keinem Moment gefährdet gewesen, hält Novartis fest.

Doch Datenmanipulation ist eine Todsünde in der Biotechindustrie. Wissenschaftliche Redlichkeit ist die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den Behörden und die Basis für den Vertrag, den die Biotechindustrie mit der Gesellschaft abgeschlossen hat: Wir entwickeln Medikamente, ihr bezahlt. Auch das dürfte die heftige Reaktion der FDA erklären.