Was das Fair-Trade-Unternehmen Max Havelaar im Food-Bereich zum Erfolg geführt hat, will der Schweizer Verein FairOil im Erdölgeschäft wiederholen. Laut Coop-Mineralöl-Sprecher Jürg Kretzer war zu erwarten, dass eine Herkunftsdeklaration für den grossen Erdölmarkt gefordert würde.
Konsumentenschützerin Jacqueline Bachmann unterstützt die Initiative von FairOil für mehr «Transparenz und Ethik im Erdölgeschäft». Bachmann: «Erdöl ist das meistgehandelte Gut der Welt mit einem hohen Konflikt- und Umweltzerstörungspotenzial, Konsumenten haben ein Recht auf mehr Hintergrundinformationen.»

*Aus instabilen Regionen*
Tatsächlich stamme 95% des in der Schweiz verbrauchten Rohöls aus politisch instabilen Regionen, erklärt FairOil-Präsident Bernhard Bircher. Dies heisse allerdings nicht, dass Rohöl und verarbeitete Produkte, wenn diese aus der EU kämen, aus «stabilen» Gebieten wie der Nordsee stammten (siehe Grafik).
33% des in die Schweiz importierten Rohöls wurden in Nigeria, Libyen und Algerien gefördert. Bircher fügt hinzu: «Die beiden Schweizer Raffinerien in Collombey VS und Cressier NE verarbeiteten hauptsächlich Rohöl aus den instabilen und korrupten sowie teilweise undemokratischen west- und nordafrikanischen Staaten.»

*Marketinginstrument*
Obwohl er die Deklarations-Idee skeptisch beurteilt, sieht Rolf Hartl, Chef der Erdöl-Vereinigung Schweiz, ein Potenzial. Theoretisch eigne sich die Herkunftsbezeichnung als Marketinginstrument für die Mineralölfirmen.
Eine Nachfrage ist vorhanden. Das führende Schweizer CarSharing-Unternehmen Mobility etwa wäre bereit, an der Tankstelle solche deklarierten Treibstoffe zu kaufen. «Wir würden auch einen höheren Preis dafür bezahlen», sagt Mobility-Sprecherin Monika Pirovino.
Auch Migrol und Coop Mineralöl sind einer Herkunftsdeklaration an der Tankstelle nicht abgeneigt. Allerdings halten sie sie nicht für umsetzbar. Für Migrol-Chef Daniel Hofer zielt die Idee an der Realität der Industrie vorbei. Weder wisse er, woher die einzelnen Schiffsladungen stammten, noch wüssten die Raffinerien woher sie den Rohstoff bezögen. Für eine integrierte Gesellschaft wie Shell, BP und Esso wäre die Umsetzung einfacher. Dazu sagt BP-Schweiz-Sprecherin Isabelle Thommen: «Wir planen vorerst keine Einführung von Herkunftsdeklarationen.» Die genaue Herkunft des Rohöls könne oft nicht deklariert werden. BP Schweiz kaufe in Rotterdam nicht Rohöl ein, sondern Betriebs- und Heizstoffe.
BP ist nicht die einzige Unternehmung, die auf die logistische Unmöglichkeit der Deklaration verweist. Kurt Tanner, Leiter Logistik Einkauf von Coop Mineralöl, rechnet mit massiv höheren Kosten, falls mittelfristig für westliches Öl mehr bezahlt würde als für solches aus nicht demokratischen Staaten. Sowieso sei eine komplette Versorgung des Westens mit «westlichem Öl» nicht möglich.

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*Pilotprojekt kommt*
«Der Gesetzgeber könnte solche Deklarations-Richtlinien durchsetzen. Was etwa bei Fleisch üblich ist, könnte man auch von der Erdölbranche erwarten», so Bircher. Da sich die Industrie noch nicht für die Idee gewinnen lässt, lanciert FairOil mit einem grossen Schweizer Tankstellenbetreiber ein Pilotprojekt an Tankstellen. Ein Mehrpreis von rund 2 Rp. pro verkauften Liter Benzin soll der Bevölkerung in Herkunftsländern zugute kommen. Der Tankstellenbetreiber hat eine Absichtserklärung gegeben.