Wie viele Übersetzer haben sich bei DeepL schon beschwert, dass sie wegen Ihnen den Job los sind?
Jaroslaw Kutylowski: Keiner. Viele Übersetzer sind unsere Kunden, die ihre Arbeit nun schneller und besser machen.

Wenn Sie kein Übersetzer-Zerstörer sind, was ist Ihre Rolle?
Wir schaffen einen neuen Markt, der wächst. Bisher haben viele Menschen selbst probiert, etwas zu übersetzen, weil der Weg zum Übersetzer etwas beschwerlich ist. Oft muss man einige Tage warten, bis das Dokument zurück ist. Wir sind in der Lücke zwischen Selber-schlecht-Machen und der Situation, in der sich in Sekunden eine Übersetzung machen lässt, die extrem gut ist.

Wie fing es an mit DeepL? Wann war das Produkt fertig?
Fertig ist es nie, angefangen haben wir vor zehn Jahren mit Linguee, dem Online-Wörterbuch. So konnten wir viel Wissen aufbauen. Später entstand der DeepL-Übersetzer, er wurde 2017 lanciert.

Was war der Antrieb?
Wir waren immer schon im Bereich maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz unterwegs. Das war die Basis. Als wir DeepL offerierten, hatten wir nicht mit so viel Resonanz gerechnet. In den ersten Monaten sind wir völlig überrannt worden. Fast alle Firmen, die im Deutschen Aktienindex (Dax) sind, wollten unsere Technik sofort nutzen.

Wie funktioniert Ihre Technik?
Wir nutzen ein ausgeklügeltes neuronales Computernetzwerk, das aus mathematischen Modellen besteht, die wir geschrieben haben. Frühere statistische Verfahren haben sich Satzteile angeschaut, konnten aber nicht den Kontext berücksichtigen. Neuronale Netzwerke haben auch wegen ihrer mathematischen Mächtigkeit mehr Potenzial, sogar ganze Textabsätze zu verstehen. Für die Arbeit nutzen wir viele Daten. Sie kommen vorzugsweise aus übersetzten Texten im Internet. Milliarden von Sätzen laufen da durch.

Sie bieten Übersetzungen in neun Sprachen. Welche Sprachpaare sind einfach und welche nicht?
In manchen Paaren ist die Übersetzungsqualität besser, etwa Deutsch-Englisch und Deutsch-Französisch sowie umgekehrt. Das liegt daran, dass wir dazu viele Daten haben.

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Welche Übersetzung wird am meisten nachgefragt?
Dazu geben wir keine Auskunft. Aber man kann sagen: Deutsch ist eine wichtige Sprache.

Wann bieten Sie Chinesisch an?
Bisher nicht. Es ist bei uns noch ein Forschungsprojekt.

Was ist das DeepL-Geheimrezept?
Mathematik, Daten und viel harte Arbeit. Aber auch die Fähigkeit, daraus ein Produkt zu bauen. Technologie allein hilft nicht.

Tests bewerten das DeepL-Angebot als besser als das, was Google Translate, Microsoft und Co. bieten. Woran liegt das?
Es ist ein bisschen von allem. Bessere Daten, bessere Netzwerkstruktur, besseres Team.

Deepl HandelsZeitung

DeepL-Chef Jaroslaw Kutylowski: «Wir sind tatsächlich besser – und nicht erst seit einigen Monaten. Das ist einfach so.»

Quelle: Stephan Pick

Das klingt ganz schön frech für ein Startup aus Köln – die anderen sind riesige Konzerne.
Wir sind tatsächlich besser – und nicht erst seit einigen Monaten. Das ist einfach so. Was uns unterscheidet: Wir konzentrieren uns nur auf dieses eine Thema. Unsere Vision ist, weltweit die Nummer eins für maschinelle Übersetzung zu sein.

Wie oft hat Google schon angerufen und wollte Sie übernehmen?
Dazu kann ich leider keine Aussage machen.

Wie gross sind die Eintrittshürden in Ihrem Markt?
Sie sind hoch. Es ist viel Arbeit, das ganze System zu bauen und es als Produkt zu verpacken.

Grosskonzerne haben enorme Forschungsabteilungen und sehr viel Geld. Wie lange können Sie Ihren Vorsprung halten?
Man muss es realistisch sehen: Diese Konzerne beschäftigen sich auch mit vielen anderen Dingen, nicht nur mit Übersetzung. Klar, es gibt Konkurrenz. Aber wir haben es bisher geschafft, den Vorsprung zu halten. Und wir bauen ihn weiter aus.

Viele Menschen nutzen Spracherkennung in Smartphones und smarten Lautsprechern. Werden Sie das bald auch bieten?
Das ist momentan nicht unser Fokus, langfristig wird das aber bestimmt ein Thema werden.

Deepl HandelsZeitung

«Handelszeitung»-Redaktor Tim Höfinghoff mit DeepL-Chef Jaroslaw Kutylowski. 

Quelle: Stephan Pick

Wie viel Mensch ist zur Übersetzung noch nötig?
Für die Übersetzung an sich braucht es keine Menschen, das läuft über Computer. Allerdings hängt es stets vom Anspruch ab: Eine einfache E-Mail lässt sich schnell übersetzen. Das muss kein Mensch mehr überprüfen. Am Ende auf die Übersetzung noch mal draufzugucken heisst aber nicht, dass es auch perfekt wird. Es gibt oft weder richtig noch falsch, es gibt verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten und der Mensch macht auch Fehler. Die Entwicklung der Programme – das können aber nur Menschen. Wir stellen dauernd weitere neue Mitarbeitende ein.

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Wie lernt Ihr Algorithmus, dass es Sprachnuancen gibt? Ebenso regionale sprachliche Unterschiede?
Das hängt immer von den Trainingsdaten ab, die wir dem Computer geben. Wenn man der Maschine genau zeigt, wie es zu übersetzen ist, dann schafft sie das auch und lernt.

Müssen unsere Kinder noch Fremdsprachen lernen?
Wir sprechen in meiner Familie polnisch und deutsch, zu Hause mehr polnisch. Meine Kinder lernen aber auch Englisch in der Schule. Ich freue mich über jede gut geschriebene Englisch-Arbeit meines Sohnes. Kinder lernen in der Schule heutzutage auch zu rechnen, obwohl es längst Rechner in jedem Smartphone gibt. Rechnen lernen ist sehr wichtig, damit unser Gehirn trainiert wird. Das selbe gilt für Sprache.

Trotzdem: Was kommt als Nächstes? Das Mini- Übersetzungsgerät als Knopf im Ohr?
Das liegt noch etwas in der Zukunft. Aber ein Trend, den ich sehe, ist: Viel mehr unserer Kommunikation geht auf das Schriftliche. In einiger Zeit wird es so sein, dass wenn wir über Rechner kommunizieren, wir den Unterschied in der Sprache gar nicht mehr bemerken. Die Integration der Übersetzung als Dienst im Hintergrund wird dann immer verfügbar sein.

Und wo bleiben Wortwitz und das alles?
Es gibt immer Mehrdeutigkeiten. Je länger ein Text, desto eindeutiger wird er, weil Kontext da ist und eine Maschine etwas ableiten kann. Bei nur kurzen Sätzen kann es problematischer sein. Aber je mehr ein System über seinen Nutzer weiss, desto eher lässt sich auch ein kurzer Satz in den richtigen Kontext bringen.

Das heisst, Sie speichern die Daten von Nutzern, was sie bei Ihnen übersetzt haben?
Im freien Dienst nutzen wir die Texte, Übersetzungen und Änderungen, um unsere Algorithmen zu verbessern. Das tun übrigens auch alle anderen Übersetzungsdienste im Internet, die ich kenne. Bei DeepL Pro sieht es anders aus – die Texte und Übersetzungen werden sofort gelöscht und nicht für Trainingszwecke verwendet.

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Jaroslaw Kutylowski

Funktion: CEO DeepL

Alter: 36

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung: Promotion in theoretischer Informatik an der Universität Paderborn

Die Firmengeschichte: Gereon Frahling verlässt 2007 Google Research, um an einer Suchmaschine für Übersetzungen zu arbeiten. Mit Leo Fink programmiert er Web-Crawler und maschinelle Lernsysteme, um Übersetzungen zu erfassen. 2009 wird Linguee, die weltweit erste Suchmaschine für Übersetzungen, lanciert. 2017 startet der DeepLÜbersetzer. Während Frahling noch an Bord ist, steigt Link im Jahr 2012 aus.

Was sagen Sie Menschen, die es ganz furchtbar finden, dass immer öfter nur noch Maschinen miteinander kommunizieren?
Ich finde es wunderbar, wenn Menschen miteinander kommunizieren können. Ich finde es schrecklich, wenn Menschen nicht miteinander sprechen können, weil es eine Sprachbarriere gibt. Realität ist, dass wir vielleicht ein oder zwei Fremdsprachen beherrschen, die zweite Sprache eventuell gebrochen und dass dann in der Regel zwei Menschen eher nicht miteinander kommunizieren. Wenn wir uns verstehen, wächst die Welt eher zusammen.

Seit 2013 ist Ihr Unternehmen profitabel. Das ist für eine eher junge Firma beeindruckend.
Wir waren immer bemüht, dass unsere Produkte auf dem Markt ankommen. Es gibt viele Unternehmen, die tolle Ideen haben, aber nie Geld damit verdienen.

DeepL ist anfangs kostenlos, irgendwann fällt aber doch die Bezahlschranke.
Der DeepL-Übersetzer ist in der Grundversion kostenlos, den nutzen sehr viele Leute, das verbreitet sich gut. Kostenlos ist wichtig, damit es besser werden kann. Es gibt aber eine technische Schranke, damit es nicht zu viele Leute übertreiben. Zumal das Kostenlos-Angebot uns auch einiges kostet.

Das sind die Risiken von Online-Übersetzern

Sicherheit

Texte, die Angestellte des norwegischen Ölkonzerns Statoil in das Programm Translate.com eintippten, waren plötzlich öffentlich einsehbar. Dadurch kamen Pläne zu Stellenreduktionen und Verträge, die Angestellte online übersetzen liessen, an die Öffentlichkeit. Translate.com verwies auf einen Warnhinweis, den Nutzer lesen sollten.

Qualität

Obwohl die Übersetzungssoftwares in den letzten Jahren starke Fortschritte gemacht haben, besteht immer noch die Gefahr, dass Wörter aus dem Kontext gerissen werden und in der Neukombination etwas anderes bedeuten. So übersetzte etwa Nike den Aufdruck auf Sportbekleidung in China völlig missverständlich.

Rechte

Alles, was bei Google Translate oder Microsoft Translator übersetzt wird, kann von den Firmen beliebig weiterverwertet werden. Besonders sensible Dokumente sollten daher sehr vorsichtig in Online-Übersetzungstools eingespeist werden. In manchen Fällen waren Texte sogar über Suchmaschinen auffindbar.

Wie verdienen Sie Geld?
Wer nur wenige Sätze pro Tag übersetzt, kann die kostenlose Version weiter nutzen. Aber Firmen, die grosse Mengen an Text übersetzen und zusätzliche Anforderungen an Datenschutz und andere Funktionalitäten haben, zahlen.

Die also komplette Word-Dokumente und Powerpoint-Vorträge direkt übersetzen lassen?
Die Mitarbeitenden haben das wohl bisher immer selbst gemacht. Nun statten viele Firmen ihre Mitarbeiter mit Zugang zum DeepL-Übersetzer aus – gegen eine monatliche Gebühr. So lassen sich komplette Dokumente übersetzen.

Wer ist Ihr grösster Wettbewerber in dem Bereich?
Eigentlich keiner.

In der Schweiz sind Sie erst seit August mit der Pro-Version gestartet. Welche Rolle spielt der Schweizer Markt für Sie?
Die Schweiz ist ein sehr wichtiger Markt für uns. In unserem Kundenservice war von Anfang an stets eine der am häufigsten Fragen: Wann kann man auch in der Schweiz DeepL Pro nutzen?

Warum haben Sie so lange gewartet?
Das hatte eher steuerliche und Abrechnungsgründe. Es bedeutet mehr Aufwand für uns, weil die Schweiz nicht in der EU ist.

Wie erklären Sie sich das grosse Interesse?
Es liegt an der Mehrsprachigkeit im Land.

Bedienen Sie alle vier Landessprachen, inklusive Rätoromanisch?
Wir machen Deutsch, Französisch und Italienisch.

Wird DeepL irgendwann auch mal Schweizerdeutsch übersetzen können?
Die Übersetzung von Schweizerdeutsch ins Englische funktioniert. Es ist sicherlich nicht so gut wie Deutsch-Englisch, aber es funktioniert. Die Übersetzung vom Englischen ins Schweizerdeutsche bieten wir nicht an.

Zu Ihrer Vita: Seit Juli dieses Jahres sind Sie CEO, waren zuvor technischer Direktor. Warum haben Sie den CEO-Job übernommen? Können Sie den Job besser?
Der bisherige CEO ist immer noch dabei. Früher war ich mehr auf Technik, aber auch aufs Business fokussiert. Dann haben wir gemerkt, dass ich den Fokus mehr auf den Ausbau des Unternehmens legen will und mein Kollege sich mehr auf Forschung und Technologie fokussiert. Es war also eher eine interessensgetriebene Entscheidung.

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Sie sind promovierter Informatiker.
Das braucht man auch, um zu verstehen, was da technologisch im Hintergrund passiert. Das ist ebenso wichtig, um das Unternehmen voranzubringen. In meinem täglichen Job bin ich allerdings mit sehr viel mehr Dingen konfrontiert, die ich im Studium nie gelernt habe.

Welche sind das?
Ich meine, dass ich im Alltag viele Sachen mache, auf die mich mein Studium vielleicht nicht direkt vorbereitet hat. Die Universität hat sich hauptsächlich auf technische Fragen fokussiert, nicht auf den Aufbau eines erstklassigen Teams, Produktentwicklung und betriebswirtschaftliche Fragen. Verwundert aber auch nicht, ich habe ja theoretische Informatik studiert.

Kürzlich ist die US-Beteiligungsfirma Benchmark Capital mit knapp 14 Prozent bei DeepL eingestiegen. Warum?
Wir wachsen stark und brauchen Kapital. Ausserdem wollten wir einen Partner, der uns berät. Benchmark gilt als eine der Top-Five-Venture-Capital-Firmen für Internetunternehmen. Damit haben wir einen Partner, der uns viel hilft, Kontakte herstellen kann und uns Bestätigung gibt in dem, was wir tun.

Was sind die nächsten Schritte?
Wir wollen nichts überstürzen, aber wachsen schnell. Dieses Jahr sind wir schon von 20 auf 50 Mitarbeiter gewachsen, bald werden es 100 sein.

Wo machen Sie das nächste Büro auf? In China, den USA oder vielleicht in Zürich?
Wir ziehen in drei Monaten um, in ein grösseres Büro. Auch das wird in Köln sein. Weitere Büros an anderen Orten sind nicht notwendig, unsere Kunden kommen zu uns über die Website.

Umkämpfter Markt

DeepL gilt laut Tests als führend in der maschinellen Übersetzung. Doch der Konkurrenzdruck ist erheblich:

Google Translate
Die Anwendung unterstützt fast alle verbreiteten Sprachen.

Yandex Translate
2011 gelauncht, übersetzt das Tool 94 verschiedene Sprachen.

iTranslate
Über hundert übersetzbare Sprachen und auch offline nutzbar.

Microsoft Translator
Der Übersetzungsdienst hat spezielle Angebote für Geschäftskunden.

Systran Translate
Seit 1968 forscht die Firma an maschineller Übersetzungstechnologie.

SDL Free Translation
Eine Paid-Anwendung, die ganze Dokumente übersetzen kann.

Babylon Online Translator
Etwas über dreissig übersetzbare Sprachen – gilt unter Experten als sehr akkurat.

PROMT Online Translator
Nur 16 Sprachen im Angebot – Tools wie der Topic Detector sind aber spannend.

ImTranslator
Für Hardcore-Übersetzerfans: Die Seite vergleicht die Genauigkeit anderer Programme.