Schon auf dem Weg vom Lysser Bahnhof zur Generalversammlung im Weissen Kreuz echauffiert sich ein Kleinaktionär über Investor Michael Pieper: «Sein Kaufangebot für Feintool ist viel zu tief. Und sowieso können wir diesem Aargauer nicht trauen», sagt der Mann aus Bern. Er ist sich sicher: Sobald Pieper die Macht über das Feinschneidetechnologie-Unternehmen habe, werde er die Firma verscherbeln. Die Arbeitsplätze in der Region seien dem doch egal.

Zwei Stunden später schickt Pieper zuerst seinen Anwalt vor, um sein Kaufangebot von 350 Franken pro Aktie vor den 230 Aktionären zu verteidigen. Nach wiederholter Nachfrage aus dem Saal steht der Grossinvestor - aktuell hält er über 33 Prozent an Feintool - selber vor die Kleinanleger. Zügig reiht er die Wörter aneinander: Er wolle Feintool vor weiteren Fehlern bewahren und zum Wachsen bringen, von der Börse wolle er die Firma nicht nehmen. Sein Angebot sei attraktiv - eine Erhöhung komme nicht in Frage. Und er droht: Würden die Aktien nicht angedient, sei ihm das auch egal.

Sympathien gewinnt der 64-Jährige Schnellredner mit seinem Auftritt nicht. Ein Kleinanleger sagt nach der Generalversammlung: «Pieper kann froh sein, dass wir ihn nicht ausgepfiffen ha- ben.» Selbst die erfolgreiche Geschichte von Piepers eigener Firma, der Franke-Gruppe, vermag die Aktionäre nicht zu besänftigen. «Ich führe die Franke seit 20 Jahren, dieses Jahr feiern wir das 100-jährige Bestehen, und noch nie haben wir einen Verlust geschrieben», hatte Pieper bei seinem Votum in den Saal gerufen.

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«Pieper will allein bestimmen»

Der HSG-Absolvent ist sich Widerstand gewohnt. Pieper wollte 1975 in die väterliche Firma einsteigen - doch der Senior mochte nicht Platz machen. Der Junior liess sich das nicht bieten und zog in die USA, wo er als Investmentbanker arbeitete. Beim zweiten Versuch, in die väterliche Firma einzusteigen, gerieten die beiden erneut aneinander. Pieper ging wieder und gründete 1986 sein eigenes Finanzinstitut in Zürich. Erst 1989 überliess ihm sein Vater Franke.

«Pieper will allein bestimmen», sagt ein Investor, der den Aargauer Unternehmer mit Wohnsitz im steuergünstigen Nidwalden kennt. Piepers Allein-Herrschaft bei Franke brachte Wachstum. Er machte aus dem mittelständischen Spülbeckenhersteller einen Weltmarktführer von Grossküchen. Mit fast 70 Gesellschaften ist Franke in 37 Ländern präsent. Der Umsatz hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verzehnfacht auf über 2,4 Milliarden Franken.

Sein Erfolgsrezept: «Firmen müssen dort fokussieren, wo sie technologisch Weltmarktführer sein können», so Pieper. Er will überall der Beste sein. In der Innerschweiz gilt er als «Chrampfer», der kaum zu Hause anzutreffen ist. Sein Arbeitsbeginn um 5 Uhr ist Thema in jedem Interview. «Täglich schlafe ich 6 Stunden, fahre zwei Stunden Auto und der Rest ist disponible Zeit für die Firma», sagte er einmal. Von seinem Kader fordert er ebenso viel wie von sich selbst. Manager mit Doppelstudium werden bevorzugt.

Pieper polarisiert intern. Er mache nichts ohne seine Berater, sagt ein ehemaliger Bereichsleiter. «Ich habe noch nie einen derart misstrauischen Menschen getroffen.» Das gigantische Wachstum der Gruppe habe er vor allem dank Zukäufen geschafft. «Er ist ein M&A-Mann - braucht er Innovation, kauft er sie ein», so der Ex- Franke-Manager. Seit Pieper die Firma übernahm, akquirierte er in kurzen Abständen Firmen. Mit der Krise 2008 liess die Kadenz etwas nach. Doch Pieper sagt: «Wir schauen immer Kandidaten an.» Mit mangelnder Innovation habe das nichts zu tun.

Taucher bei Precious Woods

Fleissig auf Einkaufstour ging Pieper nicht nur für Franke. Er baute sich auch eine Reihe von Beteiligungen an börsenkotieren Industrie-Unternehmen auf (siehe Kasten). Bei allen Firmen kaufte sich Pieper rasch höhere Anteile von 15, 20 und mehr Prozent.

Derart erfolgreich wie in seinem privaten Unternehmen war er mit seinem Beteiligungsportfolio nicht. «Er kaufte, wenn über der Börse die Sonne schien», so der Investor. Überall wo er einsteige, gehe es erst einmal abwärts. Jüngstes Beispiel: Precious Woods. Bei der Tropenholzfirma wandelte Pieper letzten Oktober eine Anleihe zu 35 Franken in Aktien. Danach sank der Kurs auf bis zu 15 Franken.

Beim Textilmaschinenbauer Rieter stieg Pieper 2008 im Gleichschritt mit Forbo ein. Am Bodenbelag-Spezialisten hielt Pieper damals selber rund 30 Prozent. «Forbo und das Team um Pieper wollten aus Rieter eine Erfolgsstory mit höheren Margen machen, sagt ein Kenner der damaligen Situation. Doch die Finanzkrise machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. «Das Potenzial von Rieter wurde schlicht überschätzt.» Der Aktienkurs hat sich nach dem Absturz auf 100 Franken inzwischen auf rund 350 Franken erholt - etwa gleich viel hat Pieper beim Einstieg bezahlt. Allein bestimmen kann der Aargauer Milliardär bei Rieter nicht. Inzwischen hält der Thurgauer Unternehmer Peter Spuhler mehr Rieter-Aktien als Pieper - und hat damit das Zepter in der Hand, wie es in Winterthur heisst.

Den Turnaround geschafft hat bisher einzig Forbo. Der Aktienkurs von 600 Franken übersteigt Piepers Einstiegspreis von 250 Franken deutlich. Gregor Greber, Small & Midcap-Experte von zCapital, schreibt den Erfolg einem anderen zu, CEO This Schneider und dessen Team.

Pieper selbst sagt zum Erfolg seiner Investments: «Mich interessierte die kurzfristige Kursentwicklung nicht, sondern das langfristige Potenzial einer Firma.» Mit dieser Begründung will er auch die Alleinherrschaft bei Feintool übernehmen. «In der Vergangenheit ist das Unternehmen ins Schlingern geraten.» Das soll nicht wieder passieren. Pieper sass bis 2010 selber im Verwaltungsrat. Dazu sagt er an der Feintool-GV: Er sei wegen der Schwierigkeiten der Firma zurückgetreten. Heute schreibt Feintool zwar wieder schwarze Zahlen, Restrukturierungen sind aber nach wie vor im Gang. Und der Aktienkurs liegt mit 350 Franken weit entfernt von den 450 Franken, die Pieper 2007 für den Einstieg zahlte.

Was Pieper mit dem Feinschneidespezialisten vorhat, ist offen. Investoren und Analysten sprechen von Verkäufen einzelner Sparten oder von einer Zusammenführung mit dem anderen Pieper-Investment Adval Tech. Pieper sagt nur so viel: «Kooperationen zwischen Feintool und anderen meiner Beteiligungen sind nicht geplant.»

Auch von einer Industrieholding à la Walter Fust hält Pieper nichts. Fust brachte kürzlich die Idee eines Zusammenschlusses der Werkzeugmaschinenindustrie aufs Parkett, seine beiden Firmen Starrag-Heckert und Mikron sollen etwa mit Feintool und Adval Tech gemeinsame Sache im Einkauf und Vertrieb machen. Pieper dazu: «Feintool, wie viele andere in ihren Märkten weltweit technologisch führenden Unternehmen, kann sich im Markt allein durchsetzen.»

Am Montag will er nun den Angebotsprospekt für Feintool veröffentlichen, mit dem der 77-jährige Firmengründer und Grossaktionär Fritz Bösch entthront werden soll. Der Kampf wird hart. In Böschs Umfeld heisst es, er verkaufe nie zu 350 Franken, sondern erst ab 500 Franken. Um ein Gegenangebot zu lancieren dürften dem Berner die Mittel fehlen - ausser es gelingt ihm, befreundete Unternehmen zu mobilisieren, um sein Lebenswerk zu retten. Die Firma hatte er 1959 gegründet. Bis 1998 blieb er CEO, bis 2009 Verwalrungsratspräsident. Mit den Nachfolgern im Management hatte er keine glückliche Hand. Siebenmal wechselte Bösch seit 1998 den Chef aus.

Mit Pieper liegt Bösch bereits seit 2007 im Clinch. Dabei gibt es Parallelen zwischen den Patrons. Auch Pieper tut sich mit der Nachfolge schwer. In dieser Beziehung gibt sich der 64-Jährige wortkarg: «Diese Frage wird - soweit nötig - öffentlich beantwortet, wenn die Zeit gekommen ist.»