Mit ihren Vertriebstöchtern Midor und Chocolat Frey mischt Migros kräftig im deutschen Discountermarkt mit. Aldi und Lidl spielen für den Export von Produkten der Migros-Industrie ins Ausland eine entscheidende Rolle (siehe Kasten).

Nach Recherchen der «Handelszeitung» wird Aldi Nord, eine der beiden rechtlich unabhängig in Nord und Süd getrennten Aldi-Regionalgesellschaften, mit Midor-Gebäck aus der Serie Confiserie Swiss in zwei Varianten (für jeweils 1.99 Euro) bestückt. Laut Beschriftung auf der Verpackung ist das Produkt in der Schweiz hergestellt. Absender: Midor AG, CH-8706 Meilen.

Geschäfte unter der Hand

Marktkenner bestätigen zudem, dass zwischen Aldi Nord und Aldi Süd in der Regel Waren ausgetauscht werden. Seit Jahresanfang ist die auf Vermarktung und Vertrieb von Feinkost und Backwaren spezialisierte deutsche Raoul Rousso GmbH (Greven) ausserdem damit beauftragt, Chocolat Frey im Markt zu lancieren. Angeblich soll die Marke Frey bald auch öffentlich auf der Discountschiene eingesetzt werden. Unter einem anderen Handelsnamen tauchen offenbar Migros-Produkte bereits bei Discount-Mitbewerber Lidl auf. Der bietet in seinem umfangreichen Gebäckwarensortiment ein Produkt namens Grangala («Swiss Quality, hergestellt in der Schweiz für Lidl Stiftung») an. Dabei handelt es sich um Schokoladenbiscuits mit Haselnussfüllung, die verdächtig ähnlich schmecken und an Japonais-Biscuits von Migros erinnern, allerdings gut ein Drittel günstiger, als diese in der Schweiz sind.

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Migros schielt also stärker denn je auf den Exportmarkt. Mit einem geschätzten Marktanteil von rund 40% im Lebensmitteleinzelhandel ist der deutsche Discounter-Markt besonders lukrativ. Da arbeitet man auch gerne mit dem Erzrivalen zusammen. Allerdings geschieht das am liebsten unter der Hand. «Keiner der grossen Gebäckwarenhersteller will seinen Namen beim Discounter wiederfinden», bestätigt ein Vertriebsmann eines norddeutschen, international operierenden Biscuit-Herstellers. So werde mittels Fantasienamen und eigens gegründeter Firmen versucht, die Zugehörigkeiten zu verschleiern. Sie heissen Biscotto, Choco-Bistro, Sondey oder Firenze ? Gebäck, Waffelröllchen und Schokoladen-Biscuits bei Aldi und Lidl in Deutschland, die jedoch häufig von weltweit bekannten deutschen Keksfabrikanten wie Bahlsen (Hannover) oder Lambertz (Aachen) produziert oder in Auftrag gegeben werden. «Der Markt boomt europaweit», bestätigt ein Insider, die Geschäfte werden zwischen Italien, der Schweiz, Österreich, Benelux und Skandinavien gemacht, jeder halte sich jedoch gerne bedeckt.

Zuletzt traf sich die Branche im Mai in Amsterdam auf der grössten Handelsmesse für Gebäckwaren PLMA-International (Private Label Manufacturers Association). Auch Schweizer Midor-Leute waren dort unterwegs. Nicht selten werden die Geschäfte per Handschlag gemacht. Denn der Markt ist fragmentiert, zahlreiche kleinere und mittlere Backbetriebe freuen sich, wenn sie im Auftrag der grossen Player Handelsmarken für Discounter produzieren können.

Beteiligte schweigen

Das weiss auch Detlef Armbrüster, ehemals Vertriebsleiter des Schweizer Feingebäckherstellers Kambly SA in Deutschland. Armbrüster soll über seine eigene Gesellschaft Back- und Süsswaren Key Account Management vom bayerischen Fürth aus das Deutschlandgeschäft für den Migros-Hersteller und -Exporteur Midor auf- und ausbauen.

Auf Nachfrage bleibt der Gebäckverkäufer verschwiegen, bestätigt lediglich: Raoul Rousso sei für das Einzelhandelsgeschäft der Marken Swiss Delice und Frey verantwortlich, er selber kümmere sich um das Lagergeschäft für Midor.

Für Marktkenner ist klar: Hierbei dreht es sich um das grosse Business mit Aldi, Lidl und Co.

 

 


Migros beliefert und bekämpft die Discounter Aldi und Lidl gleichzeitig

Auf der einen Seite bekämpft Migros in der Schweiz die deutschen Discounter Aldi und Lidl vehement. Auf der anderen Seite stärkt sie diese, indem sie für Aldi und Lidl produziert.

Migros-Chef Herbert Bolliger will nicht verraten, wer die Schlüsselkunden der Migros-Industrie im Ausland sind. Recherchen der «Handelszeitung» zeigen, dass ausgerechnet die beiden Harddiscounter Aldi und Lidl dazugehören, die beiden härtesten Mitbewerber im Discountsegment. Das bestätigen Migros-Mitarbeiter, aber auch der Leiter eines grossen Detailhandelskonkurrenten.

Gegenüber der «Handelszeitung» gibt sich Migros verschlossen: «Da wir ein Privat-Label-Produzent sind, können wir keine Angaben zu unseren Kunden machen», erklärt Migros-Mediensprecherin Monika Weibel. Offener zeigt sich der neue M-Industrie-Chef Walter Huber gegenüber der Zeitung «Schweizer Bauer». In einem Interview gibt er zu, dass Migros für Aldi und Lidl produziert. «Wir liefern in diese Kanäle, wenn sie unsere Produkte international verkaufen und wir mit den entsprechenden Mengen die Produktivität in unseren Fabriken erhöhen können.»

Migros steckt in selbst geschaffenen Widersprüchen. Mit allen Mitteln bekämpft der orange Riese die beiden deutschen Discounter. Für den Abwehrkampf hat er sich den Discounter Denner unter den Nagel gerissen, die M-Budget-Linie kräftig ausgebaut und will nun auch noch auf der grünen Wiese den deutschen Discountern Paroli bieten. Gleichzeitig liefert er Produkte an die Rivalen und trägt damit zum Erfolg der Harddiscounter bei ? auch in der Schweiz. Das Schweizer Gebäck Création Pâtisserie, aber auch Double Fun, Confecta, Intermezzo oder Grandio, die in den Schweizer Filialen zu kaufen sind, scheinen aus der Migros-Küche zu stammen. Was Aldi allerdings nicht bestätigen will.

Letztes Jahr exportierte Migros für 343 Mio Fr. Produkte ins Ausland. Davon machen Schokolade, Kaffee und Biscuits 52% aus. Hauptexportländer sind Deutschland, England und Frankreich. Die Migros forciert ihre Industrie und dabei vor allem das Exportgeschäft. Bis in fünf Jahren soll der Umsatz im Export verdoppelt werden. Gret Heer