Abtausch an der Spitze der auflagenstärksten Tageszeitung der Schweiz: «20 Minuten». Der langjährige Chefredaktor Gaudenz Looser übergibt nach 3,5 Jahren seine Position an seine bisherige Stellvertretung Désirée Pomper – und wird zu ihrem Stellvertreter.
Ob das funktioniert und wo «20 Minuten» hinwill, erzählt Désirée Pomper im Gespräch:
«Blick» hat Christian Dorer, NZZ Eric Gujer, «Watson» Maurice Thiriet und «20 Minuten» seit 3,5 Jahren Gaudenz Looser. Schweizer Medien werden vorwiegend von Männern geführt – und jetzt ändert sich das bei «20 Minuten» mit Ihnen. Was bedeutet das für die Branche? Übernimmt «20 Minuten» damit eine Vorreiterrolle?
Ob andere Medienhäuser nachziehen werden oder nicht, werden die Kollegen besser wissen als ich. Aber natürlich freue ich mich, wenn ich eine Inspiration für aufstrebende Journalistinnen bin.
Bisher war Gaudenz Looser Ihr Vorgesetzter, jetzt tauschen Sie die Rollen. Wie wurde das zuvor adressiert? Und wie geht das?
Gaudenz Looser und ich pflegen seit Jahren eine hervorragende Zusammenarbeit. Wir waren stetig in einem Austausch über die wichtigen strategischen Fragen. Mit dieser Führungsübergabe wird sich künftig daran nichts ändern. Ich freue mich sehr, dass ich weiterhin eng mit Gaudenz zusammenarbeiten darf.
Die Strategie von «20 Minuten» heisst Social Media First: Bleibt sie die gleiche unter Ihrer Führung?
Unser Ansatz Social Media First ist ein wichtiger Bestandteil unserer Publizistik. Er dient dazu, neben der älteren Leserschaft auch die junge Zielgruppe zu erreichen. Die Geschäftsleitung von «20 Minuten» befasst sich mit der künftigen Strategie und ich freue mich auf die Arbeit mit diesem Team.
Und für unsere Leserinnen und Leser: Was heisst Social Media First, erst Tiktok, bevor das Video auf der App erscheint und dann mit Text ergänzt wird?
Wir haben unseren Ansatz geändert, wie wir die Dinge anpacken. Social Media First bedeutet, publizistisch von Anfang an auch an die sozialen Plattformen zu denken: Wie konzipieren wir eine Geschichte und wie produzieren wir sie, damit sie auch auf den sozialen Plattformen funktioniert? Welche Fragen stellen wir Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Hotelplan-Group-CEO Laura Meyer, Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher oder dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko für Tiktok? Denkt man Social Media erst am Schluss des Prozesses und versucht man, Content nachträglich dafür zu optimieren, kommt es erfahrungsgemäss nicht gut.
Name: Désirée Pomper
Nationalität: Schweizerin
Funktion: Stellvertretende Chefredaktorin «20 Minuten»
Alter: 38
Familie: verheiratet, drei Kinder
Ausbildung:
Master Internationale Beziehungen, HEI (Genfer Hochschulinstitut für internationale Studien)
Kurs Investigative Journalism, Columbia University, New York
Karriere bei «20 Minuten»:
Ab Februar 2023: Chefredaktorin
Seit April 2021: Stellvertretende Chefredaktorin
2019: Ressortleiterin Videoformate und Story
Seit 2016: Mitglied der Redaktionsleitung
2013 bis 2018: Ressortleiterin Politik
2012 bis 2013: Inlandredaktorin
«20 Minuten» will 15- bis 25-Jährige erreichen. Aber von den zwei Millionen Lesern und Leserinnen sind vom Mami bis zum Grosspapi alle dabei. Warum beharrt «20 Minuten» auf diesem jungen Alter?
Es ging nie um die Frage: Setzen wir auf die ältere Leserschaft oder auf die junge? Es ist klar, dass wir nach wie vor alle Zielgruppen erreichen wollen. Mit Social Media First gewinnen wir junge Userinnen und User dazu, ohne die ältere Leserschaft abzuschrecken oder gar zu verlieren. Wir erreichen Letztere mit der Zeitung, der Website und der App nach wie vor. Erstere dagegen können unseren Content zusätzlich auch auf den sozialen Plattformen konsumieren.
«20 Minuten» stand immer wieder unter Kritik, Mitarbeitende einer zu hohen Workload auszusetzen. Wie gehen Sie diese Situation an, um künftig solche Kritik zu verhindern?
Es ist uns wichtig, die Bedürfnisse unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu kennen und für sie ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem sie sich entfalten können und sich wertgeschätzt fühlen. Ich bin Gaudenz Looser dankbar, dass er zu diesem Zweck bereits ein New Work Board gegründet hat, in dem die Kolleginnen und Kollegen ihre konkreten Ideen einbringen können.
Wird sich das Arbeitsumfeld bei «20 Minuten» unter Ihrer Führung verändern?
Viele Medienhäuser stehen vor Herausforderungen, dies ist auch bei «20 Minuten» nicht anders. Ich freue mich darauf, diese gemeinsam mit einem starken Team und der Geschäftsleitung anzupacken. Ich werde aber sicher nicht alles auf den Kopf stellen, sondern stehe im Grossen und Ganzen auch für Kontinuität.
Welchen Stil als Führungsperson verfolgten Sie bis anhin? Und welche Erfahrungen nehmen Sie daraus mit für die Rolle als Chefredaktorin?
Ich erhalte von meinen Teamkolleginnen und -kollegen immer wieder das Feedback, dass meine Begeisterung für Geschichten oder Projekte ansteckend sei und sie zu Höchstleistungen motiviere. Für mich persönlich ist es das Schönste, wenn der Funken überspringt und wir zusammen auf der (Schaffens-)Welle surfen können. Ansonsten stehe ich für eine direkte und klare Kommunikation – und zwar in beide Richtungen. Das möchte ich auch als Chefredaktorin beibehalten.


