Am 10. Oktober, einem Dienstag, hätte Konzernchefin Heliane Canepa entmachtet werden sollen. Im Verwaltungsratvon Nobel Biocare war alles vorbereitet, mit Domenica Scala war der Nachfolger bestimmt. Die Nobel-Biocare-Chefin war ausser Kontrolle, die Geduld im Verwaltungsrat erschöpft.

Doch es kam ganz anders: Wenige Tage vor der geplanten Trennung, am 6. Oktober, feierte die Wirtschaftsbibel «Financial Times» Heliane Canepa als eine der «25 führenden Managerinnen Europas». Die Schlagzeile trieb dem Verwaltungsrat den Mut zum Schnitt aus. Der verängstigte Präsident Rolf Soiron blies die geplante Operation Chefwechsel kurzerhand ab. Die Öffentlichkeit erfuhr nichts vom Geheimplan im börsenkotierten Unternehmen. Das war 2006.

Canepas Entmachtung

Ein Jahr später – die «Financial Times»-Story war längst vergessen – holte der Verwaltungsrat nach, was er längst auf der Traktandenliste hatte. Im August gab Canepa den Rücktritt als Chefin bekannt, Scala übernahm. Die Lage im Konzern war nun noch dramatischer, der Aktienkurs im freien Fall.

Eine zweite Entmachtung kann Canepa an ihrer neuen Wirkungsstätte, dem FC Zürich, nicht widerfahren. Sie ist Verwaltungsrätin, Delegierte, Geschäftsleitungsmitglied und die grosse Geldgeberin des Sportvereins, der aktuell am Tabellenende der Schweizer Fussballmeisterschaft steht. Es sind die Millionen aus Nobel-Biocare-Zeiten, die den Traditionsclub vom Letzigrund vor dem Abstieg in die wenig prickelnde Challenge League retten sollen. Canepas Mann, Ancillo, wiederum, Präsident, Geschäftsleitungsmitglied und Sportchef, hofft, mit einem Trainerwechsel das Steuer in letzter Sekunde herumreissen zu können.

Unter den Reichsten

Heliane Canepa bezog in ihren sieben Jahren als Nobel-Biocare-Chefin eine Gesamtlohnsumme von 15 Millionen Franken. Ungleich mehr verdiente sie als Teilhaberin am einstigen SMI-Titel und Medtech-Flaggschiff. Ihr Paket bei der Implantatefirma – 320’000 Aktien – hatte zur besten Zeit (2006) einen Buchwert von 120 Millionen Franken. Dies brachte die wirblige Managerin in die Reichsten-Liste der «Bilanz».

Eingestiegen war sie mit 10 Millionen, die ihr zum Teil von Partnern der Bellevue-Bank vorfinanziert worden waren. Nach dem Abgang dürfte sie beim Verkauf zu Zeiten stark fallender Kurse noch rund 70 Millionen Franken für ihre Titel gelöst haben.

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Noch bleiben 40 Millionen

Gemäss Branchenexperten hat Canepa bislang 25 Millionen Franken in den FCZ investiert. Um Verluste zu decken und das Eigenkapital zu stärken, schoss sie regelmässig 3 bis 4 Millionen Franken ein. Im Geschäftsjahr 2016 werden angesichts der spielerischen Pleite, 12 Prozent weniger Zuschauer und fehlende Einnahmen aus der Europa League, weitere Millionen an Verlusten auflaufen.

Macht unter dem Strich ein Investment von 30 Millionen. Übrig bleiben gemäss der Hochrechnung der «Handelszeitung» vom einmal dreistelligen Millionenvermögen noch 40 Millionen.

Machtverschiebung zum «FC Canepa»

Mit Canepas regelmässigen Einlagen hat sich die Macht im Sportclub radikal verschoben. Vor wenigen Jahren war der Sponsorenzirkel Business Club mit einem Drittel grösster Aktionär, mittlerweile sind es die Canepas mit 90 Prozent. Letztes Jahr soll der Club, sagen Informierte, ordent
lich abgeschlossen haben. Dank Erträgen aus
 Transfers (Nico Elvedi)
 konnte das strukturelle 
Defizit von 4 bis 5 Millionen Franken elegant ausgebügelt werden – ein stil
ler Triumph für das Ehepaar Canepa.

Doch die angestrebte Finanzsanierung hatte Folgen. Fachwissen in Ausbildung und im Führen eines Profibetriebs ist längst ein Haus weitergezogen. Ein Interner sagt: «Es fehlt überall an Kompetenz und Struktur.» Besonders gelitten hat die Nachwuchsabteilung FC Zürich Academy, in der Vergangenheit ein wichtiger Lieferant von Talenten, die sich später für Millionen in die Bundesliga nach Deutschland verkaufen liessen. Zu viele Spieler liess man zu früh ziehen. Der 17-jährige Dimitri Oberlin, ein stürmender Junioren- Internationaler, wurde an Red Bull Salzburg verkauft, wo er diese Woche österreichischer Meister wurde. Der 18-jährige Djibril Sow, ebenfalls ein U-18-Nationalspieler, wechselte letzten August zu Borussia Mönchengladbach und lief vergangenes Wochenende mit der ersten Mannschaft ein. Der albanische Nationalstürmer Armando Sadiku wurde im Januar an den Abstiegskandidaten FC Vaduz ausgeliehen. Beim Konkurrenzverein schiesst Canepas Leihspieler nun Treffer um Treffer.

Die Canepas liessen keine neuen zu

Die Personalentscheide entlasten zwar die Jahresrechnung, doch sie haben den eigenen Angriff nachhaltig geschwächt. Die Ladehemmung ist mittlerweile chronisch. In den letzten 17 Partien schoss der «FC Canepa» gerade mal 15 Tore. Dass der Club jetzt sportlich wie kommerziell am Abgrund steht, überrascht keinen Fussballmanager. Zu atemlos die Strategie, zu kurzfristig die Personalpolitik, zu dünn das Fachwissen, zu emotional die Entscheide.

Es hätte anders kommen können: Vor drei Jahren zeigten kapitalkräftige Akteure rund um Investor Gregor Greber, Sanierer Hans Ziegler und Ex-CS-Banker Walter Berchtold Interesse am Traditionsclub. Sie hätten Millionen eingeschossen und eine Sanierung durchgezogen – ohne Heliane und Ancillo Canepa. Doch diese lehnten ab und stockten ihrerseits ihre Beteiligung auf.

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