Bellevue-Chef Martin Bisang ist verreist. Bevor seine Assistentin den Anruf an einen Stellvertreter weiterleitet, will sie wissen, worum es denn gehe. Die Zukunft der Bank am Bellevue, lautet die Antwort. «Das ist doch Kaffeesatz-Lesen», kommentiert die Dame.

Doch die Schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) sieht das anders. Die oberste Aufsicht über die Finanzinstitute erliess vor Monatsfrist eine Verfügung gegen die Zürcher Bankenboutique. Hintergrund war deren Mithilfe bei einem Deal des Ex-Bellevue-Mitstreiters und Industrieinvestors Giorgio Behr. Laut Finma hatten die Bellevue-Banker Anfang 2008 Behr geholfen, im Verborgenen eine grosse Aktienposition bei der Thurgauer Schleifmittelfirma Sia Abrasives aufzubauen. Damit hätten beide, Behr und die Bank, ihre Pflichten «schwer» verletzt, folgerte die Finma nach einer umfangreichen Untersuchung.

Die Aufsicht sah sich deshalb veranlasst, zum Vorschlaghammer zu greifen. Sie drohte der Bank am Bellevue «für den Wiederholungsfall» mit einem Bewilligungsentzug.
Nach vier Wochen rekurrierte Bellevue. Was allerdings falsch sei am Vorwurf, die Bank habe Sia-Abrasives-Aktienpakete bei Kunden zwischenparkiert, damit Behr im Geheimen eine Machtposition aufbauen konnte, die er schliesslich mit viel Gewinn an die deutsche Bosch-Gruppe losschlug, lässt Bellevue offen. Man wolle kein zusätzliches Öl im Streit mit der Aufsicht ins Feuer giessen, begründet einer der Chefs der Bank, die 2010 mit knapp 100 Mitarbeitern einen Gewinn von 1,5 Millionen Franken erwirtschaftete.
 

«Gravierendes Problem»

Doch bei Bellevue gibt man sich selbstbewusst. Das Bundesverwaltungsgericht werde nun beurteilen, ob es die Würdigung der Aufsicht teile oder nicht, sagt ein Sprecher. «Dazu kann es auf unsere Untersuchungsunterlagen zurückgreifen.» Diese stammen von einem extern mandatierten Spezialisten, der, wie ein Bellevue-Banker sagt, mit einer «Armada» von Helfern am Bankensitz gearbeitet habe.

Doch sich mit der Finanzmarktaufsicht anzulegen, ist kein Unterfangen, das auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Zumal dadurch die Bank am Bellevue erneut Schlagzeilen schreibt. Zuletzt war dies der Fall bei der medial hochgespielten Swissfirst-Affäre und rund um die Insider-Untersuchung bei Sonova, wo die Bank ein grosses Paket Sonova-Aktien vermittelte (siehe unten: Mittler im Fall Sonova).

Das Problem der Bank am Bellevue sei gravierender als jenes von Giorgio Behr, meint ein Zürcher Banker, der nur anonym Auskunft geben will. Dass die Bank Aktienpakete bei Kunden parkiert habe, ist aus seiner Warte offensichtlich. «Was sagten sie jenen, die diese Blöcke bei sich akzeptierten?», fragt er sich. Wenn man einen Tipp gegeben hätte, wäre dies verheerend.1993, als die Bellevue mit Bisang und Partnern an den Start ging, sah die Zukunft verheissungsvoller aus. Es war die Zeit der Ebners und anderer Finanzinvestoren, die mit originellen Ideen nicht nur Aufsehen erregten, sondern für sich und ihre Kompagnons Millionen scheffelten. Mit dem Wind im Rücken kam auch Bisangs Bellevue rasch auf Touren. Der Fokus auf Medizinal- und Biotechnologie erwies sich als treffsicher, die Beteiligungsvehikel namens BB Medtech und BB Biotech wurden zu Goldgruben. Bisangs Stern am Zürcher Bankenhimmel leuchtete hell.

Doch zehn Jahre später war einiger Schwung verloren gegangen. Abhilfe versprach ein Deal, der das Unternehmen und sein stagnierendes Geschäft das Brokerage mit dem Pakethandel und die hart umkämpfte Corporate Finance wieder attraktiver machen könnte. Bisang tat sich mit Thomas Matter zusammen, einem anderen Highflyer der Finanzblütezeit, dessen kotierte Bank Swissfirst sich zur Fusion anbot.

Weil Bisang und seine Gefolgsleute auch im neuen Unternehmen das Zepter schwingen wollten, forderten sie von Matter Swissfirst-Aktien. Der überzeugte viele Investoren, ihm Papiere für einen strategischen Deal zu überlassen. Als der Kurs nach der Fusion wie eine Rakete stieg, fühlten sich einige hintergangen. Dass auch Pensionskassen verkauft hatten, sorgte für medialen Sukkurs, worauf sich die Justiz einschaltete. Am Ende blieb nichts an den Bankern hängen, doch die Aufsicht rügte Matter und Bisang.

Vom Fall Swissfirst hat sich Bisang nie erholt. Er zog die falschen strategischen Schlüsse daraus. Als das Mediengewitter immer stärker wurde, ging Matter von Bord, und Bisang gab der Bank den alten Namen Bellevue zurück. Dann trennte er sich vom Private Banking, das Matter ab 2003 zur Stabilisierung des volatilen Börsengeschäfts aufgebaut hatte. 2007 beschloss Bisang stattdessen den Einstieg ins Asset Management, die Vermögensverwaltung für professionelle Grossanleger. Es folgte die Verpflichtung eines renommierten Teams von Julius-Bär-Managern. Sichtbare Neuerungen aus dieser Zeit sind Fonds wie der BB African Opportunities.

Die Kehrtwende erwies sich als kostspielig, die Erträge lassen auf sich warten. Wie schleppend das Geschäft ist, zeigt der Einbruch bei den verwalteten Vermögen von knapp 5 Milliarden auf noch gut 4 Milliarden Franken. Performance allein genügt nicht in diesem Geschäft, es braucht vor allem Abnehmer für die eigenen Produkte, und dafür ist viel Marketing und Geduld nötig. Beides kostet. Das zeigt sich auch im Börsenkurs. Von einst über 100 Franken im Jahr 2006 ist die Bellevue-Aktie auf unter 30 Franken gesunken. «Bisang würde zu diesem Preis sofort verkaufen», meint ein Zürcher Banker. Doch gekauft hat bisher niemand.

Als Grund dafür bringt der Banker auch Bisangs Stolz ins Spiel. Der 50-Jährige wolle der Welt zeigen, dass er mehr sei als nur ein guter Family-Office-Manager, der sein eigenes Geld und jenes seiner vermögenden Partner erfolgreich verwalten könne. Bisang hält 20 Prozent an Bellevue, insgesamt besitzen Bellevue-Banker und Gründungspartner 50 Prozent der Aktien.
 

Mehr als nur ein Vermögensverwalter

Ob Bisang das Zeug zum Führen einer grossen Firma hat, ziehen nach einem «Handelszeitung»-Interview vom letzten September offenbar selbst Bellevue-Angestellte in Zweifel. Seine Bank würde «einfach kein Geld» verdienen, sagt der Bellevue-Firmenchef damals mit entwaffnender Ehrlichkeit. Die Stunden vor der Dämmerung sei immer die dunkelste.

Und dann beging der einst erfolgsverwöhnte Bisang die kommunikative Todsünde: «Das Jahr 2010 ist für uns gelaufen. Wir müssen heute die Leute bei der Stange halten.»

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Mittler im Fall Sonova

Die Spezialität
«Ein typischer Deal für Bellevue», sagt ein Kadermann der Zürcher Finanzboutique zur Sonova-Transaktion. «Pakethandel in mittelgrossen Schweizer Titeln, das ist unsere Spezialität.» Dass der Schuss nach hinten losging, sei für alle unglücklich. Die Geschichte des Sonova-Aktienverkaufs von Gehörgeräte-Pionier Andy Rihs in der Höhe von 37 Millionen Franken beginnt am 14. Januar im Skiort Flims. Bellevue hält eine Investoren-Tagung unter dem Slogan «Bellevue meets Management» ab. Einem angelsächsischen Institutionellen, der laut der Bellevue-Quelle zu den Top-5 seiner Liga zählt, sticht Sonova-Konzernchef Valentin Chapero ins Auge. Von dessen Präsentation ist der Investment-Manager derart angetan, dass er Bellevue wenig später sein Interesse an einem grossen Sonova-Paket signalisiert.

Das Timing
Ende Februar überschlagen sich die Ereignisse. Zuerst fragt der Banker beim Sonova-Finanzchef nach einem möglichen Grossverkäufer. Eine Woche später meldet sich der beim Bellevue-Mann mit der überraschenden und erfreulichen Nachricht, es gäbe eine Möglichkeit für eine Beteiligung. Verkäufer ist Andy Rihs. Am 8. März wechseln 300 000 Sonova-Aktien via Bellevue-Bank die Hand. Unglücklich ist das Timing nur für den Käufer: Das Rihs-Paket ist eine gute Woche später 10 Millionen Franken weniger wert. Ob die Unternehmer-Legende von der späteren Gewinnwarnung bei Sonova frühzeitig gewusst hat, ist ein Fall für die Justiz.

Verdient am Hin und Her
Dass der Februar nach einem verhagelten Januar erneut ins Wasser gefallen ist, sieht der Sonova-Finanzchef im Monatsbereicht seines Chefcontrollers am Abend des 2. März. Sofort setzt er Chapero ins Bild. Am 7. März weiss im Rahmen einer Geschäftsleitungssitzung die ganze Top-Crew vom Taucher im Geschäft. Es ist der Tag, an dem sich Bellevue und Rihs handelseinig werden. Als die Sache publik wird, hält Rihs den Käufer seines Pakets schadlos. Am Hin und Her verdienen die Bellevue-Banker über 300 000 Franken.

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