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Aviatik
Die Erinnerung an den Riesenvogel A380 kann mir niemand nehmen

Emirates Airbus A380 docked at Dusseldorf Airport in Germany on August 21.  (Photo by Nicolas Economou/NurPhoto via Getty Images)
A380 - die Produktion wird eingestellt.Quelle: Nicolas Economou/NurPhoto

Ich durfte dabei sein auf dem Erstflug - «Rest in peace», A380.

Kommentar  
Von Andreas Güntert
am 14.02.2019

Micheline Calmy-Rey wurde zweite Bundespräsidentin der Schweiz. Die Ritterwanze war Insekt des Jahres. DJ Ötzi plagte die Menschheit mit «Ein Stern, der deinen Namen trägt». Steve Jobs stieg vom Berg und überbrachte der Menschheit das erste iPhone. Das war 2007.

Und dann war da noch etwas: Die Welt der Aviatiker, also jener überwiegend männliche Geheimbund der Flugzeugnarren, die in einen anderen Bewusstseinszustand transzendieren, wenn ein paar Tonnen Heavy Metal am Himmel kratzen, rastete komplett aus: Weil sich ein neuer Jet in die Lüfte schwang: Der grösste Passagierflieger der Menschheitsgeschichte. Der Wundervogel. Der neue Doyen der Düsen-Dynastie. Ein Stern, der seinen Namen trägt: Airbus A380.

Zwar würde ich mich nicht zu den Menschen mit Kerosin im Blut zählen, die von blossem Auge jedes Leitwerk am Firmament identifizieren können. Aufgewachsen in der Flughafengemeinde Kloten war es für mich schon früh nichts mehr besonders mehr, wenn ein Jumbo Jet hoch am Himmel seine Schatten auf mein Pausenbrötli warf.

Ich durfte beim Erstflug dabeisein

Aber 2007 verlor auch ich jeden Rest von erdgebundenem Menschenverstand: Weil ich dabeisein durfte auf dem ersten Passagierflug eines Airbus A380.

Aus meinem Bordbuch: 25. Oktober 2007, Flug Singapore Airlines SQ380 von Singapur nach Sydney. Flugzeit 7 Stunden und 25 Minuten, zusammen mit 455 Fluggästen, die meisten davon hatten ihr Ticket ersteigert. Sechs Schweizer Passagiere an Bord, darunter ich in Funktion eines Journalisten. Auf Platz 34K, Economy Class.

Der Flug war ein einziges Schaulaufen. Blitzlichter am Flughafen Singapur, aufs Mal interessierten sich ARD, CNN und al-Jazeera für meine Nase. Ein Streicherquartett am Gate, ein Handschlag vom Airline-Chef, der Gang durch einen Triumphbogen in den Jet, der sich kurz nach Start als fliegende Jubel-Röhre entpuppte. 7 Stunden und 25 Minuten Hochgefühl in einer 468 Tonnen schweren Festhütte.

Ein bisschen kritisch war ich schon. Während alle anderen Mitpassagiere die Business- und First-Class inspizierten notierte ich mir auf Platz 34k, dass die Holzklasse auch in diesem gelobten Vogel das bleibe, was sie immer war: «Der Ort, wo Airlines mit verrückten Preisen dem Markt gehorchen. Und der Ort, wo dem Langstreckenpassagier spätestens nach der ersten Mahlzeit und dem ersten Film Rücken, Beine, Nacken oder alles miteinander wehtun.»

Die Königin der Lüfte

Aber natürlich platzte ich insgeheim fast vor Stolz: Ich durfte dabei sein bei etwas, das es so kein zweites Mal geben würde: Der Passagier-Erstflug der neuen Königin der Lüfte. Und natürlich glaubte auch ich an das neue, unumstössliche Gesetz am Himmel: Es würde nun endgültig die Zeit der Giganten anbrechen.

Immer grösser würden die Flugzeuge werden und immer mehr Menschen pro Röhre transportieren. Nur schiere Grösse, liess ich mir von meinen 454 Fest-Kollegen (und wenigen Kolleginnen) versichern, würde künftig auf der Airline-Langstrecke noch eine Rolle spielen. Jeder von uns sass mitten in der Zukunft drin. Und alle wussten wir: Es wird nicht nur grösser, sondern auch schöner: Viele viele weitere Fluggesellschaften würden viele viele A380 kaufen und sie mit Bars, Fitness-Anlagen und Shopping-Arkaden ausrüsten. Size matters.

Unhappy Landing

Jetzt wird klar: Dem Riesenvogel geht die Luft aus. Airbus stellt die Produktion des A380 ein. Immer weniger Airlines hatten den Giganten bestellt in den letzten Jahren. Grund für die unhappy Landing: Die Ansicht der Fluggesellschaften hat sich geändert. Statt immer grösserer Jets setzen sie lieber auf mittelgrosse Maschinen. Eine Ökonomie des Machbaren, nicht des Gigantismus ist angesagt. Auch deshalb, weil mittelgrosse Jets auf alle konventionellen Airports passen und keine teuren Umbauten wie für den Riesenvogel A380 erforderten.

Was ist geblieben vom 25. Oktober 2007? Mir persönlich eine Bordkarte, eine Ehrentafel und eine Erkenntnis: Der Riesenvogel war letztlich ein Marktversager. Es gilt eben auch am Himmel oben eine Devise, die sich im irdischen Rat-Race immer wieder bewahrheitet: Size does not matter. Grösse allein macht noch keinen Sieger aus. Rest in peace, A380. Die Erinnerung an eine 468 Tonnen schwere Festhütte kann mir keiner nehmen.

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