Ende November 2009 schreckte die Dubai-Krise die Finanzwelt auf. Doch welche Auswirkungen hat die Krise auf Schweizer Firmen, die mit Niederlassungen in Dubai tätig sind? Folgen sie dem Beispiel der Liechtensteiner VP Bank, die Ende Januar 2010 ankündigte, ihre Vermögensverwaltungsgesellschaft vor Ort zu schliessen? Die «Handelszeitung» befragte dazu mehr als 50 Firmen, die in Dubai tätig sind. Resultat: Kein einziger der befragten Betriebe spielt infolge der Dubai-Krise mit Rückzugsgedanken. «Im Gegenteil», lautete eine der Standardantworten.

Neue Deals für Siemens und ABB

Siemens Schweiz etwa ist seit den 1930er-Jahren via das deutsche Mutterhaus vor Ort im Geschäft. Die von Dubai aus betreuten Länder steuerten 2008 rund 2,6 Mrd Fr. zum Gesamtumsatz des Industriekonzerns bei. «Das Geschäft in der Golfregion ist in den letzten beiden Jahren stabil geblieben. Insbesondere im Bereich Energie konnten Grossaufträge generiert werden», sagt Siemens-Sprecher Marc Maurer.

Seit mehr als 50 Jahren ist der Schweizer Elektrotechnikkonzern ABB präsent. «Wir spüren bislang keine nennenswerte Beeinträchtigung unseres Geschäfts und holen weiter grosse Infrastrukturaufträge herein», sagt Sprecher Wolfram Eberhardt. Die jüngste Erfolgsmeldung datiert vom 9. Februar 2010: ABB hat von der Federal Electricity & Water Authority in den VAE einen Auftrag in Höhe von 104 Mio Dollar erhalten.

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Der seit 1986 in Dubai aktive Versicherungskonzern Zurich baut sein Engagement aus: «Die Strategie zielt darauf ab, ins Schadenversicherungsgeschäft im Nahen Osten und in Nordafrika einzusteigen», sagt Sprecherin Sylvia Gaeumann. Anfang Jahr erfolgte die Einführung von Schadenversicherungslösungen in Bahrain. Denn: Der Versicherungsmarkt im Nahen Osten werde sich in den nächsten fünf Jahren wohl verdoppeln.

Ähnlich klingt es beim Konkurrenten Swiss Life: «Wir wollen von den Wachstumschancen profitieren», sagt Sprecherin Irene Fischbach. Vor Ort aktiv ist man seit November 2008. «Swiss Life hat das Verkaufsbüro in Dubai also mitten in der Krise eröffnet. Es hat etwas länger als geplant gedauert, in der Region Fuss zu fassen. In den letzten Monaten ist aber ein klarer Aufwärtstrend zu erkennen.»

Neugeldzuflüsse bei den Banken

Bereits seit den 1970er-Jahren ist die heutige UBS in der Golfregion verankert - anfänglich in Abu Dhabi. Mittlerweile ist die Grossbank auch in Bahrain, Dubai, Katar und Saudi-Arabien präsent. Die Dubai-Krise hat laut Sprecherin Sabine Jaenecke ihre Kehrseiten: «Unsere Aktivitäten in der Investment Bank haben sich verlangsamt, wobei aber die Schuldenkrise neue Möglichkeiten in M&A und Beratung eröffnet. Unser Asset und Wealth Management profitiert vom positiven Momentum.»

Während das Mutterhaus Credit Suisse nicht an der Umfrage teilnahm, gab sich dessen Tochter Clariden Leu auskunftsfreudiger: Die seit 1975 in der Region tätige Privatbank verfügt seit 2007 über eine Niederlassung in Dubai samt Asset-Management-Lizenz via eine lokale Schwestergesellschaft. «Der Zufluss von Neugeld im vergangenen Jahr war beachtlich», sagt Sprecherin Eveline Oehrli. Eine weitere Expansion im Nahen Osten mit lokalen Präsenzen werde daher nicht ausgeschlossen.

Gerade mal knapp sechs Jahre ist Julius Bär vor Ort. Dabei konzentriert sich die Private Banking Group auf die VAE, wo man als erste ausländische Privatbank eine Lizenz für die Tätigkeit im Dubai International Financial Centre erhielt. Sprecherin Amira Abdel Aziz sagt: «Wir sind mit der Geschäftsentwicklung sehr zufrieden. Die Nettozuflüsse waren erfreulich.» Etwas verhaltener äussern sich die von den Bautätigkeiten abhängigen Firmen. Etwa die seit 2000 in Dubai engagierte Geberit: «Die Baukonjunktur ist seit längerem stark rückläufig. Viele Projekte wurden vorübergehend oder definitiv gestoppt», sagt Sprecher Roman Sidler. Trotzdem halte man an der langfristigen Strategie fest.

Georg Fischer liefert seit über 30 Jahren in die arabischen Länder und betreibt seit 2000 ein Verkaufsbüro in Dubai. Sprecherin Bettina Schmidt sagt: «Wir merken seit einiger Zeit, dass die Bauaktivitäten in Dubai eingeschränkt sind, allerdings sind wir breit aufgestellt und liefern nicht nur an Baufirmen, sondern auch für Industrie- oder Infrastrukturprojekte.»

 

NACHGEFRAGT
Roland Weber, Schweizer Immobilien-Investor in Dubai, VAE (ehemaliger CEO der Parfümeriekette Alrodo)

«Guter Moment, um für wenig Geld eine Firmenbasis aufzubauen»

Roland Weber (52) hat sich als CEO der grössten Schweizer Parfümeriekette Alrodo einen Namen gemacht. 2000 wurde diese an Marionnaud verkauft. Seit 2006 lebt der Schweizer als Immobilien-Investor und Retail-Geschäftsberater in Dubai, VAE.

Wie schlimm ist die Situation in Dubai derzeit?

Roland Weber: Wir leiden vor allem unter der Immobilienkrise. Die Auswirkungen der Finanzkrise sind vergleichbar mit den andern grossen Finanzplätzen.

Sind Sie persönlich mit Ihren Investitionen auch im Minus?

Weber: Nein, ich konnte mich in etwa halten, weil ich schon rela-tiv früh investiert hatte. Vor dem Peak im September 2008 hatten sich die Preise in zwei Jahren verdoppelt. Jetzt sind wir ungefähr zurück auf dem Level von 2006.

Was hören Sie von andern Schweizern in Dubai?

Weber: Viele arbeiten für grosse Firmen wie ABB, UBS oder Siemens. Es ist klar, dass der lokale Markt jetzt nach dem Zusammenbruch schwierig ist. Viele Projekte wurden storniert. Anderseits sind diese Schweizer Firmen nicht nur auf Dubai und die VAE oder die Golfregion ausgerichtet, sondern sie haben hier eine Basis für einen ganzen Erdteil.

Wäre die Immobilienblase nicht so oder so geplatzt?

Weber: Das weiss man nicht, aber die Finanzkrise hat sie zum Platzen gebracht. Es gab einen Exodus von Investoren, denen das Geld ausgegangen ist. Viele haben an den Finanzmärkten ein Vermögen verloren.

Wie kam es dazu?

Weber: Es wurde viel spekulativ auf Vorrat gebaut und fremdfinanziert. Man kaufte Wohnungen und Häuser nur mit dem Ziel, sie mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Und Gewerbeflächen?

Weber: Das ist ein Desaster. Es wurde Büroturm an Büroturm gebaut; der Leerbestand ist enorm. Das heisst aber umgekehrt auch, dass jetzt der gute Moment ist, um hier für wenig Geld eine Firmenbasis aufzubauen.

Wird diese Gelegenheit genutzt?

Weber: Ja, die Talsohle in Dubai ist erreicht, die ersten Leute kommen zurück. Denn es ist alles viel günstiger geworden.

Was heisst das konkret?

Weber: Heute bekommt man auf der künstlichen Palmeninsel Jumeirah für 1,5 Mio Fr. eine 400-m2-Villa, die noch vor 18 Monaten doppelt so viel gekostet hat.

Und wie geht es weiter?

Weber: Man achtet viel mehr auf Qualität. Früher wurde einfach alles gekauft und weiterverkauft. Aber es ist gut möglich, dass der Level von vor der Dubai-Krise nie mehr erreicht wird.