Wo müssten Sie gemäss Ihrer Prä-Corona-­Agenda gerade jetzt sein?
Martin Barth: Das erste Halbjahr 2020 wäre reiseintensiv gewesen: Es standen Reisen an nach Oman, Indonesien, Me­xiko, Usbekistan, Botswana, Ruanda und Kenia. Just heute hätte ich in Nairobi einen Termin gehabt mit dem kenianischen Tourismusminister Najib Balala

Mit welchem Ziel?
Wir hatten uns bereits letzten Oktober für dieses Treffen verabredet. Es wäre darum gegangen, die Vereinbarung mit Kenia als Gastlandpartner für das World Tourism Forum Lucerne für die Periode 2020 bis 2022 zu finalisieren. 

Nun treffen wir uns an Ihrem Wohnort in Solothurn. Was tut ein gegroundeter ­Touristiker den lieben langen Tag? 
Wie viele andere sitze ich seit sechs Wochen im Homeoffice, was einige Vorteile hat. Für mich zum Beispiel den Wegfall des Arbeitsweges von Solothurn nach Luzern. So gewinne ich jeden Tag drei Stunden. Neben Annullationen und Verschiebungen von Reisen beschäftigen mich vor allem drei Dinge.

Erstens die Unterstützung und Förderung touristischer Startups in unserem Netzwerk. Zum Zweiten die Entwicklung des kostenlosen Beratungsangebots «From one friend to another», das an dreissig Tourismus-Minister weltweit verschickt wurde und das zahlreiche auch nutzen. Und drittens natürlich die Vorbereitung des siebten World Tourism Forum Lucerne von 2021. 

Die Event-Branche muss sich neu erfinden. Was heisst das für Ihren nächsten Grossanlass?
Das World Tourism Forum Lucerne wird kleiner. Im Sinne eines hybriden Events werden weniger Leute nach Luzern kommen; eine grössere Gruppe von Teilnehmenden wird aus allen Erdteilen per Video zugeschaltet.

An den bisherigen Foren trafen sich rund 600 Leute in Luzern; aktuell arbeiten wir an einem Modell, das von 150 bis 200 Gästen ausgeht – die restlichen Teilnehmenden werden online zugeschaltet. Das ist spätestens seit der Corona-Krise akzeptiert und ist auch nachhaltiger. 

Gibt es dafür überhaupt ein Bedürfnis?
Davon gehe ich aus. In den letzten Tagen habe ich am weltweiten Online-Event ­Hospitality Tomorrow teilgenommen, dafür registrierten sich 5000 Teilnehmende. 

Martin Barth

Funktion: Gründer und Chef des World Tourism Forum Lucerne
Alter: 54
Wohnort: Solothurn
Familie: verheiratet, ein Sohn
Karriere: Wirtschaft- und Recht-Studium HSG; danach unter anderem Generalsekretär Mövenpick-Holding, Tourismusdirektor Savognin, aktuell auch Tourismus-Professor an der Hochschule Luzern.

World Tourism Forum Lucerne
Das 2009 gegründete WTFL ist eine internationale Plattform für den weltweiten Tourismus mit Fokus auf Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Startups. Es findet alle zwei Jahre in Luzern statt. 

Das letzte World Tourism Forum Lucerne von 2019 fand im KKL in Luzern statt. Welche Location wird es 2021 sein?
Das ist noch nicht finalisiert. 

Mit der Absage des Treffens in Nairobi fehlt nun auch der Gastlandvertrag?
Die Verhandlungen laufen weiterhin, mit mehreren Ländern. Was eine Herausforderung ist in der aktuellen Situation: Wann haben unsere Partner überhaupt Zeit für ein Gespräch, wann sind sie bereit, entsprechende Investitionen zu tätigen? Wir bleiben dran. 

«Grundsätzlich halte ich den vorsichtigen Weg des Bundesrates für richtig.»

Viele Schweizer Touristiker fühlten sich vom Bundesrat lange im Regen stehen ­gelassen. Verstehen Sie das?
Klar ist: Der Tourismus ist vom Co­ronavirus so hart betroffen wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass viele von uns die Tragweite dieser Krise noch gar nicht richtig begriffen haben. Viele meinen, der Bundesrat gebe den Takt an. Dabei ist es das Virus, das den Takt angibt. 

Das wird aber international sehr unterschiedlich ausgelegt.
Es geht immer um die Balance zwischen Wirtschaft und ethischen Werten. Dass einzelne Branchen enttäuscht sind, kann ich nachvollziehen. Aber grundsätzlich halte ich den vorsichtigen Weg des Bundesrates für richtig. 

Schweiz Tourismus will ein Recovery-­Programm starten und möchte dafür 40 Millionen Franken vom Bund. Zu Recht?
Wenn wir davon ausgehen, dass erst ab Mitte 2021 wieder mit internationalen Reisen zu rechnen ist, ist das zu früh. 

Die Schweizer Landesvermarkter ­be­fürchten wohl, dass viele andere Länder die Werbetrommel rühren – und die Schweiz nichts oder wenig abbekommt von der Reiselust, die bestimmt riesig sein wird. 
Die Furcht vor einem werblichen Wett­rennen ist ungerechtfertigt. Es sind ja sozusagen alle Länder in der gleichen Situation: Ferien im eigenen Land! Kürzlich teilte ich mit dem Generalsekretär der Weltorga­nisation für Tourismus (UNWTO), Zurab Pololikashvili, einen erstaunlichen Gedanken: Man könnte eine Art weltweites «Moratorium» für touristische Auslandwerbung verhängen. Demnach würde jedes Land nur Werbung im eigenen Land betreiben. So wäre sichergestellt, dass jedes Land für eine gewisse Zeit nur versucht, Touristen aus dem Inland zu gewinnen. 

Interessant, aber kaum durchführbar.
Eine vertiefte Diskussion wäre es wert. Damit würde eine gewaltige Summe an Geld gespart, welches man den besonders notleidenden Playern in der touristischen Welt zur Verfügung stellen könnte. Zumal zu frühe Werbeanstrengungen sowieso verpuffen werden. 

Für diesen Sommer ist mit dem «Stayca­tion»-Phänomen zu rechnen. Was braucht es in einer Schweizer Destination für ein emotionales touristisches Grundrauschen? 
Ein gewisses Mindest-Erlebnis muss sein, und dafür braucht es mehr als einen Parkplatz, ein Bett und ein Frühstück. Einen Kaffee müsste man irgendwo trinken können, eine Zeitung kaufen und am Abend ein Bier an der Bar geniessen. Wichtiger aber ist, dass uns die Natur offen steht, mit allen versteckten Schönheiten der Schweiz, die sich jetzt entdecken lassen. 

Wie wichtig ist jetzt touristische Innovation?
Es ist sehr wichtig, dass man Jungunternehmer nicht vergisst. Auch deshalb, weil Startups nun bezüglich Liquidität noch stärker gebeutelt sind als langjährig bestehende Unternehmen. Mit ihren aktuellen Programmen sind Bund und Kantone auf einem guten Weg. 

Pioniere wie Airbnb oder Uber wurden just in der Zeit der grossen Wirtschafts- und Finanzkrise geboren. Zufall?
Vermutlich nicht. Solche Zeiten fördern ein Denken, das ausserhalb der Konventionen funktioniert. Genau deshalb ist es so wichtig, dass man jetzt die Startup-­Schnur nicht kappt.

Die Schweiz hat viele Touristik-Pioniere hervorgebracht, César Ritz begründete die Welt des Hotel-Luxus, Johannes Badrutt installierte oberhalb seines «Kulm»-Hotels in St. Moritz die erste Elektrizitätsanlage der Schweiz, Bruno Franzen schuf mit Interhome den Ur-Ahn von Airbnb. Seither kam nicht mehr viel Innovatives aus der Schweiz. Warum?
Das ist eine zu harte Beurteilung. Die hier genannten Innovationen stammen grösstenteils aus dem Hardware-Bereich. Heute aber finden neue Entwicklungen vor allem in der Software statt.

Hier haben Airbnb, Uber, Tripadvisor, Booking.com und Expedia das Rennen gemacht. Da kam nichts aus der Schweiz.
Das ist mir zu negativ gedacht. Immerhin kamen aus der Schweiz Innovationen wie der Online-Tourenanbieter GetYourGuide oder der Sharing-Pionier Mobility; aktuell sind viele spannende Projekte wie etwa die Foodwaste-Vermeider von Kitro oder der flexible Raumanbieter Quadrin erfolgreich unterwegs.

Martin Barth, Professor am Institut für Tourismuswirtschaft in Luzern, vor dem Gebäude der Hochschule Luzern, Schweiz, 26.10.2010.

Martin Barth: «Es wird ein «New Normal» eintreten, der Tourismus wird weniger schnell und dicht sein.»

Quelle: Michael Hauri

Schauen wir es doch einmal faktenbasiert an: Neben GetYourGuide, das heute Hauptsitz in Berlin hat, rockte in den letzten zehn Jahren keine einzige touristische Idee die Welt.
Ich schaue nicht zurück. Ich schaue nach vorn. Die Zukunft stimmt mich positiv.

Woran fehlt es ganz konkret? An Köpfen oder Kapital? Ist der Heimmarkt zu klein oder sind wir alle zu bequem geworden?
Es geschieht heute schon viel. Aber es könnte mehr geschehen. Der Schweiz fehlt zum Beispiel ein Tourismus-Minister, der sich voll auf diese wichtige Branche fokussieren kann. Zahlreiche Länder mit weniger Tourismus haben einen eigenen Tourismus-Minister. Die Organisation Digital Switzerland hat keinen Vertical «Tourismus». Manchmal hat man das Gefühl, der Tourismus werde zu wenig als echte Industrie betrachtet. Innovationsweltmeister ist die Schweiz heute schon. Aber es hapert daran, aus Produktinnovationen Geschäftsmodelle zu machen.

Sie kommen viel herum auf der Welt: Welches sind heute die Hotspots bezüglich touristischer Innovation?
Bis zum Corona-Ausbruch waren das vor allem die USA, Israel, Grossbritannien, Deutschland und Singapur. Etwas weniger auf dem Radar, aber sehr innovativ unterwegs sind Länder wie Spanien, Portugal und Chile. Wo es während und nach Corona abgeht, muss sich weisen.

Was tut Ihr Forum für Startups?
Wir sind daran, in Luzern den ersten Schweizer Innovations-Hub für die Themen Travel, Tourism, Hospitality und Mobility aufzubauen. Als vorgelagerter Teil des Forums soll im April 2021 das ­erste Startup Innovation Festival durch­geführt werden, wenn dann die Grenzen hoffentlich wieder offen sind. Als Location haben wir das Luzerner Neubad ausgewählt, die Zwischennutzung des einstigen Luzerner Hallenbads. 

Kommen Sie mit auf eine Rundreise durch gängige Meinungen zum Tourismus?
Bitte sehr. 

Diese Krise ist anders als alle anderen ­Krisen zuvor. Richtig?
Sie ist anders, weil sie auf der ganzen Welt in ungeahnter Geschwindigkeit einen Angebots- und einen Nachfrageschock ausgelöst hat. 

Der Mensch vergisst nach Krisen gern und schnell. Korrekt?
Hoffentlich nicht. Nach heutigem Stand ist auf mittlere Frist mit einer langsamen Erholung, mit kleineren Airline-Flotten und geringerer Reisetätigkeit zu rechnen. Es wird ein «New Normal» eintreten, der Tourismus wird weniger schnell und dicht sein; die Menschen werden weniger und bewusster reisen. 

«Reisen ist kein Menschenrecht.»

Wirklich? Nach der Zeit des Konsum­fastens wollen vermögende Menschen doch das Versäumte nachholen. Möglichst bald, möglichst viel, möglichst günstig.
Das sehe ich anders. Wir werden für längere Zeit ein genügsameres Reisever­halten sehen. Nur schon aufgrund der Kapazitäten, die überhaupt zur Verfügung stehen.

Weiter auf der Exkursion: Reisen ist ein Menschenrecht
Nein, Reisen ist kein Menschenrecht. Als Jurist und Anwalt weiss ich, dass wir dann von einem Recht sprechen, wenn es einklagbar ist. Für Reisen gilt das nicht. 

Ein Sommer ohne Meeresrauschen ist kein Sommer. 
Falsch. Berge und Seen machen auch ­einen Sommer. 

Die Schweiz braucht zwingend eine ­Interkontinental-Airline mit Sitz in der Schweiz. Korrekt?
Korrekt. 

Wo müssen Sie heute in einem Jahr gemäss Agenda sein?
Im Luzerner Neubad. Genau dann werden wir die 16 besten touristischen Startups der Welt zum ersten Startup Innovation Festival begrüssen. Am liebsten per Handschlag.

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