In vielen Supermärkten des Landes hat dieses Produkt für ganz viel Aufregung gesorgt: Die WC-Rolle. Die einen schieben sie kiloweise mit Einkaufswägen aus dem Laden, um ganz sicher zu sein, dass sie mehrere Monate damit versorgt sind. Die anderen stehen kopfschüttelnd daneben und fragten sich, warum ausgerechnet Toilettenpapier ein Objekt solcher Begierden werden kann.

Die Angst von vielen: Wer sich jetzt nicht eindeckt, hat bald keines mehr. Aber ist das realistisch? Wo und wie wird WC-Papier produziert? Und wäre die Schweiz in der Lage, sich selbst zu versorgen?

Toskana als Zentrum der WC-Papier-Produktion

Fabian Körber, Managing Director von Heinz Müller & Co. in Dielsdorf, ist Importeur von Hygienepapier. Er sagt, dass WC-Papier aus Schweizer Produktion völlig unbedeutend für den Markt sei. «Das Zentrum der Hygienepapierherstellung in Europa liegt in der Toskana, genauer in der Region Lucca. Die Produktion dort läuft uneingeschränkt und die Lieferketten funktionieren einwandfrei.» Es gebe also keinen Anlass für Panik oder gar Hamsterkäufe.

Körber bemerkt hingegen, dass die Nachfrage nach Papierhandtüchern – also den Tüchern, die man meist in Büros findet – noch grösser ist als die nach WC-Papier. «Das liegt daran, dass man sich öfters die Hände wäscht und dass viele Betriebe von Jet Dryer, also Heissluft-Handtrocknern, auf Papierhandtücher umgestellt haben, was aus hygienischer Sicht auch absolut Sinn macht.»

Migros: «Es hat genug WC-Papier für alle»

Hauptbetroffen von den Hamsterkäufern sind die grossen Supermärkte der Schweiz. Auch die Migros erklärt auf Nachfrage, dass genügend Vorräte für alle da seien und Hamsterkäufe absolut unnötig. «Holz für die Zellstoffherstellung wird vor allem aus Kiefern, Fichten, Birken und zu geringen Teilen aus Eukalyptus-Bäumen gewonnen», erklärt der Multi den Produktionsprozess.

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In der Schweiz selber gibt es nur zwei kleine Hersteller von WC-Papier, so Migros-Mediensprecherin Cristina Maurer Frank. Und wie viel kann das Unternehmen von diesen beiden Firmen beziehen? «Etwa einen Drittel bezieht die Migros aus der Schweiz – das übrige Papier kommt aus Deutschland, Frankreich und Italien.»

Die Schweiz ist auf Importe angewiesen

Unabhängig wäre die Schweiz nicht in der Lage, sich mit WC-Papier zu versorgen, auch wenn die Migros einen Drittel ihrer Bestände in der Schweiz kauft. Denn die Zellulose, so Maurer Frank, die als Vorstufe von WC-Papier essenziell für die Produktion ist, komme praktisch ausschliesslich aus dem Ausland. Da sich an den Lieferketten aber bisher praktisch nichts geändert hat, sei die Versorgung des Landes mit WC-Papier gesichert.

Die Absurdität: Toilettenpapier schützt weder vor dem Virus, noch ist es unbedingt fürs Überleben notwendig.

Warum also der Run auf das mehrlagige Produkt? Psychologen haben inzwischen drei Theorien, die den Hype ums Toilettenpapier erklären sollen: Nach Meinung von Steven Taylor, der ein Buch über die Psychologie von Pandemien geschrieben hat, sei WC-Papier ein Symbol für Sicherheit. Durch die in Social Media und im Fernsehen verbreiteten Bilder von WC-Papier-Hamsterkäufen werde diese Aktion kognitiv mit der Absicherung in der Krise verknüpft. Und da jetzt alle WC-Papier kaufen, macht man es eben auch.

WC-Papier = Placebo

Eine andere psychologische Erklärung ist, dass Menschen eine evolutionär bedingte Abneigung gegen Dinge haben, die sie ekeln. Eine mögliche Virusinfektion verstärke diese Abneigung und Angst. WC-Papier ist also ein Placebokauf, der das evolutionäre Gefühl bedient.

Die dritte Theorie kommt aus der Wirtschaftswissenschaft und hat mit der sogenannten Zero-Risk Bias zu tun. «Meine Vermutung ist, dass wir das Gefühl von Kontrolle während der Corona-Krise haben wollen und gleichzeitig nur über ein begrenztes Budget verfügen», schreibt Farasat Bokhari, Gesundheitsökonom an der Universität East Anglia in Grossbritannien. «Also kaufen wir etwas Billiges, das wir gut lagern können und das wir sowieso irgendwann brauchen», sagt er.

Wenn wir hingegen massenhaft teure Tiefkühlgerichte kaufen, riskieren wir einen Wertverlust. Das Hamstern von WC-Papier hat also vielleicht gar nicht so viel mit Panik zu tun, aber umso mehr mit Herdentrieb und Knausrigkeit. 

Was der Finanzmarkt mit dem Markt für WC-Papier zu tun hat

Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe sieht im Run auf WC-Papier sehr viele Parallelen zum Finanzmarktgeschehen. Kommen die Finanzmärkte unter Stress, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die erste Bank anfängt, Cash zu horten. Nicht, weil sie keine liquiden Mittel mehr hätte, sondern um auf den Tag X vorbereitet zu sein, an dem nichts mehr verfügbar ist.

«Das machen mit der Zeit auch die anderen Banken, obwohl noch genügend Reserven vorhanden sind. Aber alle haben diesen Tag X vor Augen. Die Preise für kurzfristige Liquidität beginnen zu steigen, weil die Quellen austrocknen könnten.» An den US-Geldmärkten schossen in den vergangenen Wochen die Sätze für kurzfristige Geldausleihungen bereits in die Höhe.

«Jetzt stellen Sie sich vor, der Supermarktleiter zeigt Ihnen während Ihrer panischen Suche ein prallgefülltes Lager mit Klopapier. Und er sagt, sie bekämen in den nächsten sechs Monaten jederzeit Toilettenpapier. Was für ein beruhigendes Gefühl», so Gitzel. Genau das würden derzeit die Notenbanken machen. Sie stellten Liquidität in ausreichendem Mass zur Verfügung. Jeder bekommt so viel er braucht. Alleine die Tatsache, dass genügend Liquidität zur Verfügung steht, wirkt besänftigend. Banken werden also weniger Liquidität horten.

Die US-Geldmarktsätze für Übernachtausleihungen sind seit dem Wochenende massiv gefallen. Die Aktion der US-Notenbank vom vergangenen Sonntag zeigt also Wirkung. Keiner muss sich vor dem Tag X fürchten. «Wir wollen hoffen, dass es beim Klopapier auch so kommt», so Gitzel.