Etwas betreibt die Stadt Biel-Bienne (offizielle Schreibweise erst seit dem 1. Januar 2005) unter dem erneut wiedergewählten Stadtpräsidenten Hans Stöckli sicher richtig: Ein erfolgreiches Stadtmarketing. Dieses baut auf auf der zentralen und landschaftlich schönen Lage mit guten öffentlichen und privaten Verkehrsverbindungen (die Autobahnumfahrung A5 mit direktem Anschluss des Juras in Richtung Bern ist im Bau) und Landreserven, welche Biel-Bienne zu attraktiven Preisen anbieten kann.

«Dies ist Teil unserer strategischen Zielsetzung», sagt der städtische Wirtschaftsdelegierte Thomas Gfeller. «Es ist Biel gelungen, den Mix aus Wohn-, Dienstleistungs- und Produktionsgebäuden in guter Balance zu halten.»

Grosse Freude: Rolex bleibt ...

Als die weltbekannte Genfer Uhrenmarke mit dem Krönchen im Firmenlogo 2004 die in Biel ansässige Uhrwerkmanufaktur für Rolex-Uhren von den Familien Borer und Cottier-Aegler erwerben konnte, bangte die Stadtverwaltung um den Rolex-Standort Biel. Dies umso mehr, als damals gerade Rolex gewichtiger Industriekomplex in einer markanten Architektur aus Glas und Stahl mit einem Bauvolumen von 660000 m3 im Genfer Vorort Plan-les-Ouates fertig erstellt war.

Die Sorge war umsonst, Rolex schuf seither in Biel hunderte von weiteren Arbeitsplätzen und erwarb von der Stadt im Industriequartier Bötzingenfeld einen 4,5 ha grossen Bauplatz. Dort entsteht nun ein weiterer riesiger Fabrikkomplex der Superlative. Wie üblich bei Rolex, wird über die Höhe der Investitionen und die Zahl der künftigen Arbeitsplätze nichts verraten; der verschwiegene Schweizer Branchenleader ist im Besitz der vom verstorbenen Firmengründer Hans Wilsdorf gegründeten Stiftung. Heute beschäftigt die Rolex-Manufaktur in Biel laut Auskunft der Firmensprecherin Dominique Tadion rund 2350 Mitarbeitende.

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... und Swatch baut weiter aus

Vorausgesetzt, das Bieler Stimmvolk sagt am 30. November dieses Jahres Ja zum Bauprojekt der Swatch Group, woran Stadtpräsident Stöckli nicht zweifelt (siehe «Nachgefragt»), kann auch der weltgrösste Uhrenkonzern seine Erweiterungsbauten zwischen dem Omega-Gelände und dem heutigen Fussballstadion im Gurzelen-Quartier realisieren.

Apropos Fussball: Biel gelingt, was Zürich bisher verwehrt worden ist, nämlich der Bau eines Multifunktions-Sportkomplexes mit Fussball- und Eisstadion, Curlingbahnen, Trainingsplatz sowie Fitness und Fachgeschäften.

Ausser den Plastikuhren Swatch und Flik Flak (Kinderuhren) domizilieren weitere Swatch-Gruppenfirmen in Biel, etwa cK Watch & Jewelry Co., Endura (Private Labels), Hamilton International Ltd. und als Aushängeschild die Omega.

Auch die jüngste Tochter der Swatch Group, die Tiffany Watch Co. Ltd, bekommt ihren Firmensitz in der Museumsmeile von Biel. Dazu wird eine bisher vom Museum CentrePasquArt als Verwaltungsgebäude benutzte repräsentative Liegenschaft nach Änderung des Nutzungszonenplanes an die Swatch Group veräussert. Diese schafft dort weitere Arbeitsplätze.

Dank der Swatch Group hat sich in Biel ein weiterer Industriezweig seit den frühen 90er Jahren etabliert: Die Mikrotechnologie. Die heutige Konzentration von Hightech-Betrieben profitiert bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte von der Kantonsschule für mikrotechnische Berufe und der Fachhochschule für Technik und Informatik. Kein Wunder, dass Biel heute mit 2,9% durchschnittlicher Arbeitslosigkeit in der Rangliste der Städte mit tiefer Arbeitslosigkeit hinter St. Gallen und Zürich erfreulich auf Rang drei steht.

Keine Angst vor erneuter Krise

Dass Biel je wieder in eine Uhrenkrise wie in den 70er und 80er Jahren versinkt, kann sich Stadtpräsident und Finanzdirektor Stöckli in Anbetracht der aktuellen hohen, auf weit über 500 Mio Fr. geschätzten Bauinvestitionen der beiden Uhrenhersteller Rolex und Swatch/Omega nicht vorstellen. Schliesslich gibt es neben den beiden Grossen eine ganze Zahl weiterer Uhrenhersteller und Zulieferfirmen. Uhrenfachgeschäfte inklusive, sind im Telefonbuch 165 Betriebe aufgeführt.

Zu den grösseren Uhrenherstellern zählen Antima (Fossil), Citizen Watch, Doxa, Eberhard & Co., Egana Goldpfeil mit Modeuhren von Cerrutti, Esprit, Pierre Cardin oder Puma Time, die Festina-Gruppe, Hermès Montres (Biel-Brügg), MGI Luxury Group mit den Marken Movado, Concord und Esq Swiss sowie Lacoste und Thommy Hilfiger (in Lizenz), Milleret, Milus Roventa-Henex oder Victorinox Swiss Army.

Biel ist auch für junge Start-up-Unternehmen attraktiv, sowohl für neue Uhrenmarken wie Delance, Strom oder Vogard (Mike Vogt) als auch für solche der Präzisionstechnik und der Kommunikation.

 

 

NACHGEFRAGT Hans Stöckli, Stadtpräsident, Biel-Bienne


«Wir haben die besten Impulsprogramme»

Fürsprecher Hans Stöckli ist Stadtpräsident von Biel-Bienne sowie SP-Nationalrat und damit einer der wenigen Vertreter in einem eidgenössischen Parlament, der die Uhrenindustrie mit viel Hintergrundwissen kennt.

Rolex bebaut im Industriegebiet Bözingenfeld 4,5 ha, die Swatch Group plant Erweiterungsbauten im Gurzelen-Gebiet auf 10 ha. Befürchten Sie als Konsequenz der globalen Turbulenzen an den Finanzmärkten keine neue Uhrenkrise?

Hans Stöckli: Die Tatsache, dass die weltweit grösste Uhrenmarke, Rolex, sowie der weltweit grösste Uhrenkonzern, die Swatch-Gruppe, in Biel gleichzeitig für erheblich mehr als eine halbe Milliarde Franken Investitionen tätigen, um je mehrere hundert neue Arbeitsplätze zu schaffen, bestätigt, dass diese beiden Spitzenunternehmungen ihre Position auf den Weltmärkten trotz Finanzkrise positiv einschätzen. Das sind äusserst wichtige und erfreuliche Signale für den Werkplatz Schweiz und damit auch für Biel.

Die Stimmbürger von Biel müssen den Ausbauplänen der Swatch Group am 30. November 2008 noch zustimmen. Wie beurteilen Sie die Chancen einer Annahme?

Stöckli: Die Bieler Bevölkerung hat im Juni die beiden Uhrenvorlagen Rolex und Tiffany mit grosser Mehrheit genehmigt; das Stadtparlament hat zudem im Oktober einstimmig den Ausbauplänen von Swatch und Omega zugestimmt, sodass ich sehr zuversichtlich bin, dass die Stimmberechtigten im November die hervorragenden Ausbauprojekte positiv aufnehmen werden. Das sind die besten Impulsprogramme, die man sich vorstellen kann.

Mit Swiss TXT, Telekurs sowie Fanuc GE bauen weitere Industriezweige in Biel. Sind die Stadt und damit ihre Einwohner heute weniger abhängig von der Uhrenbranche als zur Zeit der letzten Krise Ende 70-/Anfang 80er Jahre?

Stöckli: Heute bietet Biel etwas mehr als 10% aller Uhrenarbeitsplätze der Schweiz, was auch etwas mehr als 10% aller Bieler Arbeitsplätze entspricht. Da aber insgesamt der Wirtschaftsstandort Biel gestärkt werden konnte, entsteht dadurch nicht die gleiche Abhängigkeit von der Uhrenindustrie wie vor der Uhrenkrise, wo bei uns 20% aller Arbeitsplätze von der Uhrenindustrie abhingen. Heute hat sich Biel auch zur Stadt der Kommunikation und zum Zentrum der Präzisionsindustrie mit über 2000 neuen Arbeitsplätzen entwickelt.

Wie sieht es bei den Steuereinnahmen aus ? wie viele Prozente trägt die Uhrenbranche zu den Unternehmenssteuern bei?

Stöckli: Mit mehr als 25% aller Steuereinnahmen machen in Biel die juristischen Personen einen überdurchschnittlichen Anteil an den Steuern aus. Die Uhrenindustrie bezahlt gut die Hälfte dieser Unternehmenssteuern, also einen gewichtigen Teil, der auch dazu benutzt wurde, in den letzten Jahren schwarze Zahlen zu schreiben, die Investitionen zu erhöhen und die Schulden abzubauen: Heute sind unsere Finanzen im Lot. Da die Banken in Biel nur einen geringfügigen Anteil an Steuern entrichten, können wir es uns erlauben, die Steuern zu senken.

Was sind die Gründe für den offensichtlichen Boom in der grössten zweisprachigen Stadt der Schweiz?

Stöckli: Mit der Expo.02 haben wir in Biel ein gutes politisches, kulturelles, wirtschaftliches und gesellschaftliches Klima schaffen können, das unser Selbstvertrauen stärkte und uns den Mut und die Zuversicht zu grossen Projekten gab. Mit einer konsequenten und langjährigen Liegenschaftspolitik ist es uns gelungen, Eigentümerin von beinahe 25% des Landes in der Stadt Biel zu werden, das für die Stadt- und Wirtschaftsentwicklung eingesetzt werden kann. Wir verfügen dadurch über erschlossenes und preiswertes Bauland zu verschiedensten Zwecken. Biel ist zentral gelegen mitten im Drei-Seen-Land. Und bei uns leben und arbeiten offene, tolerante, mehrsprachige und gut ausgebildete Menschen. Wir erlauben uns daher, nicht nur Gutes zu tun, sondern auch darüber zu reden: Wir betreiben ein erfolgreiches Stadtmarketing.