Die Präsentation wirkte handgestrickt. Dennoch hingen die Fondsmanager gebannt an den Lippen des Redners. Vor dem Publikum stand Michael Brüggler, Mitgründer und Finanzchef der 1997 gegründeten Recyclingfirma Citron. Selbstbewusst und begeistert präsentierte der ehemalige Investmentbanker den Anlegern die Investmentstory seiner noch jungen Firma: An der französischen Atlantikküste bei Le Havre betrieb Citron eine Verwertungsanlage für Sondermüll, deren Herzstück aus einem Drehofen bestand, mit dem schwermetallhaltige Abfälle unter grosser Hitze in ihre wiederverwertbaren Teile aufgetrennt werden konnten. Die so gewonnenen Produkte sollten an die Metall- und Bauindustrie verkauft werden.

«Sondermüll als Rohstoff», «mit Recycling Geld verdienen und Gutes tun», «ein in ganz Europa replizierbares Modell» - solche Schlagworte beeindruckten die zur Investorenpräsentation von 2004 angereisten Anleger. Der Aktienkurs der an der Berner Börse kotierten Citron setzte zu einem Höhenflug an und überschritt im Frühjahr 2006 die 600-Franken-Marke.

Verkauf war schon organisiert

Heute steht Citron vor dem Aus, der Aktienkurs ist auf 4.70 Franken eingebrochen. Eine Zinszahlung für eine 2009 verlängerte Anleihe wurde fällig. Sie blieb aus, die Mittel dazu sind nicht vorhanden. Das Werk in Le Havre steht nach einem Brand im Oktober still, es fehlt das Geld für Aufräumarbeiten.

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In Liquiditätsnot ist Citron bereits im September geraten, als die französischen Umweltbehörden ultimativ die Entsorgung eines Berges aus 76 000 Tonnen Abfall auf dem Werkgelände forderten und dafür eine Garantiesumme von 3,4 Millionen Euro verlangten.

Bernhard Signorell, Fondsmanager der auf Small- und Midcaps fokussierten 3V Asset Management, spricht Klartext: «Ich nehme mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis, dass die Firma, wie von mir prognostiziert, an die Wand fährt.» Sein Fonds war zeitweise mit 4,5 Prozent des Vermögens, über 10 Millionen Franken, in Citron investiert. Der Niedergang des Unternehmens hat 3V bis zum Ausstieg 2008 einige Prozente Performance gekostet.

Begonnen hatte der Krebsgang bereits Ende 2005 mit dem Entscheid der französischen Aufsichtsbehörden, den Ofenaustrag, den Citron eigentlich in den Strassenbau als Sand- und Kiesersatz verkaufen wollte, rechtlich neu als Abfall zu deklarieren. Dadurch wurden prognostizierte Erträge zu Kosten.

Zu schaffen machten dem Unternehmen darüber hinaus Produktionsprobleme mit dem Ofen, die zu einem mehrwöchigen Unterbruch des Werkes führten.

«Der Weg ins Verderben war vorgegeben, doch eine Rettung wäre möglich gewesen, wenn sich Mitbegründer Brüggler hätte helfen lassen», erinnert sich Signorell. Zusammen mit anderen Grossinvestoren hatte er den Verkauf von Citron an eine grosse Recycling-Gruppe organisiert. Doch der Deal soll am Veto und, laut Firmenkennern, am grossen Ego des Hauptaktionärs und Firmenchefs Brüggler gescheiter sein. Dieser war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

«Es war fahrlässig, die Firma angesichts der hohen Risiken mit nur einer Anlage alleine weiterzuführen», bestätigt ein Branchenkenner. Zumal sich Citron von Anfang an in einem harten Konkurrenzkampf mit grossen französischen Abfallverwertern wie Veolia oder Suez befand. «Die Technologie von Citron war vielversprechend, doch die Firma wurde von den Behörden mit anderen Ellen als die Konkurrenten gemessen», ist er überzeugt. Immer wieder hätten die Umweltbehörden tiefere Schwellenwerte angesetzt. Umso mehr wäre eine Kooperation mit einem starken Partner angebracht gewesen.

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Doch selbst wenn Citron die Selbstständigkeit geopfert hätte, wäre es eng geworden. «Die Preise waren nicht konkurrenzfähig», sagt ein Firmeninsider. Den Kunden sei es schlicht egal, ob die Abfälle in einer Grube landen, verbrannt oder recycelt werden, solange der Preis stimme, erklärt er. Vom guten Willen des Firmeninhabers ist er allerdings überzeugt: «Brüggler hat immer an das Unternehmen geglaubt, auch wenn er mit seiner Art für eine extrem hohe Fluktuation bei den Mitarbeitern und im Verwaltungsrat verantwortlich war.»

Preise nicht konkurrenzfähig

Nüchterner beurteilt Pascal Schuler, Fonds-Manager bei Swisscanto, die Entwicklung. Die Fondsgesellschaft war zeitweise mit über 3 Prozent am Recycling-Unternehmen beteiligt. «Citron hat immerhin zehn Jahre gearbeitet. Und die Risiken eines Investments in eine neue Technologie sind bekannt», so Schuler. Die Firma habe wohl einfach zu viel versprochen.

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Zum Beispiel jenen Investoren, die vor sechs Jahren an der beeindruckenden Präsentation Brügglers waren und dann als Geldgeber an den Erfolg des Recycling-Unternehmens glaubten.