Nur der Rex-Sparschäler und der Corbusier-Sessel wurden auf dieselbe Weise geehrt wie die SBB-Bahnhofsuhr Mobatime mit der roten Kelle als Sekundenzeiger: Seit 2004 reist die bekannte Uhr auf 85-Rappen-Briefmarken rund um die Welt. Keine Selbstverständlichkeit für ein KMU, das vor 71 Jahren in Sumiswald BE gegründet worden ist.

Doch während andere Emmentaler Industrieunternehmen in ihren Anfängen Mäusefallen oder Melkstühle herstellten und erst im Lauf der Zeit ihre weltweit gefragten Kernkompetenzen entwickelten, beweist ein Rundgang im internen Firmenmuseum, dass Moser-Baer schon immer Uhren herstellte. Die eigens entwickelte Tagesschau-Uhr des Schweizer Fernsehens aus den 1960er-Jahren zu sehen, berührt das Herz; denn wer hätte als Kind gedacht, dass die bildschirmfüllende Zeitanzeige in Schwarz-Weiss in Wirklichkeit ein handtellerkleines Ührchen ist.

Singender Muezzin für Libyen

Am heutigen Ende der Zeitachse steht der elektronische Muezzin; auch er ein Unikat: Ein 60 cm hohes, mit Edelsteinen besetztes Gehäuse - ein Auftrag aus Libyen - ruft singend zum Gebet. Und wie. Da es muslimische Länder gibt, deren sechs Gebetszeiten auf den Sonnenstand abgestimmt sind und sich also täglich ändern, ist die Elektronik sehr komplex. Zwei Jahre dauerten die Organisation aller Daten, die Entwicklung der Software sowie die Aufnahme von drei Sängern - einer Frau und zwei Männern - in einem Genfer Studio. Warum sich der elektronische Muezzin trotz seiner Genialität und seines vergleichsweise tiefen Preises von rund 25 000 Fr. nicht verkauft, hat Urs Moser, Chef von Moser-Baer, noch nicht herausgefunden. Ist er zu günstig für Königshäuser? Dürfen Muezzins aus Fleisch und Blut nicht imitiert werden? Moser muss noch forschen.

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Urs Moser (67) ist der Nachkomme des Firmengründers Wilhelm Moser. Er hat Moser-Baer 1974 von seinem Vater übernommen. Flankiert wird er von seinem Schwager Albert Augstburger (75). Wie schon seinem Vater liegt Urs Moser die Feinmechanik nahe. Doch der Ingenieur beweist auch als Unternehmer ein geschicktes Händchen: Was mit Übernahmen von heimischen Elektronikfirmen begann, weitete sich schliesslich zu einer Tochterstrategie in Tschechien, Deutschland, Russland und Indien aus. Exportiert wird mittlerweile in 40 Länder dieser Welt.

Urs Moser geht stets mit der Zeit: Vor kurzem haben sich zu den Uhrenanlagen und Zeitsystemen neue Produkte gesellt. Bei einem Feierabendgespräch am Stammtisch in der Dorfbeiz erfuhr er von einem Feriengast, dass Bedarf bestehe an hochpräzisen chirurgischen Instrumenten. Sie werden beim Einsetzen von Implantaten sowie in der Unfallchirurgie verwendet. «Eine typische KMU-Begegnung», erinnert sich Urs Moser. «Wir als Entwickler nehmen die Impulse des Marktes wahr.»

Einstieg ins Medizinalgeschäft

Urs Moser offerierte - und seither ist er auch im Medizinalgeschäft drin. Eine erstaunliche Ergänzung zu den Pendulen, deren Herstellung man zwar noch beherrscht, die aber nicht mehr gefragt sind. Der Renner sind nach wie vor Zeitmessanlagen für Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen, Spitäler, Flughäfen usw. Mehrere Kreationen haben Standards gesetzt und Kultstatus erhalten. Zum Beispiel das Signalhorn unserer gelben Postautobusse mit Cis, E und A: «Tütato, tütato.» Genau 3 Sekunden pro Ton in definierter Folge - ein Markenzeichen der Post seit 1926, also schon zu Zeiten, als man sich über akustische Markenführung noch nicht den Kopf zerbrach. Entliehen sind sie der Ouvertüre von Rossinis «Wilhelm Tell». Niemand anders als Moser-Baer darf diese Dreiklang-Hörner herstellen. Weitere Spezialentwicklungen flogen ins Weltall oder dienten Organisationen wie Militär, Sanität, Feuerwehr und Polizei. Alles Nischenprodukte, die in Sumiswald schon früh den Ausbau von 5 auf 100 Personen erlaubten.

Ein grosser Teil der inzwischen 260 Angestellten, darunter auffällig viele Frauen, bestücken Leiterplatten, die die elektronischen Uhrenanlagen antreiben. «Auch wenn viele Mitarbeiterinnen keinen Beruf erlernt haben, machen sie hier einen Spitzenjob. Denn Frauen haben viel geschicktere Hände als Männer und den passenden IQ», erklärt Urs Moser resolut, der sein Erfolgsgeheimnis so zusammenfasst: «Wir zeichnen uns aus durch Konstanz, Liebe zum Standort, Erfindungsreichtum, Verhandlungsgeschick und eine engagierte Belegschaft. Deswegen haben wir eine geringe Personalfluktuation.»