Schon die aktuelle Studie der «Harvard Business Review» zeigte: Die Schweiz bietet ideale Voraussetzungen für Innovationen und die sogenannte digitale Transformation, also die Digitalisierung der Unternehmen als gesamtheitlicher Ansatz («digitalize»), nicht bloss einzelner Prozesse oder Bereiche («digitize»).

Das Wort digital ist zurzeit in aller Munde, aber bleibt oft abstrakt und wenig konkret. Dieser Tatsache soll der neue «Digital Index Switzerland» von Accenture Abhilfe schaffen. Die Studie möchte eine erste Benchmark in diesem Bereich setzen und den Begriff der Digitalisierung greifbarer machen. Anhand des Index, der sich aus drei Dimensionen (Siehe unten) ergibt, wird der Reifegrad der Digitalisierung eines Unternehmens gemessen.

Der global tätige Beratungsdienstleister untersucht erstmals über 15 verschiedene Branchen hinweg, wie gut Schweizer Firmen diesen Standortvorteil nutzen. Verantwortlich für die Erhebung bei Accenture zeichnen Schweiz-Chef Thomas Meyer und Benjamin Tück, Sen­ior Manager Business Strategy.

Unterschiedliche Performance

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Basierend auf der «TOP 500»-Liste der «Handelszeitung» wurde ein Sample von 101 Firmen gebildet. Die analysierten ­Unternehmen haben ihren Hauptsitz in der Schweiz, ihre finanziellen Kennzahlen sind verfügbar und sie haben in den vergangenen Jahren keine zu umfangreichen M&A-Aktivitäten durchgeführt, die das ­Ergebnis verzerren könnten.

Zunächst lässt sich feststellen, dass die verschiedenen Industrien unterschiedlich gut abschneiden. Kunden-getriebene Sektoren (B2C) wie Medien oder Finanzen haben naturgemäss stärkere Anreize, ihr Geschäftsmodell gesamtheitlich zu digitalisieren und sind besonders im Bereich Digital Servicing stark. Vertreter aus der Sparte IT und Kommunikation performen gerade im Bereich Digital Strategy stärker, weil sie Teil ihres Geschäftsmodells ist. Bei Firmen aus dem Chemie- oder Bausektor ist der Leidensdruck wesentlich weniger gegeben, sodass hier gesamtheitlich betrachtet deutlich kleinere Scores erreicht werden. Auch innerhalb der einzelnen Branchen herrscht eine bunte Durch­mischung bezüglich der Digital Readiness.­

SBB, Swisscom und UBS Vorreiter bei Digital Enablement

«Der Blick von aussen zeigt auch, dass Digital Enablement aber über alle 15 Industrien hinweg der komplexeste Themen­bereich ist», sagt Studienleiter Tück. «Da sich Umstellungen im Bereich Operations weitaus schwieriger und langwieriger gestalten als beispielsweise im Kundenservice. Das zeigt ein klares Handlungsfeld auf, da dieser Teilbereich die grössten Kosteneinsparungspotenziale verspricht. Hier schneiden die Logistikbetriebe im Vergleich am besten ab, weil effiziente Prozesse hier ohnehin eine der zentralen Herausforderungen des Geschäftsmodells darstellen.»

Aber auch SBB, Swisscom und UBS figurieren diesbezüglich auf den vorderen Rängen und übernehmen in ihrer jeweiligen Branche eine Vorreiterrolle. Sie zählen auch gesamtheitlich gesehen zu den digitalen Transformers. Diese sind über alle drei Teilbereiche stark, auch wenn es keine Firma geschafft hat, in allen dreien die Spitzenposition zu belegen.

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Graubündner Überraschung

Dass bekannte Schweizer Namen auf den vorderen Rängen landen, überrascht wenig. Schliesslich verfügen diese Unternehmen über die notwendigen finanziellen Mittel, um das Digitalisieren gerade im Bereich Digital Servicing zu beschleunigen. Für den Faktor Digital Enablement ist der Einfluss der Unternehmensgrösse jedoch weniger stark ausgeprägt. Hier können kleinere Firmen die Komplexität schneller und flexibler handhaben als multinationale Konzerne. So punktet beispielsweise auch die Graubündner Kantonalbank sehr gut und kann sich unter den digitalen Champions platzieren.

Betrachtet man den globalen Zusammenhang und stellt den Schweizer Firmen illustrativ digitale Player wie Uber, Alibaba oder die deutsche Fidor Bank gegenüber, so zeigt sich, dass noch viel Luft nach oben besteht. Ihr Vorteil liegt zugegebener­massen in ihrer verhältnismässig kurzen Existenz. So sind Prozesse und Infrastruktur agiler und müssen nicht digitalisiert werden, weil sie es zum Grossteil bereits sind. Daher rät Tück den grossen Schweizer Unternehmen, mit Startups zu kooperieren oder eigene Jungunternehmen zu gründen, um entsprechend flexibel und unvorbelastet agieren zu können.

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Weichen für morgen stellen

Die Untersuchung ergab noch drei weitere Ergebnisse, die für alle Firmen und die Schweiz als Innovationsstandort von Bedeutung sind.

Zum einen geht es darum, das eigene Business in seinem digitalen Ökosystem zu betrachten. Das bedeutet, zu analysieren, in welchem Umfeld man sich bewegt, wer entlang der Wertschöpfungskette Konkurrent oder möglicher Verbündeter sein könnte, welche Rolle digital Player wie Google spielen und wer als neuer ­Kooperationspartner infrage kommt.

Zum anderen besteht weiter Potenzial zur effizienteren Nutzung von Kunden­daten, um gezieltere Marketingaktivitäten zu betreiben. Stellenweise ist dies fehlenden Investitionen geschuldet, an anderer Stelle, wie bei Banken, war dies aus Sicherheitsgründen in der Vergangenheit nicht gewünscht und stellt Unternehmen nun vor zusätzliche Herausforderungen.

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Gemischtes Skillset

Und drittens besteht in den meisten Firmen eine Diskrepanz zwischen den erforderlichen und den vorhandenen Profilen der Mitarbeiter. In Unternehmen wird heutzutage klar getrennt zwischen den Bereichen Business und Informatik. Zum einen rein organisatorisch in Form von Abteilungen und Budgets, zum anderen auch betreffend die Mitarbeiterqualifika­tionen.

«Digitale Transformation benötigt aber ein gemischtes Skillset, nicht mehr die blosse Ausführung einer Linientätigkeit wie bisher», sagt Studienleiter Tück. Es müsse ein gewisses technisches Verständnis gegeben sein, Kenntnisse über das digitale Ökosystem, in dem sich das Unternehmen bewegt, aber eben auch ein betriebswirtschaftliches Verständnis für die Gesamtzusammenhänge. «Hierin liegt gerade für den verhältnismässig kleinen Arbeitsmarkt Schweiz eine grosse Herausforderung.»

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Chance für Digital Natives

All dies bietet zusammenfassend gerade für junge Arbeitnehmer aus der Generation der sogenannten Digital Natives eine immense Chance, weil sie in der digitalen Welt aufgewachsen sind und sich leichter in den digitalen Ökosystemen zurecht finden. Vielleicht kann so die Lücke zwischen dem Standortpotenzial und der Umsetzung durch die Unternehmen geschlossen werden.

Studie: 3 Pfeiler und mehr als 80 Indikatoren

Accenture Der Digital Index Switzerland von Accenture setzt sich aus drei Pfeilern zusammen. «Digital Strategy» misst inwieweit die digitale Transformation als relevanter Trend erkannt wird und in der Unternehmensstrategie verankert ist. «Digital Servicing» zeigt auf, inwiefern der Endkundenkontakt bereits digital abläuft. «Digital Enablement» betrachtet den Zustand von Prozessen und Abläufen. In einem standardisierten Excelsheet, erweitert um ­industriespezifische Einflussgrössen, werden die öffentlich zugänglichen Informationen der Firmen auf über 80 Indikatoren hin untersucht und auf einer Skala von 1 bis 4 bewertet. Accenture gehört zu den weltweit führenden Dienstleistungsunter­nehmen im Bereich Beratungs- und ­Outsourcing-Dienstleistungen mit den Schwerpunkten Strategy, Digital, Technology sowie Operations.

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