Nach der Lässigkeit der offenen Hemden einer Internetgeneration und dem modisch ausufernden, inzwischen wieder verschwundenen «Casual Friday» einiger angelsächsisch geprägte Geldinstitute setzen die Wirtschaftsführer wieder auf neue alte Werte: Zurück zu Qualität, Gediegenheit und Stilsicherheit. Womit sie demonstrieren, dass zur Machtausübung auch feinster Zwirn, Designer-Accessoires und teure Schuhe gehören, die Solidität und Kompetenz verkörpern.

Manager auf Nummer sicher

In der Nadelstreifenetage des obersten Managements gibt es in der vorwiegend von Männern bevölkerten Machtzentrale selten einen modischen Faux-pas. Hier ist hochoffizielle Businesskleidung angesagt. Die meisten Manager halten sich bis heute an den ungeschriebenen Dresscode: «Im Zweifelsfall dunkle Töne, aber nicht in der Trauerfarbe schwarz, weisses Hemd, hochpolierte Designer-Schuhe und eine elegante, teure Uhr.» Für sie bedeutet Chef-sein Konformist sein.

Bekanntlich gibt nichts den Menschen, vor allem Männern, mehr Sicherheit, als wenn sie das Graue-Maus-Syndrom verinnerlichen, allerdings auf hohem Niveau. So steht im Topmanagement der dunkle Kaschmiranzug von Angelo Brioni, dem teuersten Herrenschneider der Welt, oder dem Puristen Kiton für Corporate Identity.

Kurz: Topmanager vergreifen sich fast nie in der Wahl ihrer Anzüge und Accessoires. Und sie vertrauen schon mal darauf, was Prominente inzwischen auch in den Medien zu Labels sagen: Beispielsweise Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit über Strellson, Schauspieler Hannes Gubser über den Zürcher Modedesigner HannesB oder Michael Douglas über Brioni.

Der Geschmack vereint

Die kleinen modischen Freiheiten, die sich Mitarbeiter eine Etage tiefer erlauben können, sind für CEO kein Thema. Denn nichts vereint Führungskräfte so innig wie der Geschmack, der bei öffentlichen Auftritten besonders wichtig ist: So trug Joe Ackermann anlässlich des «Victory-Events» dem Anlass entsprechend diskret einen dunklen Anzug mit dunkelblauer, leicht gemusterter Krawatte.

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Swisscom-Chef Karsten Schloter setzt meist modisch-korrekt auf weisse Hemden. Der Amerikaner James J. Schiro, Chef von Zurich Financial Services, zeigt sich auf der Unternehmens-Website im hellblauen Hemd mit weissem Kragen (was inzwischen als absolut out gilt) sowie goldfarbener Krawatte und dunklem Anzug dagegen schon etwas kreativer, aber nicht unbedingt avantgardistisch.

Frauen auf Führungsebene treten seltener ins Rampenlicht und wenn, spielen auch sie die sichere Karte wie die neue Converium-Chefin Inga Beale, die kürzlich im post-nostalgischen rosa Chanel-Tweed vor die Medien trat. Oder Politstar Doris Leuthard: Im dezenten Kostüm oder Hosenanzug bietet sie keine Angriffsfläche.

Nicht erst seit Angela Merkels heissdiskutierter Garderobe üben sich die meisten Führungsfrauen in Zurückhaltung. Damit man ihnen nicht sofort ansehen soll, dass sie anders sind als Männer, appellieren Stilberater an sie, all das diskret zu verdecken oder zu zähmen, was sie als feminin «ausstellen» könnte: Ausschnitt, Arme, Beine, Haare, Fingernägel.

Für Mitarbeiter des mittleren und unteren Managements gibt es fast nirgends einen Dresscode. Allgemein gilt gemäss vielen Personalreglementen die Parole «Gepflegt und dem Anlass entsprechend». Betroffen sind die Mitarbeiter vor Ort, also Kundenberater, Kassierer, alle Mitarbeiter in der Schalterhalle oder in einer Filiale.

Wobei sich im Finanzsektor die Gepflogenheiten je mehr lockern, je weiter man von Zürichs Bahnhofstrasse entfernt ist und je weiter man von der Führungsebene weg ist. Auch als Selbstständiger oder Angestellter einer Anwaltskanzlei oder eines Architekturbüros, Verkäufer hochwertiger Produkte wie Autos, Hightech-Geräte, Computer, hochpreisiger Einrichtungen usw. ist man mit der halboffiziellen Businesskleidung gut beraten.

Diese Version lässt viele Freiheiten zu, denn es muss nicht immer ein kompletter Anzug sein. Kombinationen sind erlaubt, Glencheck-, Hahnentritt oder Pepita lockern die Erscheinung auf.

Der Zürcher Werbeberater Jean-Etienne Aebi hat zur Nichtfarbe Schwarz ein inniges Verhältnis ­ und viele seiner Kollegen auch. Überhaupt haben Mitarbeiter in Medien und Werbeagenturen sowie Künstler oder Designer einen Lässigkeitsbonus. Krawatte ist nur bei speziellen Angelegenheiten ein Must, sehr beliebt sind Designerjeans, offene Hemden, über die man schnell eine Krawatte binden kann, oder ein Rollkragenpullover, der mit dem griffbereiten Sakko zu jeder Gesprächssituation passt.

Hierarchie bei den Banken

Im Gegensatz zum Finanzsektor gibt es im Outfit der Werber kaum hierarchisch geprägte modische Unterschiede. Während man in der Werbung modisch betrachtet schon mal den Boss mit dem Assistenten verwechseln könnte, ist das in der Bankenwelt ein absolutes Tabu.

Sich in dieser Branche gleich zu kleiden wie der Chef oder diesen sogar auszustechen, dieselbe Uhr zu tragen oder denselben Massschneider zu beschäftigen, könnte manchem CEO sauer aufstossen. Also lieber erst gar nicht versuchen ­ es könnte ins Auge gehen.

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Dresscode -­ die Grenzen kennen

Männer

Anzug als Universaldress:
Dunkle Farben (anthrazit-grau, braun sowie diverse gedeckte Blautöne).

Hemd:
Schlichtes weisses Hemd für alle Gelegenheiten. Dazu dezente Krawatte, evtl. Einstecktuch, schwarze Strümpfe, dazu glatte Lederschuhe.

Hochoffizieller Businessanzug:
Uniweisses Hemd mit Umlegekragen und Doppelmanschetten. Leichte Tönungen (hellblau, hellrosa, hellbeige) werden akzeptiert.

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Out:
Das kräftig-blaue Hemd mit weissem Kragen.

Nicht erlaubt:
Jeans- und Polohemden. Blaue doppelreihige Blazer mit Goldknöpfen, denn das Business ist keine Party auf einer Yacht.

Halboffizielle Businesskleidung:
Erlaubt ist z.B. ein Blazer, der eventuell. farblich komplementär zur Hose passt, feiner Pullunder mit V-Ausschnitt.

Einreiher oder Zweireiher?
Einreiher lassen die Figur schlanker erscheinen, Zweireiher lassen die Figur eher gedrungen erscheinen.

Krawatten
so binden, dass sie auf dem Gürtelschloss enden. Socken: Nur uni, zu den Schuhen oder zur Hose passend.

Schuhe:
Am sichersten: Rahmengenähte Derbys, Oxfords und Brogues.

Schmuck:
Armbanduhr (keine Uhr an Goldkette), Manschettenknöpfe, max. zwei dezente Ringe.

Frauen

Businessfrauen wird meistens mehr Farbe zugestanden, doch sind schrille Töne fehl am Platz. Tabu sind Miniröcke, tief ausgeschnittene Hüfthosen, Rüschen, enge, hoch geschlitzte Röcke, Tigermuster, zehenfreie Schuhe.

Hosen
sind nicht in allen Branchen erwünscht, Jeans total unerwünscht -­ dagegen ein schicker Hosenanzug je nach Typ und Saison in den Farben Beige, Ecru, Grau, Braun, Schwarz oder Kaki.

Kleider und Kostüme
sollen perfekt geschnitten sein und nicht zu figurbetont. Ein schlichtes Etuikleid ist immer richtig. Strümpfe sind ein absolutes Muss.