Der kam immer mit dreckigen Schuhen in die Vorlesung, aber was er sagte, hatte Hand und Fuss und war wirklich praxisnah», erinnern sich ehemalige HSG-Studenten an den Assistenten Edgar Oehler. Kunststück: Er führte nebenbei ein Gipsergeschäft, in dem 40 Personen beschäftigt wurden. Im «Neubädli»-Stamm im Restaurant Neubad, in dem sich die St. Galler Polit- und Wirtschaftsprominenz jeden Donnerstag trifft, ist er nicht mehr oft zu sehen. «Der Edgar ist ein wahnsinniger Chrampfer, er hat alles von null auf angefangen», heisst es dort.

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«Ich fühle mich nie wohler, als wenn ich arbeite», sagt Oehler, auf diese Einschätzung seiner Freunde angesprochen. Das einzige Hobby, das er sich gönnt, ist eine Modelleisenbahn: Buco Spur 0. Der Sohn eines Malermeisters aus Balgach im St. Galler Rheintal hat sich aus dem Stand ein kleines Wirtschaftsimperium aufgebaut, mit Beharrlichkeit und im Stillen.

Von langer Hand eingefädelt

Vor allem anlässlich der Übernahme der Arbonia-Forster-Gruppe (AFG) im Juni 2003 ist er dann doch ins mediale Rampenlicht geraten. Und dann folgte gleich der nächste Coup: Oehler hat den Schweizer Küchenbauer Piatti aus dem Erb-Nachlass herausgelöst. Einmal mehr hat er sein taktisches Geschick bewiesen. «Ich bin gewohnt, längerfristig zu planen und Strukturen so zu gestalten, dass ein Unternehmen zukunftsfähig ist.» So hat er gleich nach der Übernahme der AFG damit begonnen, die Weichen neu zu stellen. Der Ausbau des Küchenbereichs stand weit oben auf seiner Traktandenliste. «Mit dem Verkauf von künftig rund 20000 Einheiten pro Jahr rückt die Arbonia-Forster-Gruppe von Platz sieben auf Platz eins», stellt Oehler lapidar fest, ohne das geringste Anzeichen von Stolz.

Am letzten Wochenende klingelte das Telefon. Sein Gesicht hellte sich sofort auf: Er ist gerade Grossvater geworden. Der einzige Sohn neben sechs Töchtern hat seinerseits vier Töchter. Seine älteste, Barbara, hat einen Jungen zur Welt gebracht.

Vor Oehler liegen derzeit Berge von Akten und Dokumenten. Die Akquisitionen sind getätigt, jetzt beginnt das Feintuning. Im Fall von AFG hat er die Vorarbeit vor Jahren gemacht: Damals, als er zwischen 1985 bis Ende 1989 Generaldirektor dieses Unternehmens war. Dass er sich von Jakob Züllig, dem verstorbenen Gründer, getrennt hat, geht auf unterschiedliche Auffassungen in der Strategie zurück, die Oehler konzipiert hatte. «Heute hole ich nach, was man schon früher hätte tun sollen.» Er sagt dies emotionslos, obwohl es ihn eigentlich ärgern müsste. Schliesslich haben die Zahlen und Analysen gezeigt, dass es mit der geografischen Expansion hapert, und dass auch die Produktepalette auszuweiten war. Sich allein auf den deutschen und schweizerischen Markt mit einer einzigen Produktionsstätte in Arbon TG zu konzentrieren, war ihm schon 1987 zu eng.

Immer wieder schimmert in seiner Formulierungsgabe und seinem Sinn für Stories am Rand durch, dass Oehler während 13 Jahren Chefredaktor der «Ostschweiz» war, von einem Blatt, das dem katholischen Konfessionsteil in der Region nahe stand und nach seinem Wechsel zur AFG, im April 1985, vom «Tagblatt» übernommen worden ist.

Etwa wenn Oehler beschreibt, wie sein Sek-Lehrer verhindert hat, dass er Maler wurde wie sein Vater, kann man sich das gut vorstellen. «Mein Sek-Lehrer sagte . Aber mein Vater hatte dafür kein Musikgehör. Da kam Artur Bärtsch zu uns nach Hause und erklärte ihm, was ein Gymnasium sei, und dass ich ab sofort Latein büffeln müsste.» Die Aufnahmeprüfung schaffte «die Landpomeranze ohne Kittel und Krawatte» schlank. «Damals habe ich gelernt, früh aufzustehen.» Täglich fuhr er zwischen Balgach und St. Gallen hin- und her: Tagwacht war kurz nach fünf Uhr. Noch heute kann von diesem Frühaufsteher profitieren, wer selber zu dieser Gattung gehört. Oehler ist schon total aufgeräumt um sechs Uhr in seinem Büro im thurgauischen Steinach anzutreffen.

Unkonventioneller Politiker

Mit seinen Ansichten und seiner Lebensweise war er im Vergleich zu seinen Altersgenossen immer um Jahre voraus. Das gilt nicht nur für den Aufbau eines Gipsergeschäftes als HSG-Student, das gilt auch für sein politisches Mandat. Während 24 Jahren sass er im Nationalrat, wo er vor allem durch sein Engagement für Unkonventionelles auffiel. So schlug er die erste Gratispäkli-Aktion für Polen vor, als die Russen die Polen in der ersten friedlichen Solidarnocs-Revolution blockierten. Er war es, der entgegen der Meinung der «offiziellen» Schweiz zusammen mit Parlamentskollegen Schweizer und andere Geiseln aus den Klauen von Saddam Hussein befreite und nach Hause brachte.

Er war mit 28 Jahren der jüngste Nationalrat. Aber noch mehr Aufsehen erregte Oehler durch die Retourkutsche seiner Parteikollegen. Als sie ihn nach 16 Jahren nicht mehr zur Nationalratskandidatur zulassen wollten, berief er sich auf den Volkswillen und wurde mit grossem Mehr wiedergewählt. Nach 24 Jahren führten seine Parteikollegen dann kurzerhand eine Altersguillotine ein, welche die Mandatszeit auf vier Legislaturperioden beschränkt.

Oehler hat sich ein paar eiserne Grundsätze angeeignet und ist damit erfolgreich geworden. «Prägend für mich war ein Buch über Präsident John F. Kennedy. Seine Führungs- und Wahlschlacht-Grundsätze beherzige ich heute noch: Nichts verbergen, keine Mogelpackung und doppelte Böden und trotz Helfern und Stäben allein entscheiden. Dann trägt man nie eine Zwei auf dem Rücken, sondern ist verantwortlich für Siege und Niederlagen», skizziert er seine Führungsphilosophie.

«In der Kantonsschulzeit bewarb ich mich um ein AFS-Stipendium. Diese Institution geht auf den Zweiten Weltkrieg zurück, als die Amerikaner beschlossen, den Studentenaustausch mit jungen Leuten speziell zu fördern. Es galt, einen Test zu bestehen.» Oehler hatte wie immer alle Hürden problemlos genommen. Aber er war um einige Monate zu alt. Auch beim AFS gab es offenbar eine Altersguillotine... In der Prüfungskommission sass ein gewisser Markus Rauh, bekannt als Verwaltungsratspräsident der Swisscom. «Ich bekam Gelegenheit, mich zum Tatbestand zu äussern, dass ich ein wenig zu alt sei, weil vor allem möglichst junge Leute in den Genuss dieses Programms kommen sollen. Ich sagte einfach .» Diese Schlagfertigkeit rettete den jungen Oehler.

Für Kurt Furgler in den Keller

Sie hat ihn auch gerettet, wenn es im Parlament heftige Debatten gab, oder wenn er als scharfzüngiger Chefredaktor von jenen angegriffen wurde, denen er auf den Schlips trat. Den Posten als Chefredaktor verdankt er übrigens Kurt Furgler, einem engen Freund der Familie. «Er war ein begeisterter Turner und übernachtete immer bei uns, wenn es in der Region Turn-Veranstaltungen gab. Ich musste dann jeweilen mein Zimmer räumen, damit Kurt eine Bleibe hatte.»

Oehlers Leben ist voller Zufälle. Das gilt für die Bekanntschaft mit Furgler, mit Züllig oder mit Theo Keel, dessen Witwe ihm 1998 offerierte, die Hartchrom AG, Steinach, zu übernehmen. Sie stellte ihn vor die Alternative, Ja oder Nein zum Angebot zu sagen. Sie liess nicht locker, nachdem Oehler im Dezember 1986 einwilligte, sich für kurze Zeit um das Geschäft zu kümmern, das ihr Mann aufgebaut hatte.

Heute besteht die STI (Surface Technologies International AG) aus zwölf Tochtergesellschaften in Europa und den USA.

Profil: Steckbrief

Name: Edgar Oehler

Funktion: CEO von STI und der Arbonia-Forster-Gruppe

Alter: 62

Wohnort: Balgach

Familie: Verheiratet, vier Kinder

Transportmittel: Mercedes

Karriere

1971-1995 Nationalrat

1985-1993 Chefredaktor der Tageszeitung «Die Ostschweiz»

1967-1993 HSG-Assistent für öffentliches Recht

1985-1990 Generaldirektor der Arbonia-Forster-Gruppe (AFG)

Firma

Arbonia-Forster-Gruppe (AFG) hat rund 4000 Beschäftigte, budgetiert für 2004 rund 800 Mio Fr. Umsatz und ist börsenkotiert. Sie ist in den Bereichen Küchen und Kühlen sowie Herstellung von Rohren und Profilen, Raumwärmern und Duschen tätig. Neu gehört zum Unternehmen auch die Küchenbaufirma Piatti. Die beiden Marken sollen eigenständig bleiben.

Die STI, Surface Technoloy International, ist auf die Veredlung von Walzen, Zylindern, Rohren usw. im Hightech-Bereich spezialisiert und weltweit präsent. In Steinach arbeiten 300, weltweit 500 Mitarbeitende.