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Edgar Schorderet: Der oberste Chef der gelben Engel

Der Freiburger ist seit diesem Sommer der höchste Pannenhelfer der Schweiz. Als Zentral-präsident des TCS will Schorderet vermehrt die Themenführerschaft in verkehrspolitischen Belangen übernehmen.

Von Flavian Cajacob
am 08.12.2004

Das Glarnerland zeigt sich an diesem vorwinterlichen Nachmittag von seiner wenig erfreulichen Seite. Die Temperaturen liegen im Keller, die Sonne hat sich irgendwo hinter Glärnisch und dicker Wolkendecke versteckt. Auf der Schnellstrasse stockender Verkehr; Baufahrzeuge, landwirtschaftliche Vehikel en route durch den Zigerschlitz.

Trotzdem, Edgar Schorderet, der neue Zentralpräsident des Touringclubs der Schweiz, erscheint auf die Minute pünktlich zum Gespräch. Ein bisschen ausser Atem noch vom Langzeitparkplatzsuchen, in der Linken einen Stapel Papier, bugsiert er mit der Rechten einen vollbepackten Rollkoffer durch die Schiebetüre des «Glarnerhofs». Pünktlichkeit, sagt er, habe etwas mit Respekt zu tun. Genau wie Aufrichtigkeit und Anstand.

Der 53-jährige Freiburger mit der randlosen Brille und dem gleichsam Eleganz wie Unaufdringlichkeit signalisierenden Anzug bestellt einen Espresso, bedankt sich beim Kellner fürs Bringen, bedankt sich bei seinem Gegenüber fürs Kommen und fächert die eben noch unter dem Arm klemmende Blätterbeige fein säuberlich vor sich auf. Vorbereitung, repetiert er jetzt, habe ebenfalls etwas mit Respekt zu tun. Gleich wie Aufmerksamkeit und der Wille zum Zuhören. «Sie sind speziell hierher gekommen, um etwas über meine Ziele und meine Person zu erfahren, da dürfen Sie erwarten, dass ich mich gut vorbereitet habe.» Mit einem Nicken lenkt er die Aufmerksamkeit auf die lange Liste mit den von ihm als debattierbar erachteten Themen. Punkt eins: Das Image des TCS, der annähernd 1,5 Mio mobile Menschen unter seinem Dach vereint ­ «eine Familie», wie Schorderet betont.

Einmischen und mitreden

Die «Familie», fügt deren Quasi-Oberhaupt zwischen zwei Schlucken Kaffee an, gebe sich derzeit aggressiver, als man es sich von ihr bis anhin gewohnt gewesen ist. «Und das finde ich gut, besonders, was die Kampagne gegen das Rasertum anbelangt.» Die Plakate, die mit kopfüberliegenden Autos, Bremsspuren, offenen Friedhofsgräbern und Slogans wie «Helft Rasern, spendet Hirn» oder «Raser kommen schneller ans Ziel» vorab junge Lenker wachrütteln sollen, sprechen eine freche, eine direkte Sprache.

In Zukunft, so Schorderet, müsse der Touringclub als Verkehrsverband sowieso und gerade in verkehrspolitischen Belangen eine weit zentralere Rolle spielen, als er dies in der Vergangenheit getan habe. «Wir wollen uns vermehrt einmischen und die Themenführerschaft übernehmen.»

Sein Augenmerk gilt in diesem Zusammenhang vorab einer multimodalen, einer kombinierten Verkehrspolitik, in der alle Verkehrsträger wesensgerecht gefördert werden. Oder auch dem Grundsatz, dass ein Teil der Benzinsteuer wieder in Infrastrukturen für den motorisierten Verkehr investiert wird ­ «klare Linien, klare Positionen», tönt Schorderets Credo, das er an diesem Abend auch den Mitgliedern der Sektion Glarus vermitteln will. Gleichwohl wie sein oberstes Ziel: Die Kundenzufriedenheit. Sie komme an allererster Stelle, gehe aber automatisch einher mit Ziel Nummer zwei, der Mobilität von Mensch und Clubmitglied. «Mobilität ist ein ungemein wichtiger Aspekt der heutigen Gesellschaft; wer nicht mobil ist, ist ein Gefangener», pocht der bisherige Direktor des Bauunternehmens Losinger Construction mit dem Zeigefinger auf seinen Notizenstapel.

Junger Pendler

Was es heisst, wegzukommen, vorwärtszukommen, umherzukommen, das hat Edgar Schorderet bereits in jungen Jahren erfahren. Im Greyerzerland als Sohn eines Stationsvorstehers und einer Luzernerin zweisprachig aufgewachsen, hat er am kleinen Bahnhof von Montbovon die Züge ein- und ausfahren sehen. Später dann, mit 13, sei er selber eingestiegen und täglich ins 12 km entfernte Bulle zur Schule gependelt. Tag für Tag zweimal hin, zweimal zurück.

Nach der Matur am Kollegium St. Michael in Freiburg bestieg Schorderet auf der Suche nach der entscheidenden Weiche in seinem Werdegang erneut die Bahn. Zielort Zürich. Mehr zufällig und unmotiviert denn geplant, schmunzelt er. Doch weil er schon mal in der Zwinglistadt gelandet war, wollte er sich vor Ort ein Bild von den Studienmöglichkeiten machen. Schorderet schrieb sich bei den Bauingenieuren ein. Ein weiser Entscheid, wie er heute schon fast überschwenglich bemerkt: «Sensationell, was diese Ausbildung einem an Fähigkeiten und Einblicken vermittelt. Verkehr, Handel, Management, und das sind nur einige wenige Facetten davon.»

Nach einer Assistenzstelle an der ETH Zürich wechselte der junge Ingenieur Anfang der 80er Jahre in die freie Marktwirtschaft, wo er die Karriereleitern diverser Bauunternehmen erklomm, darunter jene von Zschokke, Stuag und Batigroup, bis er zur Jahrtausendwende bei Losinger den Direktorenposten übernahm. «Ich wollte immer Karriere machen, Strategien entwickeln, Menschen führen», räumt der 53-Jährige freimütig ein. Nicht ohne hinterherzureichen, dass er zwar ambitioniert, verlässlich und engagiert sei, nicht aber ein Perfektionist. «Um ein gutes Resultat muss man sich bemühen, man muss dafür kämpfen, das geht mir nicht anders als anderen auch.» Doch gerade darauf käme es in der heutigen Zeit ganz generell an: Vor dem Sein kommt die Tat, vor dem Schein der gelebte Wille, einen ersten Schritt in die richtige Richtung zu machen.

Murtenläufer mit Plattfuss am Auto

Edgar Schorderet selber, der für die CVP in der Legislative, dem Generalrat seines Wohnortes Marly, sitzt, hat diesen Sommer ebenfalls einen Schritt gemacht, sich ums TCS-Präsidium beworben und den Direktionsposten in der Baubranche nach erfolgter Wahl an den Nagel gehängt. Ganz den Rücken kehren will er dieser dann aber doch nicht. «Das TCS-Präsidium ist in einem 60%-Pensum zu managen, daneben bleibt also auch noch Zeit für anderes.» Konkrete Pläne will er allerdings nicht verraten; vorderhand gehöre seine volle Aufmerksamkeit sowieso dem Touringclub und dessen Positionierung am Markt und in der Verbandslandschaft. Zumal er nach dem Abgang von Josef Andres ad interim auch noch die Aufgaben des Generaldirektors übernommen hat. Was allerdings keine dauerhafte Lösung sein soll, versichert der Vater dreier erwachsener Kinder.

Und was tut der von Amtes wegen oberste Pannenhelfer der Schweiz, wenn er mit seinem Wagen liegen bleibt? «Früher, als die Technik noch einfacher war, habe ich vieles selber erledigt; heute, bei all der Komplexität, rufe ich lieber den TCS.»

Wie unlängst, als er losfahren wollte, das Vorhaben aber von einem Plattfuss abrupt ausgebremst wurde. «Das war eindrücklich, zu sehen, wie die eigenen Leute solche Probleme rasch und zuverlässig erledigen», spricht er den Aushängeschildern des Clubs ein dickes Lob aus.

Edgar Schorderet, der das Auto abgesehen davon gerne mal stehen lässt und seine Ziele mit dem Zug oder zu Fuss erreicht, ist angefressener Gebirgsgänger und aktiver Murtenläufer, und er verfügt in letzterem Fall auch über einen genügend langen Atem.

Und der kann nur von Vorteil sein, auch jetzt, wenn es darum geht, den Touringclub nach seinen Vorstellungen leistungsfähiger, effizienter und finanziell solider zu gestalten. «Der TCS ist in unserem Land zwar die Nummer eins der Mobilität ­ damit dies so bleibt, muss er aber noch besser werden», gibt sich Edgar Schorderet zuversichtlich, was die Realisation seiner wirtschaftlichen und politischen Ziele anbelangt.

Steckbrief

Name: Edgar Schorderet

Funktion: Zentralpräsident und GD a.i. des Touringclubs der Schweiz

Alter: 53

Wohnort: Marly

Familie: Verheiratet, drei Kinder

Karriere:

1985-­1994 Sateg AG, Direktor

1994-­1997 Stuag Management AG, Mitglied der Generaldirektion

1997-­2000 Batigroup AG, Basel, Mitglied der Gruppenleitung

2000-­2004 Losinger Construction AG, Mitglied der Gruppenleitung und Direktor

Firma:

TCS: Der Touringclub der Schweiz vereint mit seinen 24 Sektionen rund 1,5 Mio Mitglieder unter einem Dach. Der landesweit grösste Verkehrsverband beschäftigt über 1000 Personen, mehr als die Hälfte davon am Zentralsitz in Genf; der Rest verteilt sich auf insgesamt 47 Geschäftsstellen, auf 40 Campingplätze, 13 Technische Zentren («Pannenhelfer») sowie zwei Verkehrssicherheitszentren. Der TCS hat im letzten Jahr einen Umsatz von 403 Mio Fr. erwirtschaftet. Zum TCS gehört auch der Versicherungszweig im Bereich Fahrzeuge, Rechtsschutz, Reparaturkosten und Reiseversicherungen.

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