Die sächsische Ortschaft Glashütte und das strukturschwache Müglitztal verdanken Ferdinand-Adolph Lange, der auch 18 Jahre lang das Amt des Glashütter Bürgermeisters bekleidete, die Entwicklung zum Mekka der deutschen Feinuhrmacherei. Unter seiner Ägide entstanden Kleinbetriebe und Spezialwerkstätten dieses Metiers. Dann kamen der Zweite Weltkrieg und mit dessen Ende die im wahrsten Wortsinn verheerenden Folgen für Glashütte. Erst nach dem Zerschneiden des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 kehrten allmählich jene Bezüge zur feinen Uhrmacherei zurück, die Glashütte einst berühmt gemacht hatten.

Weshalb Nomos kämpfen musste

Das glanzvolle Comeback verknüpft sich mit ganz unterschiedlichen Namen. Einer davon ist Roland Schwertner. Nach der erfolgreichen Wiederbelebung der Signatur Nomos Glashütte im Jahr 1991 musste der Düsseldorfer EDV-Spezialist mächtig kämpfen. Das Erbe wog nicht leicht, weil die 1906 gegründete Nomos Schweizer Uhren importiert und mit dem Zusatz «Glashütte» verkauft hatte. Proteste der Wettbewerber blieben nicht aus, sie verbannten Nomos von der Bildfläche.

Mit ähnlichen Widrigkeiten sah sich nach dem Revival der waschechten Uhrenmanufakturen A. Lange & Söhne und Glashütte Original auch Roland Schwertner konfrontiert. Nach Glashütter Kaliber-Selbstverständnis konnte es nicht angehen, dass Armbanduhren mit eidgenössischem Innenleben auf ihrem Zifferblatt den Namenszusatz «Glashütte» trugen.

Am Ende siegte in der teilweise hart geführten Auseinandersetzung die Vernunft. Nomos investierte jede Menge Geld und Mühen in Wertschöpfung vor Ort. Dazu gehörte zunächst die weitgehende Modifikation der Schweizer Handaufzugskaliber ETA/Peseux 7001. Heute geht die Nomos-Crew im vollständig renovierten Glashütter Bahnhof ihrer Arbeit nach.

Mehr als ein Waffenstillstand

Somit herrschte an dieser Front nicht nur Waffenstillstand, sondern echter Frieden. Nomos zählt in Glashütte längst zu den etablierten Manufakturen, an denen sich – abgesehen von kleinen Reibereien – niemand wirklich reibt.

Doch nun hatte Roland Schwertner einen Störenfried in der Person von Hans-Jürgen Mühle ausgemacht. Dessen Firma Nautische Instrumente Mühle-Glashütte war 1869 als Robert Mühle & Sohn ins Leben gerufen worden. 1945 hatte Mühle das Schicksal aller anderen Glashütter Unternehmungen ereilt: Enteignung und Demontage der Produktionsanlagen. Ein Jahr später startete Enkel Hans Mühle neu durch. Er spezialisierte sich auf Lauf- und Hemmwerke sowie verschiedene Messgeräte. 1972 erfolgten die Verstaatlichung des Familienbetriebs und 1980 die Eingliederung in den volkseigenen Glashütter Uhrenbetrieb (GUB).

Die Folgen der «Glashütte-Regel»

Ab 1994 befehligte Hans-Jürgen Mühle die Kreation einer rasch wachsender Uhrenkollektion. Abermals trat ans Tageslicht, dass sich normale Schweizer Uhrwerke und der Name Glashütte nicht so recht vertragen. Daher musste Mühle 2002 einen gerichtlichen Vergleich mit Nomos unterzeichnen. Dieser sah für den Fall, dass Mühle-Uhren mit der Ortsbezeichnung «Glashütte» auf dem Zifferblatt keine hinreichende heimische Wertschöpfung aufweisen, eine beträchtliche Bussgeldzahlung vor. Der sogenannten «Glashütte-Regel» zufolge muss 50% der Wertschöpfung an zugekauften Schweizer Rohwerken nämlich im Müglitztal selbst erfolgen.

Diese Forderung nach einer höheren Fertigungstiefe konnte oder wollte Mühle nicht erfüllen. 2006 klagte Nomos erneut gegen die Mühle-Glashütte GmbH, der das zuständige Landgericht München I im Februar 2007 stattgab. Nach gescheiterten Bemühungen um einen Vergleich musste die Mühle-Glashütte GmbH Rückstellungen für eine Vertragsstrafe in stattlicher Höhe von 63 Mio Euro bilden. Die dadurch ausgelöste Überschuldung zog am 4. Juli 2007 den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nach sich.

Die Macht des Faktischen

Ende Juli 2007 wurde ein neues Gutachten zur Ermittlung der Wertschöpfungsquote bei Uhren aus dem Hause Mühle in Auftrag gegeben. Am 25. September 2007 präsentierte der Heilbronner Sachverständige Prof. Gminder seine Auffassung. Sie bestätigte in fünf von acht untersuchten Fällen einen zu geringen Wertschöpfungsanteil der Mühle’schen Uhrwerke.

Die damit ausgestatteten Zeitmesser durften also nicht mit der Herkunftsbezeichnung «Glashütte» verkauft werden. Damit fand das Gerichtsurteil gegen die Mühle-Glashütte GmbH auf diesem Wege seine Bestätigung. Das beste «Glashütter» Kaliber von Mühle bringt es laut Gutachten auf 57% einschlägiger Wertschöpfung.

Mit Wirkung vom 1. Oktober 2007 eröffnete das Amtsgericht Dresden das Insolvenzverfahren über die Mühle-Glashütte GmbH. Am 29. Februar 2008 nahmen die Gläubiger der Mühle-Glashütte GmbH den vorgestellten Insolvenzplan einstimmig an. Der Plan wurde durch das Gericht bestätigt.

Somit ist demnächst mit der endgültigen Aufhebung des Insolvenzverfahrens zu rechnen. Auf dem Wege über die Insolvenz konnte Mühle-Geschäftsführer Thilo Mühle, der Sohn von Hans-Jürgen Mühle, nicht nur die beschriebene Problematik aus der Welt schaffen, sondern auch andere unliebigen Altlasten und Forderungen auf relativ elegante Weise beseitigen.

Ob die neuen Mühle-Uhren tatsächlich «Made in Glashütte» sein werden, bleibt einstweilen allerdings abzuwarten. Aber Nomos wird sicher auch weiterhin am Ball bleiben und den Finger auch in neue Wunden legen.

Was macht die Swatch-Tochter?

Genauso sicher ist, dass Union Glashütte, ein neuer alter Protagonist, welcher ab Frühjahr 2008 um die Gunst potenzieller Käufer wirbt, seine Lehren aus dem Kleinkrieg gezogen hat. Das Swatch-Group-Mitglied wird zwar auch Uhrwerke der Schwester ETA verbauen, diese jedoch mit Unterstützung der anderen Schwester Glashütte Original vor Ort so veredeln, dass es nichts auszusetzen gibt.

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