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Neuer Migros-Chef
Ein M härter als gedacht

Fabrice Zumbrunnen
Der neue Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen. Quelle: Keystone .

Charmant und fast zu nett: So hat die Schweiz den neuen Migros-Chef wahrgenommen. Nun zeigt sich: Fabrice Zumbrunnen kann durchgreifen.

Von Andreas Güntert
am 22.03.2018

Hochbetrieb am 22. Januar im Gottlieb Duttweiler Institute. Im zürcherischen Rüschlikon, hoch über dem Zürichsee, hatte Fabrice Zumbrunnen zu seiner ersten Kadertagung gerufen. Wer sich auf ein gemütliches Rendez-vous mit dem neuen Migros-Chef gefreut hatte, lag falsch. Der Romand legte los, in hartem Ton.

Zumbrunnen zeichnete ein Bild der Migros unter Druck, eines Giganten mit vielen Wer offenen Flanken. Unter Vorgänger Herbert Bolliger seien diese Treffen jovial verlaufen, sagt einer, der dabei war, «doch dieses Mal war es anders. Zumbrunnen rüttelte das Kader aus der Komfortzone.»

«Fast forward» – der Name ist Programm

Seine eigene Komfortzone verliess Zumbrunnen schon zwanzig Tage vor dem Kadertreffen. Am 2. Januar 2018, seinem ersten Arbeitstag als neuer Migros-Chef, rückte er mit einem Straffungsprogramm an. «Fast forward» heisst es. Ziel der Übung, die von der Düsseldorfer Unternehmensberatung Batten & Company begleitet wird: Fett abschneiden.

Damit packt der Chef ein Thema an, das viele Genossenschaftschefs lange schon anmahnen: Die Zentrale am Zürcher Limmatplatz, der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB), arbeite schwerfällig, oft mehrspurig und sei organisatorisch zu wenig effizient aufgestellt. «Fast forward» stellt Funktionen der Zentrale infrage. Und das, sagt ein Genossenschaftskader in Anspielung auf das MGB-Hochhaus am Limmatplatz, «sorgt für Unruhe im Turm».

Messer ins Fett fahren

Migros-Sprecher Luzi Weber bestätigt, dass der «Migros-Genossenschafts-Bund momentan prüft, wie er sich noch besser organisieren kann». Um eine Aussensicht zu erhalten, werde das Programm von einer externen Unternehmensberatung begleitet. Der neue Chef drückt dabei aufs Gaspedal. Gegen neunzig Gespräche wurden mit Abteilungschefs schon geführt, man befindet sich nahe der analytischen Ziellinie. Ende März will man die «Potenzialfelder» gefunden haben, bis Mitte Jahr soll feststehen, wo
welche Messer ins Fett fahren. Der neue Chef hat eine Lawine losgetreten.

Zumbrunnens Art sorgt für eine Lernkurve der Turminsassen: Sie spüren den neuen Chef auf eine Weise, die sie ihm nicht zutrauten. Der empathische Romand, der in vielen Zungen spricht und als guter Zuhörer gilt, kann auch mal die Spikes ausfahren. «Fabrice hat das Savoir-vivre, sagt einer, der ihn gut kennt, «und das Savoir-faire – das Zupacken.» Wer den kunstsinnigen feingliedrigen Mann mit Kurzhaarschnitt für einen Softie gehalten haben sollte, erkennt: Zumbrunnen ist ein M härter. Der will etwas reissen.

Komfortzone verlassen

Dass er jetzt zum Verlassen der Komfortzone auffordert, erscheint vielen Migros-Kadern als angebracht. Der orange Riese hat das letzte Jahrzehnt zwar passabel gemeistert. Den beiden grossen Bedrohungen jener Zeit – Schweizer Markteintritt von Aldi und Lidl, aufkeimende Konkurrenz der Online-Giganten – trat Herbert Bolliger vielleicht nicht sonderlich kreativ, aber doch organisatorisch schlau entgegen.

Die deutschen Discounter konnte Bolliger mit der Übernahme von Denner in Schach halten. Mit dem Zukauf der Schweizer Digital-Revoluzzer Digitec holte er sich Zukunftswissen ins Haus und machte die Migros-Gruppe so zum E-Commerce-Supertanker.

Jetzt geht das Rennen in die nächste Runde. Der Detailhandel steckt mitten in der digitalen Transformation – und diese trifft auch den orangen Riesen. Etwa in seiner Position als Besitzer grosser Einkaufszentren. Was, wenn die Ertragsströme immer stärker über die Kanäle ausländischer digitaler Pure Player laufen und die Mieter in den Immobilien ins Schlottern kommen? Was, wenn ein Gigant wie Amazon tatsächlich zum Angriff bläst?

Gewinn am unteren Rand

Für die Migros-Gruppe, die im Bereich Detailhandel vornehmlich im Heimmarkt tätig ist, sieht auch die künftige Grosswetterlage nicht berauschend aus. Intern geht man von bestenfalls stabilen Schweizer Umsätzen aus, die Margen aber dürften sinken. Zwar ist die Migros keine Firma, die a priori gewinngetrieben ist. Sollten aber die Gewinne schrumpfen, mindert das die Fähigkeit, in die Zukunft zu investieren. In seiner Interview-Schlussrunde nach zwölf Jahren an der Migros-Spitze griff Herbert Bolliger das Thema auf. Im «Bieler Tagblatt» orakelte er: «Der Gewinn liegt immer noch in der definierten Bandbreite, aber er ist am unteren Rand.»

Sollte Fabrice Zumbrunnen an der Bilanzmedienkonferenz vom nächsten Dienstag tatsächlich einen tieferen Gewinn bekanntgeben, so würde ihm das helfen. Es wäre der beste Beweis dafür, dass es richtig und angebracht ist, Änderungen am Kostenkorsett vorzunehmen.

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