Suzanne Thoma eilt ein Ruf voraus. Die Industriemanagerin ist durchsetzungsstark, fordernd. Mit diesen Eigenschaften hat sie die Berner BKW zum Vorzeigeunternehmen einer ganzen Branche gemacht. Und nun rückt sie ins VR-Präsidium bei Sulzer auf und sorgt vor Stellenantritt im Frühling 2022 für einen Eklat. Mit ihrer Annoncierung zur Präsidentin zieht sich der Konzernchef, Grégoire Poux- Guillaume, zurück. Dieser Rücktritt wird zwar als «strategic succession planning» verpackt; aber ungewöhnlich ist es trotzdem, dass in einem Milliardenkonzern fast zeitgleich die beiden wichtigsten Köpfe wechseln.

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Und das liegt an der Person Thoma, der Industriellen, die ihre künftige Rolle als VR-Präsidentin nach Schweizer Vorgabe interpretiert: Sie hat die Gesamtverantwortung und wird die Zukunft der Winterthurer Traditionsfirma massgeblich prägen. Poux-Guillaume dagegen war in den letzten Jahren das alleinige Kraftfeld im Unternehmen. Er genoss eine lange Leine, die der langjährige VR-Präsident Peter Löscher führte. Ein Mann im Herbst seiner Karriere. 

Der Poux-Nachfolger Frédéric Lalanne muss nun, unter der Supervision von Thoma und ihrem Verwaltungsrat endlich neuen Zug in den Industriekonzern bringen, der seit Jahren unter seinem Wert gehandelt wird. An der Börse erlebt er, trotz zukunftsträchtigen Produkten, eine Schattendasein. 

Vieles richtig gemacht

Beim Stromkonzern BKW hat Thoma aus Sicht der Aktionäre vieles richtig gemacht. Sie hat das parastaatliche Unternehmen, das zwar an der Börse kotiert ist, aber zu 52 Prozent vom Kanton Bern kontrolliert wird, stark umgebaut. Offenbar zur Freude der Investoren, legt der Aktienkurs doch seit langem – und fast ohne grosse Ausschläge – zu.  Seit Ende 2014 von etwa 25 auf zuletzt 121 Franken. 

Nicht alles war Thomas Leistung. Anders als die Stromkonzerne Alpiq und Axpo hat die BKW ein eigenes Monopolgebiet, das sie zu Tarifen bedienen kann, die eine gesetzlich definierte Kapitalrendite beinhalten. In den Jahren mit tiefen Strompreisen sicherte das dem Berner Unternehmen ein Grundeinkommen, das Konkurrenten, die nur den freien Markt beliefern, nicht haben. Zuletzt verkaufte die BKW gut einen Fünftel des Stroms an gebundene Kunden. 

Kritisiert wurden auch die hohen Netzgebühren. Die BKW begründete diese stets mit dem teuren Versorgungsgebiet mit seinen ländlichen Regionen. Allerdings reizte das Unternehmen auch die gesetzlichen Möglichkeiten zur Amortisierung der Netzinfrastruktur stark aus. Die auch von anderen Netzbetreibern angewandte Praxis, alte Netze zwecks Berechnung der Netzgebühren neu zu aktivieren führte tendenziell zu höheren Netzgebühren. Sie wurde höchstrichterlich abgesegnet. 

Wenig konnte Thoma für die zuletzt stark gestiegenen Strompreise, die es derzeit erlauben, lukrative Lieferverträge abzuschliessen. Hier allerdings rächt sich die Monopolstellung. Denn bei gefangenen Kleinkunden gelten weiterhin die kostenbasierten Tarife. Anbieter wie Axpo oder Alpiq profitieren stärker von den Preiserhöhungen. 

Spuren hinterliess Thoma vor allem in der Konzernstruktur. Zusammen mit dem Verwaltungsrat hat sie die BKW neu ausgerichtet. War diese zur Jahrtausendwende vor allem für ihr AKW in Mühleberg und umstrittene Kohlekraft-Beteiligungen im Ausland bekannt, streifte Thoma dem Unternehmen ein grünes Mäntelchen über. 

Im Gegensatz zur Axpo, die noch vor wenigen Jahren ihr altes AKW Beznau für 700 Millionen sanierte und nun auf noch nicht amortisierten Kosten sitzt, zog Thoma Mühleberg relativ emotionslos den Stecker, als Untersuchungen zeigten, dass Investitionen in das Kraftwerk zu teuer würden. Vor zwei Jahren ging Mühleberg vom Netz. Seither läuft der Rückbau. 

 

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Fantasiepreise geboten

In einem Interview mit der «Handelszeitung» begründete Thoma den Entscheid vor zwei Jahren als «unternehmerischen» Entscheid. «Das Finanzielle lieferte die Basis, aber uns ging es auch um eine Unternehmenstransformation. Wir sahen, dass wir uns breiter aufstellen mussten. Und der Verzicht auf ein neues Mühleberg setzte Kräfte frei, die wir für anderes nutzen konnten.» Thoma wollte das Kapital schlicht in anderen Bereichen einsetzen. 

Politisch Ärger verursachte denn auch vor allem der von Thoma vorangetriebene Ausbau in Gebiete jenseits der Energieerzeugung und -Versorgung. Vor allem die Expansion in das Geschäft mit Elektroinstallationen wurde vom Gewerbe im Kanton Bern stark kritisiert, das sich durch den staatlich Kontrollierten Konzern konkurrenziert sieht. 

Die BWK soll mit Fantasiepreisen um Firmen geboten haben, so die Vorwürfe. Man habe nur gekauft, was sonst niemand wollte, lautete jeweils die Antwort der BKW. Dabei gehen die Investitionen weit über den Kanton Bern hinaus. Die BWK ist mittlerweile auch im Ausland ein Name, wenn es um die Planung grosse Bau- und Infrastrukturprojekte geht. 

Fest steht: In den letzten Jahren wurden viel Geld in die Bereiche Gebäudetechnik und Engineering investiert. Bis 2024 solle dieser neue Bereich einen Drittel des Gewinns liefern, sagte Thoma 2019 im Handelszeitung-Interview. Bisher schlagen sich die neuen Bereiche zwar mit viel Personal und ordentlich Umsatz zu Buche, aber wirklich rentabel war das Geschäft zuletzt noch nicht. Ob die Expansion der entscheidende strategische Schritt oder eine Fehlinvestition war, werden Thomas Nachfolger berichten müssen. 

Thoma hat die BKW sicherlich geprägt. In Erinnerung bleiben wird sie als jemand, der oft unternehmerisch dachte, aber vielleicht ein bisschen zu selten politisch. Bei Sulzer dürfte das nicht mehr ganz so problematisch sein.