Es war so etwas wie ein ­bescheidenes Strahlen, das an jener denkwür­digen Generalversammlung letzten Dezember auf Martin Haefners Gesicht ruhte, als er den anwesenden Aktionären seinen Aufstieg zum grössten Eigner beim Stahlhersteller Schmolz + Bickenbach (S+B) verkünden konnte. Monate harter Arbeit, Streit und Ärger lagen hinter ihm. Vor ihm der Triumph.

Nun kommt alles wieder ins Wanken. Ein kleiner Aktionär wehrt sich gegen Martin Haefner und den Lauf der Dinge. Er verlangt, dass die Vorgänge vom letzten Winter nochmals ins Scheinwerferlicht gerückt werden und gelangt mit einer Anzeige an die Übernahmekommission (UEK).

Der neue starke Mann Haefner solle nun doch noch allen Aktionären ein öffentliches Übernahmeangebot machen müssen, lautet sein Antrag. Zu 45 Rappen die Aktie, wie es im ­Dokument heisst, das der «Handelszeitung» vorliegt.

Die Affiche ist ein klassischer Kampf David gegen Goliath. Hier der Kleinaktionär mit Aktien von Schmolz + Bickenbach im Wert von weniger als 100 000 Franken.

Da der Milliardär und Besitzer des Autoimporteurs Amag, der diesen Winter kurzerhand über 200 Millionen Franken in den Stahlhersteller investierte. Wie der Fall ausgeht, ist offen. Die UEK bestätigt in einem Schreiben lediglich den Eingang der Anzeige.

Der russische Investor Viktor Vekselberg

Martin Haefner und seine Anwälte wissen offenbar noch nichts von den erneut aufziehenden Wolken an der Aktionärsfront. Ein Sprecher lässt ­lediglich verlauten: «Wir wurden noch von niemandem kontaktiert.» Auf die leichte Schulter werden Haefners ­Anwälte die Sache nicht nehmen. Sollte sich der Kleinaktionär durchsetzen, ginge es rasch einmal um 100 Millionen Franken.

Anzeige

Am Anfang der nie enden wollenden Geschichte stand Haefners vor ­einem Jahr gefällter Entschluss, Hunderte von bisher in den USA angelegten Millionen Franken in der Schweiz investieren zu wollen, und zwar zuerst einmal in den Stahlkocher aus Emmenbrücke, zu welchem er als Luzerner eine gewisse Affinität hatte.

Allerdings wollte der ehemalige Mathe­matiklehrer nicht die gesamte Firma übernehmen, sondern nur einen ihm die Kontrolle sichernden Anteil. Im Weg stand ein Paragraf des Schweizer Aktienrechts, der ihn eigentlich dazu verpflichtete, allen Aktionären ein Übernahmeangebot zu machen, sobald er die Schwelle von 33 Prozent Aktienanteil überschreitet. Dagegen wehrten sich Haefners Anwälte zuerst bei der UEK, dann bei der Finanzmarktaufsicht Finma.

Das Ringen mit den Behörden war allerdings die weniger aufreibende Auseinandersetzung. Härter zur Sache ging es im Streit mit dem rus­sischen Investor Viktor Vekselberg, der bis dahin die unangefochtene Nummer eins beim Stahlkonzern war und sich nicht kampflos ausbooten lassen wollte. So kam es im Vorfeld der entscheidenden Generalversammlung (GV) zu einer regelrechten Übernahmeschlacht.

Zwei Wochen lang schien die Welt in Ordnung

Obschon die ausserordentliche GV am 2. Dezember am Nachmittag bereits angelaufen war, verhandelten die beiden Seiten noch immer hektisch in einem kleinen Raum neben der Bühne. Erst im allerletzten Moment verständigten sich die Parteien auf neue Mehrheitsverhältnisse. Vekselberg sollte künftig 25 Prozent von S+B kontrollieren, Haefner 37 Prozent.

Die Finma erteilte dieser Lösung wenige Tage später den Segen und befreite Haefner von der Pflicht, ein öffentliches Übernahmeangebot zu machen. Die Begründung für die Ausnahme: Ohne die Millionen des neuen Investors stünde der krisengeschüttelte Stahlproduzent am Abgrund. Haefner hatte das Okay der Finma zur Bedingung für sein Einsteigen gemacht.

Zwei Wochen lang schien die Welt in Ordnung. Dann trat die drittgrösste Aktionärin auf den Plan. Die Erben­gemeinschaft der Gründerfamilie drohte damit, vor das Bundesver­waltungsgericht zu ziehen und doch noch ein allgemeines Übernahme­angebot durchsetzen zu lassen.

Da fackelte Haefner nicht lange und kaufte ihnen ihr substanzielles Paket an Schmolz + Bickenbach kurzerhand ab, um das Problem aus der Welt zu schaffen. Mit Erfolg, denn natürlich blies die Familie daraufhin die Ausein­an­dersetzung vor Gericht ab.

Wieder schien sich das Geschehen zu beruhigen. Diesmal dauerte der Frieden gute zwei Monate. Dann, Anfang April, reichte der Kleinaktionär seine Anzeige bei der UEK ein. Auch er verlangt nun in der englischsprachigen Eingabe, dass die UEK den Fall neu aufrolle und «ein Verfahren über die Angebotspflicht von Martin Haefner eröffne».

Das Ziel ist klar: Alle ­kleinen Aktionäre sollen ihre Aktien ebenfalls an Haefner und dessen Finanzvehikel Bigpoint verkaufen können, wenn sie das wollen.

Anzeige

Die Möglichkeit zum Ausstieg

Ein wichtiger Punkt der Argumentation ist dabei Haefners Kauf des Aktienpakets der Familie. «Offensichtlich verstösst es gegen die Gleichbehandlung der Aktionäre und den Zweck der Angebotspflicht, wenn der drittgrösste Aktionär mit einer Prämie aussteigen kann, während die übrigen Minderheitsaktionäre die Ausstiegsmöglichkeit nicht erhalten», heisst es in der Anzeige. Häfners Befreiungsschlag gegenüber der Familie könnte sich als Bumerang erweisen.

Die zeitliche Abfolge spielt dabei eine Rolle. Die Finma hatte Haefner zwar erlaubt, die Kontrolle zu übernehmen, ohne allen Aktionären ein Angebot zu machen. Doch das war vor dem Familiendeal. Für den Klein­aktionär ist das entscheidend, der Freipass der Finma dadurch hinfällig.

«Die getätigten Handlungen von Martin Haefner verstossen in krasser Weise gegen den Zweck der Freistellung von der Angebotspflicht», lautet der Vorwurf. Die Behörden müssten deshalb nochmals über die Bücher.

Immer nur Ärger mit Schmolz. Und jetzt noch die Corona-Krise, die das frische Kapital schmelzen lässt wie die 60-Megawatt-Anlage in Emmenbrücke den Stahl. Das hat sich Haefner wohl anders vorgestellt, als er an jener Generalversammlung auf der Bühne stand und sagte: «Edelstahl hat eine grosse Zukunft vor sich.»

Online Trading mit cash

Auf cash.ch können Sie zu günstigen Konditionen Aktien online kaufen und verkaufen. Sie haben noch Fragen zum Thema Online Trading auf cash? Kontaktieren Sie uns telefonisch unter 00800 0800 55 55 (gratis - Montag bis Freitag von 8.30 bis 17.30 Uhr)

Hier mehr erfahren >>
Anzeige