Rückblick: Irgendwann im Jahre 1965 dürfte es gewesen sein, als das Management der altehrwürdigen Schweizer Uhrenmanufaktur Zenith den Auftrag zur Entwicklung eines Automatik-Chronographen erteilte. Dieses Thema brannte nicht nur in der Uhr-Schweiz auf den Nägeln, denn die Abverkäufe klassischer Zeitschreiber mit manuellem Aufzug liessen sehr zu wünschen übrig. Das Zenith-Team, bestehend aus qualifizierten Uhrmachern, Technikern und Ingenieuren, machte sich unverzüglich ans Werk, denn auch die Konkurrenz pflegte - wie üblich - nicht zu schlafen.
Wissen kam von Martel Watch
An chronographischer Kompetenz mangelte es hausintern nicht, denn 1960 hatte Zenith die einschlägig erfahrene Martel Watch Co. übernommen. Dort wurde die Entwicklung, Optimierung und Fertigung von Handaufzugsstoppern schon seit langem gross geschrieben. Alsbald schon rauchten in den Ateliers die Köpfe. Es galt, den geballten Sachverstand optimal für das ehrgeizige Ziel nutzbar zu machen.
Die Vorstellungen der Macher
Mit überlieferten Konstruktionsprinzipien wollte Zenith unter keinen Umständen brechen. Ergo sollte der neue Automatik-Chronograph aus den Höhen des Jura integriert aufgebaut sein, eine horizontale Räderkupplung sowie ein klassisches, wenn auch vergleichsweise teures Schaltrad zur Steuerung der Start-, Stopp- und Nullstellfunktion besitzen. Überdies bestanden die Zenith-Verantwortlichen vorwiegend aus patentrechtlichen Gründen auf einer zentral angeordneten, über dem ganzen Werk rotierenden Kugellager-Schwungmasse.
Vier Jahre mit der Idee schwanger
Danach brauchte es nur noch ein gerüttelt Mass an jener kostbaren Zeit, die nichts respektiert, was ohne sie geschaffen wurde. Vier Jahre zogen durch den Jurabogen, bis El Primero im Frühjahr 1969 - also vor genau 40 Jahren - mit unverkennbarem Ausdruck des Stolzes debütierte. «Den Ersten» zeichneten gleich mehrere Superlative aus: Mit einem Durchmesser von 29,33 mm und nur 6,5 mm Höhe unterbot der Newcomer den nahezu zeitgleich vorgestellten Mikrorotor-Mitbewerber um mehr als 1 mm.
Dieser Superlativ bedingte einen beträchtlichen Kraftakt in Gestalt einer speziellen Automatikbrücke, befestigt über und neben dem Chronographenmechanismus. Darüber hinaus hatte sich das Team aus guten Gründen einen höchst effizient wirkenden Selbstaufzug einfallen lassen. Mit Hilfe eines durchdachten Wechslersystems zur Polarisierung der Rotorbewegungen und eines ausgeklügelten Reduktionsgetriebes generierte die Schwungmasse selbst bei eingeschaltetem Stoppmechanismus problemlos Energie für 50 Stunden Gangautonomie.
Dieses Faktum bedarf deshalb ausdrücklicher Erwähnung, weil sich der zentrale Chronographenzeiger in Zehntelsekunden-Schritten bewegt. Das wiederum bedingt eine flotte, aber auch kräftezehrende Unruhfrequenz von stündlich 36000 Halbschwingungen. Weiterer Begleiteffekt dieses Schnellschwingers: Präzises Bewahren der Uhrzeit.
Kritiker blieben nicht stumm
Speziell die hohe Schlagzahl rief sofort eine ganze Reihe von Kritikern auf den Plan. Mit diesem enormen Tempo ginge zwangsläufig eine ausserordentliche Abnützung einher. Damit hatten die Einwender nicht einmal Unrecht. In der Tat führt die Verwendung konventioneller Öle durch die hohen Zentrifugalkräfte am Ankerrad zu vergleichsweise raschem Trockenlaufen. Doch die Techniker hatten auch daran gedacht. Ein Trockenschmiersystem auf Molybdän-Bisulfid-Basis hält nach Auffassung erfahrener Serviceuhrmacher fünf bis sieben Jahre. Spätestens dann bedarf jede mechanische Armbanduhr eines Kundendienstes.
Den El-Primero-Reigen eröffneten die Referenzen AH 385 (Edelstahl), GH 383 (Gelbgold) und GH 381 (Gelbgold) mit 30-Minuten- und 12-Stunden-Zähler sowie einfacher Datumsanzeige (280 Werksteile). Wenig später gesellte sich die komplexe Variante Espada mit einfachem Vollkalender und Mondphasenanzeige (354 Werksteile) hinzu.
Dann kamen die Quarz-Revolution und in der Schweiz eine der grössten Uhrenkrisen aller Zeiten. Beides verhinderte jenen durchschlagenden Erfolg, welchen sich Zenith mit seiner technischen Meisterleistung erhofft hatte. Warum kostspielige Mechanik kaufen, wenn es für deutlich weniger Geld viel mehr elektronische Funktion gab? Mitte der 1970er Jahre fiel bei Zenith der schwerwiegende Entschluss, die mit viel Mühe geborenen Kaliber 3019 PHC und 3019 PHF definitiv vom Markt zu nehmen. Die Führungsebene sah für beide keine Zukunft mehr.
Es kam zum zaghaften Neubeginn
Aber: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Diese Weisheit machte auch vor den Zenith-Türen nicht Halt. Sie bewahrheitete sich 1981 in Person eines Angestellten der Uhrenmarke Ebel. Pierre-Alain Blum, ihr Inhaber, wollte - seiner Zeit beträchtlich voraus - einen attraktiven mechanischen Chronographen; diesen hoffte er bei Zenith zu finden. Das Management winkte achselzuckend ab, denn es hatte die Verschrottung aller El-Primero-Komponenten und -Werkzeuge verfügt. Zum Glück gab es in den Reihen der altgedienten Mitarbeiter einen Trotzkopf namens Charly Vermot. Der sympathische Uhrmacher mit unbeugsamer Liebe zur Mechanik hatte sich dem dezidierten Vernichtungsauftrag seiner - damals amerikanischen - Chefs widersetzt und alles, dessen er habhaft werden konnte, auf den weitläufigen Dachböden der Manufaktur versteckt.
So also schlug Vermots Stunde. Seit 1978 befand sich sein Arbeitgeber wieder in eidgenössischem Besitz und er konnte seine Trümpfe, sprich die übrig gebliebenen Rohwerke, voll ausspielen. Weil Zenith für die eigenen Schlüsselmärkte keine El-Primero-Zukunft sah und angesichts schlechter Wirtschaftslage für jeden Umsatzfranken dankbar war, kam Ebel zum Zuge. Die Baureihe Beau entwickelte sich zum Erfolgsmodell. Die englische Alfred Dunhill Ltd. profitierte später von Restbeständen der exklusiven Vollkalender-Variante.
Die gegen 1985 einsetzende Renaissance der Mechanik und hartnäckiges Begehren des italienischen Markts führten auch bei Zenith zur Rückbesinnung auf ein Kaliber, das sich wegen seiner Alleinstellung längst in die Herzen eingefleischter Chronographenfreaks katapultiert hatte. Vergleichbares gab es nämlich nicht.
Nach reiflichen Überlegungen fiel 1986 die Entscheidung für eine Wiederbelebung der Idee El Primero. Anfangs weiterhin auf der Grundlage reichlich verfügbarer Altbestände feierte Zenith sein eigenes Mechanik-Comeback. An Neuauflagen dachte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.
Selbst Rolex klopfte an
Doch auch das sollte noch ändern. Irgendwann zwischen 1987 und 1988 klopften Rolex-Abgesandte an. Für ihren neuen Daytona-Chronographen benötigte die qualitäts- und präzisionsbewusste Genfer Manufaktur ein adäquates Automatikwerk. Nach zahlreichen Gesprächen und intensiven Erörterungen wurden Zenith und Rolex handelseinig. Allerdings bedingte der Deal etliche Änderungen, darunter 4 statt 5 Hertz Unruhfrequenz. Ferner brauchte es namhafte Stückzahlen und eine deutlich höhere Ebauche-Qualität.
Nun konnte Zenith abermals vom widerspenstigen Charly Vermot profitieren. Sorgfältig verpackt lagerten die kostbaren Werkzeuge zur Produktion der Platinen, Brücken und sonstiger Komponenten in mehreren Kisten. Darauf konnte man getrost bauen. Anfänglich jedenfalls.
40 Jahre nach der El-Primero-Premiere weht im Fertigungsprozess der Rohwerke längst ein anderer Wind. Seit 1999 befindet sich Zenith unter dem Dach des französischen LVMH-Luxusmulti. 2000 endete die Partnerschaft mit Rolex. Zeit für CEO Thierry Nataf, Zenith in eine völlig neue Welt zu führen. Dazu gehörte eine vollständige Kaliberautonomie, welche auch die Loslösung von Lémania beinhaltete. Der Spezialist aus dem Vallée de Joux hatte über Jahre hinweg die komplexen Chronographenteile beigesteuert.
Apropos Zukunft: Zu einem Schnellschwinger wie El Primero würde Silizium, das ganz ohne Öl auskommt, in der Hemmungspartie bestens passen. Konkretes möchte Nataf hierzu noch nicht sagen. Natafs Kurzkommentar: «Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit diesem Thema.»
Das klassische El-Primero-Kaliber mit 12-Stunden-Zähler und Fensterdatum (4000 SC) sowie die aufwendigere Version mit Vollkalendarium tragen mittlerweile nur noch einen kleinen Teil zum Umsatz bei. Auf ihrer Grundlage hat der gleichermassen smarte wie polyglotte CEO Nataf das Produktspektrum beträchtlich erweitert. Zu den Bestsellern gehört zweifellos die Variante Open mit Gangreserveanzeige und vorne sichtbarer Unruh. Ein 5-Hertz-Tourbillon steht heute ebenso zur Verfügung wie ein Grossdatum, eine Weltzeit-Indikation, ein Ewiges Kalendarium, eine Minutenrepetition oder ein Wecker. In der Grande Class Traveller Répétition Minutes finden sich mit Ausnahme des Tourbillons gleich mehrere Komplikationen. Der Chronograph ist da beinahe schon eine Randerscheinung.