Wer in Lenzburg AG in einen Regionalbus steigt, wer mit Welti-Furrer von A nach B zieht, wer seinen Flug bei Knecht Reisen bucht, wer seine Aktivferien mit Baumeler macht oder mit Eurobus in den Europa-Park fährt - der macht all dies mit einem Unternehmen, das zur Knecht Holding gehört, für die mehr als 800 Personen arbeiten. Vor 50 Jahren waren es keine 30.

Die bisher grösste Wachstumsphase erlebte der 100-jährige Aargauer Familienbetrieb in den vergangenen 20 Jahren, in denen rund 20 Akquisitionen getätigt wurden. Die bedeutendsten Zukäufe waren etwa Eurobus (1992), Welti-Furrer (1993), Rottal Auto (2000) oder Bollhalder Pneukran (2007). Dazu kamen über ein Dutzend Übernahmen der Knecht Reisegruppe, die so ihren Umsatz mehr als verdoppelt hat. Unterdessen ist aus dem regionalen Mittelständler ein nationaler Player geworden.

Heute bilden fünf Geschäftsbereiche die Knecht-Gruppe (siehe Tabelle), die 2008 mehr als 300 Mio Fr. umgesetzt hat; davon stammten 174,5 Mio Fr. von der Reisegruppe und 108 Mio Fr. von Eurobus. Derzeit betreibt der Dienstleister für Reisen und Transporte eine Flotte von gut 300 Nutzfahrzeugen; über 130 Linienbusse, 80 Reisebusse, 50 Lastwagen sowie 30 Pneukräne.

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Mehr Zeit in Firma investieren ?

Seit bald fünf Monaten steht dem Familienbetrieb die dritte Generation vor. Der neue Mann an der Spitze ist in der Schweizer Wirtschaft kein unbeschriebenes Blatt, war er doch 30 Jahre für McKinsey in leitenden Funktionen tätig; von 1994 bis 2004 als Managing Director Switzerland oder von 1999 bis 2006 als Board Member Worldwide: Thomas Knecht (59). «Ich bin als Unternehmer nun quasi mein eigener Berater», sagt er im Gespräch mit der «Handelszeitung» über seine neue Rolle, die von der Wirtschaftskrise geprägt ist (siehe «Nachgefragt»).

Nach seinem endgültigen Ausscheiden beim Beratungsunternehmen per 31. März 2009 widmet sich Thomas Knecht vollamtlich der Knecht-Gruppe. Verwaltungsrat ist er seit 1988, Mehrheitsaktionär seit 1997, VR-Präsident seit 2008, als er seinen Vater Walter Knecht (1919-2008) ablöste. Die restlichen Anteile des Familienbetriebs halten die Geschwister. Im Reisebereich ist zudem das oberste Kader beteiligt.

Zu seinem Wechsel ergänzt er: «Auf der einen Seite lag es irgendwie immer auf der Hand, vor allem seit ich Mehrheitsaktionär bin, wobei ich stets bedauert habe, dass ich nicht genug Zeit in unsere Firma investieren konnte. Ich habe zwar viele Impulse gesetzt. Auf der anderen Seite ist es das Unternehmen, mit dem ich gross geworden bin und das ich stets miterlebt habe. Jetzt macht es mir Freude, mit den Leuten, die wir hier haben, die nächste Stufe zu erklimmen.»

Angesprochen auf seine Funktion als operativer VRP meint er: «Früher konnte ich bloss am Wochenende für die Knecht Holding arbeiten. Jetzt kann ich mich voll darauf konzentrieren. Ansonsten haben wir die gleiche Equipe. Unsere fünf Sparten sind dermassen eigenständig geführt, dass es keinen Sinn macht, einen CEO über alle Bereiche zu haben.»

? aber nicht operativ eingreifen

Selbstredend, dass die vor zwölf Jahren eingeführte Holdingstruktur seine Handschrift trägt. «Möglich», meint Thomas Knecht. «Ich war schon Mehrheitsaktionär - und als solcher habe ich das Interesse, dass es gut läuft.» Dazu wurde das Konstrukt der Bereichslei-ter geschaffen. «Diese führen ihre Sparten in ausgeprägter Eigenverantwortung und sind am Gewinn beteiligt. Das hat sich bewährt. Zudem sind diese Leute bei uns gross geworden, drei von fünf haben die Lehre bei uns gemacht.»

An dieser für McKinsey eher atypischen Philosophie will er nicht rütteln: «Vielleicht können wir nun die Unternehmensentwicklung beschleunigen. Aber es ist nicht mein Ehrgeiz, mich ope-rativ ins Geschäft einzubringen, solange es recht läuft.»

Seit 1997 konzentriert sich die Knecht-Gruppe auf jene fünf Bereiche, in denen sie historisch am stärksten verankert sowie zuletzt am meisten gewachsen ist. «Wir gehören in all unseren Sparten zu den führenden Unternehmen der Schweiz», ergänzt Thomas Knecht. Beim Öffentlichen Verkehr (ÖV) ist man mit Eurobus sogar der grösste private Anbieter; neben Lenzburg betreibt man Buslinien im Glatttal ZH sowie im Rottal LU, in Arbon TG, Sursee LU und Kreuzlingen TG.

Ebenfalls 1997 wurde der Baubereich in die Knecht Brugg Holding ausgegliedert. Die eigenständige Gesellschaft gehört mehrheitlich Daniel Knecht, einem Bruder von Thomas Knecht. Parallel dazu wurden Nebengeschäfte wie Krankenwagen oder Taxis verkauft.
 

Nachgefragt
«Es gibt mögliche Übernahmen, die wir prüfen»

Thomas Knecht (59) ist VR-Präsident und Mehrheitsaktionär der Knecht Holding in Windisch AG.

Die Knecht-Gruppe ist seit den 1990er-Jahren vom regionalen Mittelständler zum nationalen Player expandiert. Ihr Umsatz ist so überproportional gewachsen. Wie sieht es seit der Wirtschaftskrise aus?

Thomas Knecht: Es stimmt, retrospektiv sind wir die letzten Jahre im Schnitt um 14% gewachsen. Prospektiv sieht dies anders aus. Wir spüren die Krise umsatz- und ergebnismässig markant. Wir sind in Sparten tätig, in denen man haushälterisch schaffen muss, da die Margen eben nicht hoch sind.

Wo und wie spüren Sie die Krise?

Knecht: Die Krise merken wir vor allem im Tourismus, dort primär bei den Badeferien und Städtereisen. Wir merken die Krise gleichfalls bei den Geschäftsumzügen. Unser Portefeuille ist nicht vollkommen krisenresistent, doch es gibt einen gewissen Ausgleich dank den einzelnen Sparten.

Profitieren Sie auch von der Krise?

Knecht: Bei den Cars haben wir vereinzelt sogar Zuwächse. Die hochwertigen Busrundreisen laufen sehr gut. Ebenfalls der Öffentliche Verkehr läuft nicht schlecht. Vielleicht gibt es auch dort einen gewissen Umsteigeeffekt zum Bus. Trotzdem sind wir seit einem Jahr auf der sicheren Seite unterwegs und stellen neues Personal nur noch zögerlich ein. Zudem bewirtschaften wir unsere Cash- Bestände und Debitoren genau.

Wie sieht Ihre Zukunftsvision aus?

Knecht: Man muss immer einen grossen Plan haben. Doch den will ich nicht verraten. Jede Sparte hat weiterhin ihre Chancen und Möglichkeiten, die wir wahrnehmen möchten. Dafür haben wir auch Ressourcen. Selbst jetzt, obwohl wir die Krise wie alle anderen Firmen noch für längere Zeit massiv spüren werden. Es ist nicht unser primäres Ziel, aggressiv zu wachsen. Aber langfristig gesehen muss Wachstum resultieren.

Denken Sie an weitere Zukäufe?

Knecht: Es gibt jetzt die eine oder andere Firma, die Anlehnung bei uns sucht. Es gibt auch mögliche Übernahmen, die wir derzeit prüfen. Wir möchten Gelegenheiten nicht links liegen lassen. Wir wollen aber keinesfalls schnelle Entscheide fällen, die unsere langfristige Entwicklung gefährden.

Waren die Gruppe oder Sparten schon Übernahmekandidaten?

Knecht: Eher das zweite. Es gibt ab und zu Leute, die uns einen Bereich abkaufen wollen, aber das war für uns noch nie ein Thema.