Juni 2019. Ein Mail landet im Posteingang von Børge Brende, (60), Präsident und CEO des World Economic Forum (WEF) mit Sitz in Cologny GE. Absender: Epsteins Assistentin Lesley Groff. Betreff: Abendessen. Menüvorschläge: Sushi, Steak oder vegetarisch? Brende antwortet prompt – und vertraut: «Ich freue mich – Sushi wäre grossartig.» Emoji inklusive.
Was damals wie ein harmloser Termin wirkte, ist heute brisant. Die Verbindung zu Jeffrey Epstein, längst als Sexualstraftäter enttarnt, wirft Fragen auf. Blick berichtete am Wochenende erstmals darüber. Neue Dokumente aus den Epstein-Files zeigen: Brende traf sich mehrmals mit Epstein, nannte ihn «mein Freund» und einen «brillanten Gastgeber», diskutierte mit ihm über die geopolitischen Pläne des WEF – und führte einen lockeren SMS-Verkehr.
Jetzt kommen weitere Details ans Licht. Sie widersprechen Brendes bisherigen Aussagen und werfen ein Schlaglicht auf die Rolle des WEF.
Geleugnet: Brende stritt Epstein-Kontakt zuerst ab
Noch im November beteuerte Børge Brende gegenüber der norwegischen Zeitung «Aftenposten», er habe nichts mit Epstein zu tun gehabt. Er hätte niemals um ein Treffen mit jemandem gebeten, der wegen sexueller Übergriffe verurteilt worden sei.
Die norwegischen Medien waren auf Brende aufmerksam geworden, weil sein Vorname in früheren Epstein-Files auftauchte. Brende war Norwegens Aussenminister von 2013 bis 2017. Und ab dann Präsident und CEO des World Economic Forum.
Der Beweis: Epstein und WEF-Chef sehr vertraut
Die neuen Dokumente des US-Justizministeriums belegen: Brende hat im November nicht die ganze Wahrheit gesagt. Zwischen 2018 und 2019 tauschten er und Epstein mindestens 27 Nachrichten aus. Drei gemeinsame Abendessen in Epsteins New Yorker Residenz sind dokumentiert.
Die «Aftenposten» konfrontierte Brende mit den neuen Fakten. Er räumt nun ein, dass seine frühere Darstellung nicht korrekt war – und erklärt, er habe die Frage damals «anders verstanden».
Brende heute: «Ich hätte Epsteins Vergangenheit genauer prüfen sollen. Ich bedaure zutiefst, dass ich es nicht getan habe.» Er beteuert, nichts von dessen Straftaten gewusst zu haben.
Erste Rücktrittsforderungen aus Norwegen
Die norwegische Politikerin Guri Melby nimmt das Brende nicht ab. Die Chefin der sozialliberalen Partei Venstre sagt dem Portal Nyhetsblikk: «Dass Brende so tut, als habe er nichts von Epsteins Hintergrund gewusst, ist das eine. Aber wie er über die Uno spricht, während er Frauen in anderen Nachrichten verächtlich macht, ist grotesk.» Melby fordert Brende auf, zu prüfen, ob er als WEF-Präsident noch tragbar ist.
In einer Nachricht diskutierten Epstein und Brende, ob das WEF die Uno ersetzen könne. Brende schrieb: «Genau – wir brauchen eine neue globale Architektur. Das WEF ist einzigartig positioniert.»
In einer weiteren Nachricht schickte Epstein dem WEF-Chef das Foto einer Frau – offenbar Sara Netanyahu, die Ehefrau des israelischen Premiers. Epstein nannte sie «Miss Piggy» und schrieb, er werde an Brende denken, wenn er sie sehe. Brende antwortete: «Besser, in Erinnerung zu bleiben als vergessen zu werden.»
WEF-intern brennt der Baum
Auf Anfrage mauerte das WEF zunächst. Die Stiftung, die in Davos noch mit Auftritten von Trump, Macron, Milei und Musk im Rampenlicht stand, wollte nicht sagen, wie und wann genau sie von Brendes Epstein-Kontakten erfuhr, welche Compliance-Regeln gelten etc. Sie verwies auf Brendes Aussagen und wolle «für den Moment keine weitere Stellungnahme» abgeben.
Doch intern brennt der Baum. Nicht nur, dass die Organisation nun doch eine Untersuchung einleitet – wie die NZZ am Mittwochabend berichtete. Blick liegen zudem interne E-Mails der letzten Tage vor. Sie zeigen, was hinter den Kulissen wirklich passiert.
Nach dem Bekanntwerden der Epstein-Files schrieb Brende eine Erklärung an den Stiftungsrat. Sie gleicht seiner öffentlichen Stellungnahme: Er habe Epsteins Vergangenheit nicht gekannt, bestätigt drei gemeinsame Essen, erwähnt «wenige E-Mails und SMS» – und bekundet «tiefstes Mitgefühl mit den Opfern».
Am Ende folgt ein Satz mit Sprengkraft: «Nachdem die gesamte Geschichte über Epstein 2019 ans Licht kam, habe ich die Führung des Forums informiert.»
Gemeint ist Klaus Schwab, der WEF-Gründer und Brendes früherer Vorgesetzter. In einem weiteren Schreiben behauptet Brende, er habe Schwabs «ausdrückliche Unterstützung» erhalten.
Schwab droht Brende mit rechtlichen Schritten
Schwab widerspricht scharf. Er sei nie über Brendes Kontakte mit Epstein informiert worden – weder mündlich noch schriftlich. «Daran hätte ich mich erinnert. Ich hätte das niemals gutgeheissen», sagt Schwab zu Blick. Schon damals hätte man sich von Epstein fernhalten müssen.
Schwab informierte auch die WEF-Leitung und die Eidgenössische Stiftungsaufsicht schriftlich über die Unwahrheit von Brendes Aussagen. Brende wiederum hält an seiner Version fest. Schwab droht mit rechtlichen Schritten, sollte Brende seine Darstellung weiterverbreiten.
Dieser Artikel erschien zuerst bei Blick.
