Derzeit erleben wir eine erhöhte Nachfrage nach Erdbebendeckungen», sagt Bruno Spicher, Leiter Gross- und Spezialgeschäfte der Mobiliar in Bern, gegenüber der «Handelszeitung». Das bestätigt auch Philipp Gmür, CEO Helvetia Schweiz. «Nach Naturereignissen merkt man, dass sich die Menschen wieder vermehrt Gedanken über mögliche Naturgefahren und deren Deckung machen», sagt er. Jüngster Auslöser ist das schwere Erdbeben von vergangener Woche in Mittelitalien.

Trotz der erhöhten Nachfrage sieht der Bund nach wie vor keinen raschen Handlungsbedarf in der Diskussion um eine flächendeckende Erdbebenversicherung. «Solange sich die Privatversicherer und der Hauseigentümerverband (HEV) nicht einigen können, wird das Projekt auf unbestimmte Zeit ruhiggelegt», sagt Roland Meier, Pressesprecher des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD). Im Rahmen eines vom Bund angeforderten Projektes hatten unter anderem die kantonalen Gebäude- und Privatversicherer den Auftrag, die Machbarkeit einer nationalen Erdbebendeckung zu prüfen und ein entsprechendes Produkt zu entwickeln. «Das Produkt steht und wurde beim Bundesrat platziert. Nun liegt es an ihm, sich dafür oder dagegen auszusprechen», sagt Beat Krieger, Mediensprecher des Schweizer Versicherungsverbandes (SVV). Im ausgearbeiteten Vorschlag enthalten ist unter anderem eine Gesamtdeckung von 10 Mrd Fr. Der Verteilschlüssel bildet dabei die jeweilige Versicherungssumme der involvierten Parteien. «Neben der Versicherungsdeckung braucht es auch Präventionsmassnahmen und ein Interventionskonzept», sagt Bruno Spicher von der Mobiliar.

Streit um Bundeshilfe

Während sich die Privatversicherer für eine flächendeckende Erdbebendeckung aussprechen, wehrt sich der HEV vehement dagegen, für eine weitere Versicherung in die eigene Tasche greifen zu müssen. Der HEV stellt sich auf den Standpunkt, im Falle eines schweren Erdbebenereignisses müsse die Bevölkerung auf die Hilfe des Bundes zählen können. «Der Bund hat schliesslich auch die Mittel, um ein Finanzinstitut der Schweiz mit 68 Mrd Fr. zu unterstützen», schreibt Ansgar Gmür, Direktor HEV Schweiz, in der Anfang April erschienenen Medienmitteilung. Dem wiederum widerspricht der CEO Helvetia Schweiz: «Es kann nicht sein, dass wir uns gegen Risiken mit vergleichsweise geringem finanziellem Schaden, wie beispielsweise Velodiebstahl, versichern und vor Risiken mit enormem Schadenpotenzial einfach die Augen verschliessen, nur weil sich im eigenen Land schon lange kein Erdbeben mehr ereignet hat.»

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Erdbebendeckung auf Umwegen

Aufgrund der Meinungsunterschiede zwischen den Privatversicherern und dem HEV ist es denkbar, dass das vor eineinhalb Jahren angelaufene Projekt fallen gelassen wird. «Dass der Bundesrat die schweizweite Deckung von möglichen Erdbebenschäden gesetzlich erzwingt, ist nicht anzunehmen», sagt EFD-Sprecher Meier. Der Grund liege insbesondere darin, dass der HEV für den Bundesrat eine zu wichtige Interessengemeinschaft darstellt. Würde sich der Bund in dieser Angelegenheit über die Meinung des HEV hinwegsetzten, könnte sich dies womöglich in künftigen Debatten rächen.

Entsprechend dürfte auch weiterhin der grösste Teil von Schweizer Gebäudebesitzern nicht gegen Erdbeben versichert sein. Zwar bieten einzelne Versicherungsgesellschaften sowie bestimmte Verbände bereits heute ihren Kunden diesbezüglich Zusatzversicherungen an. Allerdings ist die individuelle Absicherung in der Regel mit hohen Prämien von mehreren hundert Franken verbunden. «Könnte die Erdbebendeckung, wie seit einiger Zeit angestrebt, über die ganze Schweiz verteilt werden, käme dies den jeweiligen Besitzern wesentlich günstiger zu stehen», sagt Helvetia-CEO Gmür. Pikantes Detail: Der Hauseigentümerverband bietet seit 2007 unter anderem über eine Kooperation mit Helvetia freiwillige Erdbebenversicherungen an.

Das Projekt einer flächendeckenden Erdbebenversicherung könnte auch an der schrumpfenden Solidarität in der Schweiz scheitern, wie Urs Berger, CEO Mobiliar, im Interview mit der «Handelszeitung» erklärt. «In schwierigen Zeiten ist niemand bereit, für den anderen zu bezahlen», sagt er.

 
90 Prozent der Immobilien entsprechen nicht mehr der aktuellen Baunorm

Pro Jahr bebt die Schweiz rund 500 Mal. Davon sind allerdings nur wenige Beben spürbar. Der Grund für die grosse Anzahl Erdstösse liegt darin, dass die Schweiz auf der Grenze der afrikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte liegt. Das höchste Erdbebenrisiko weisen in der Schweiz besonders vier Regionen auf: Das Wallis, Basel, die Innerschweiz und das Rheintal.

Am heftigsten bebte die Erde in der Schweiz 1356 in Basel. Mit einem Wert von knapp 7 auf der heutigen Richterskala kamen damals hunderte von Menschen ums Leben. Neben der zerstörerischen Kraft des Bebens wa- ren allerdings die anschliessen-den Brände weitaus schlimmer. Die Stadt musste damals zum grössten Teil wieder neu gebaut werden.

Statistischen Erhebungen zufolge ist ein erneutes massives Beben im Raum Basel längst überfällig. Da die Stadt mittlerweile stark gewachsen ist, dürfte ein ähnlich starkes Beben wie 1356 zu mehreren tausend Toten führen.

Auch die Schadenskosten dürften wesentlich höher ausfallen als vor 650 Jahren. Gemäss einer Studie der Rückversicherungsgesellschaft Swiss Re würde das gleiche Beben heute in der Schweiz einen Schaden an Gebäuden und Mobiliar von rund 60 Mrd Fr. verursachen. Darin nicht enthalten sind Schäden an Infrastruktur und durch Betriebsunterbrüche. Würden diese Kosten noch zusätzlich berücksichtigt, beliefen sich die möglichen Schadenaufwendungen auf über 80 Mrd Fr.

Umfragen ergeben immer wieder, dass das Erdbebenrisiko von der Bevölkerung allgemein nicht als Gefahr wahrgenommen wird. Dies, obwohl Erdbeben hierzulande als die grösste drohende Naturkatastrophe gelten und mit einem enormen Schadenpotenzial verbunden sind.

Der Grund dafür, dass die Bevölkerung diese Gefahr ausblendet, liegt insbesondere darin, dass die Schweiz nun lange Zeit von einer grösseren Erschütterung mit vielen Toten und Verletzten sowie massiven Schäden verschont blieb.

Da das Erdbebenrisiko vom Versicherungsschutz in der Schweiz ausgenommen ist, ist nur ein kleiner Teil der Gebäude gegen mögliche Schäden versichert. Zwar besitzen die Kantone bereits heute einen Erdbebenpool, dessen Mittel sind allerdings äusserst begrenzt.

Umso mehr erstaunt es, dass der Erdbebenschutz durch die Kantone äusserst unterschiedlich wahrgenommen wird. Gerade mal die Gefahrenzone Basel und Wallis überprüfen die Vorschriften zur Erdbebenvorsorge bei privaten Bauten. Währenddessen haben die restlichen Kantone zumindest damit begonnen, öffentlich wichtige Gebäude wie Feuerwehrstützpunke, Spitäler und Schulen genauer zu untersuchen. Allerdings dürften rund 90% der Immobilien in der Schweiz aufgrund ihres Alters nicht mehr der aktuellen Baunorm entsprechen.(mw)