Mitten im Sitzungszimmer steht ein eckiger Tisch. Eigentlich sollte es ein runder Tisch sein, denn er wäre ein Sinnbild für die Unternehmenskultur der Ergon Informatik AG, wo alle wichtigen Firmenentscheide, selbst Lohn- und Boni-Verhandlungen, basisdemokratisch debattiert und abgesegnet werden. «Jeder Entscheid der Geschäftsführung kann mittels einfachem Mehr der Belegschaft an den Verwaltungsrat zurückgewiesen werden», erklärt Geschäftsleiter Patrick Burkhalter. Das sei zum Glück noch nie geschehen. Aber es passt zu dem Ingenieurunternehmen, das begriffen hat, dass dessen wichtigster Aktivposten der kumulierte Gehirnschmalz der Belegschaft ist. Und dieser lässt sich sehen: Von den 63 Beschäftigten besitzen über 50 einen Informatiker-Hochschulabschluss, neun von zehn ein Diplom der ETH.

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Von den basisdemokratischen Strukturen und den flachen Hierarchien ist es ein kurzer Weg zu einer Kultur der Genügsamkeit und des massvollen Umgangs mit persönlichen Ressourcen. Aufgeregte Überstundenbolzer sind bei Ergon fehl am Platz. Die Überstunden, die hier geschoben werden, müssen eingezogen werden keine Selbstverständlichkeit in der IT-Branche. Daran hält sich sogar der Chef: «Ich kenne Kollegen, die arbeiten doppelt so viel wie ich», sagt Burkhalter. Die Arbeitsweise ist auf Effizienz ausgerichtet: Kleine Teams, kurze Sitzungen und kurze Entscheidungswege. Die Innenarchitektur der halb offenen, halb geschlossenen Büroeinheiten unterstützt dies. Das Gebäude eine umgebaute Privatschule im Zürcher Seefeld befindet sich seit ein paar Jahren im Besitz der Firma.

Technologiewechsel macht den Anfang

Seit 20 Jahren gibt es die Ergon schon, eine kleine Ewigkeit für ein Softwareunternehmen. Die beiden Gründer, Christian Juon und Theodor Graf, waren noch Studenten, als sie das Unternehmen starteten. In diese Zeit fällt der erste Informatiker-Diplomstudiengang der ETH und der Aufbruch in ein neues IT-Zeitalter: Weg von der IBM-dominierten, geschlossenen Mainframe-Rechnerwelt in Richtung «offene Systeme» auf Basis des Unix-Rechensystems. Die Industrie merkte bald, dass sich da ein Technologiewandel anbahnen würde. Das Wissen der jungen Informatiker stand hoch im Kurs. So sind Juon und Graf zu den ersten Auftragsprojekten von der damaligen Handelsbank (jetzt Coutts) und der Telekurs gekommen. «Sowohl für die Kunden als auch für uns war das ein grosses Wagnis», sagt Burkhalter, der Mitte der 80er Jahre nach Ende seines Studiums zur Ergon stiess.

Es folgten zähe Aufbaujahre, bis 1989 die Unternehmung zehn Mitarbeiter zählte und so richtig loslegen konnte. 1991, als Mitgründer Christian Juno ausstieg, schlug die Stunde der Mitarbeiterbeteilung: Dessen 50%-Anteil wurde unter den zehn Beschäftigten neu aufgeteilt. Heute sind 53 von den total 63 Beschäftigten Aktionäre der Firma, wobei sechs Ergon-Leute zwischen 10 und 15% des Aktienkapitals besitzen. Nach der Wirtschaftskrise Anfang der 90er Jahre, die auch Ergon betraf, folgten die Rock-and-Roll-Jahre der Informatik.

Anfragen für Börsengang

Die Internet-Trunkenheit der Auftraggeber, die 2001 das Stadium des Vollrausches erreichte, bescherte dem Unternehmen überquellende Auftragsbücher. Fette Aufträge gab es von der Credit Suisse, die schnell zum wichtigsten Kunden avancierte und für die Ergon das Internet-Banking-System und zahlreiche weitere Projekte realisierte. «In dieser Zeit hatten wir zahlreiche Anfragen von Banken, die uns an die Börse führen wollten», sagt Burkhalter. «Wir haben immer abgelehnt. Es hätte unser Unternehmen kaputtgemacht.»

Doch noch etwas anderes spielte eine Rolle: Schon vor dem New-Economy-Hype hatte die Firma in einer typischen unternehmensdemokratischen Grundsatzdebatte sich klar dagegen entschieden, ins Softwareproduktgeschäft einzusteigen, sondern sich aufs Engineeringgeschäft zu fokussieren. «Aber als Unternehmen, das im Kundenauftrag Software entwickelt, ist ein Börsengang einfach kein Thema.» Der Standardproduktentwicklung will sich Burkhalter trotzdem nicht ganz verschliessen. Es liegt in der Natur des Software-Entwickelns, dass nach mehreren in die gleiche Richtung zielenden Kundenaufträgen es nur noch ein kleiner Schritt ist, bis das aufgebaute Know-how und die entwickelte Code-Basis in eine Standardanwendung gegossen werden können. So entstand beispielsweise eine IT-Sicherheitslösung, die in einem Spin-off (Seclusions) abgespalten wurde.

Um von Skaleneffekten zu profitieren, handelt Ergon bisweilen auch Gewinnbeteiligungen an viel versprechenden Projekten aus. Meist stammen diese Aufträge von jungen, kapitalschwachen Firmen, die so mit günstigeren Konditionen rechnen können. Erst kürzlich ist Ergon eine solche Zusammenarbeit mit der deutschen Firma Synchronica eingegangen, für die Ergon die Mail-, Adressen- und Kalendersynchronisierung auf Basis des SyncML-Standard entwickelte, der von jedem neueren Handy unterstützt wird. Die Lösung wird auf einem Server installiert und synchronisiert die Daten eines Mail-Servers über GPRS mit den Handys. Wirklich reich sei Ergon mit diesem Beteiligungsmodell nicht geworden, gibt Burkhalter zu.

Leiden nach dem Platzen und Offshoring-Trend

Wie die gesamte IT-Branche litt auch Ergon nach dem Platzen der Blase unter schrumpfenden Umsätzen. Nach 20 Mio Fr. im Jahr 2000 ging es bergab auf 14 Mio Fr. in den Jahren 2002 und 2003. Der weniger abrupte Rückgang der Mitarbeiterzahl von 70 auf 63 Personen in der gleichen Periode deutet auf tiefere Margen und Tagesansätze hin. Konnte während des Hypes ein Spitzentagesansatz von 2500 Fr. verrechnet werden, liegt dieser heute rund 25% tiefer, gleich hoch wie vor über zehn Jahren. «Damit haben wir die Talsohle erreicht, die Preise ziehen wieder leicht an.»

Zu spüren bekommen hat Ergon auch die wachsende Konkurrenz aus den Billiglohnländern in Osteuropa oder Indien und China, wo sehr gut ausgebildete Programmierer zu einem Bruchteil der Kosten in die Tasten hauen. Im Gegensatz zu manchem Schweizer Konkurrenten hat sich Ergon bewusst dagegen entschieden, selbst Entwicklungs- und Produktionskapazitäten in Offshore-Märkten aufzubauen, um konkurrenzfähig zu bleiben. «Wir glauben, dass wir dann eine Chance haben, wenn wir sehr schnell auf technische Neuerungen reagieren und unseren Kunden entsprechende Lösungen anbieten können. Zu Beginn war es Unix, dann Java und Internet, jetzt sind es Mobilanwendungen.» Damit hofft Ergon, der Offshore-Konkurrenz immer einen Schritt voraus zu sein, die erst dann im grossen Stil auf eine Technologie setzt, wenn sie sich im Markt etabliert hat.

Firmen-Profil

Name: Ergon Informatik AG, Kleinstrasse 15, 8008 Zürich, Tel. 01 268 89 00

Gründung: 1984 durch Theodor Graf und Christian Juon

Besitz: Haupteigner ist die Belegschaft

Geschäftsleitung: Patrick Burkhalter

Umsatz: 14 Mio Fr. (2003)

Mitarbeiter: 63

Tätigkeit: Dienstleister im Bereich der Applikationsentwicklung mit Schwerpunkten im Finanzwesen, der Telekommunikation und der Logistik

Internet: www.ergon.ch