Samstagabend, die Freunde stehen schon auf der Matte. Der Gastgeber merkt plötzlich: Das Dessert ging beim Einkauf vergessen. Schnell online bestellen und innert 30 Minuten im Haus. Das geht in der Schweiz noch nirgends, in der türkischen Hauptstadt Istanbul aber schon. Ein Griff zum Handy reicht.

Über die App «Hemen» (auf Deutsch «sofort») der türkischen Migros lassen sich Lebensmittel und Drogerieartikel bestellen und innert 30 Minuten mit dem Motorrad nach Hause oder ins Büro liefern. «Bis jetzt ist niemand schneller», sagt Dominique Locher (49).

Seit 2017 sitzt er im Beirat der einstigen Migros-Tochter in der TürkeiMigros Ticaret. Im Schnitt ist er zweimal im Monat vor Ort. Der umtriebige E-Fooder Locher ist gleich in mehreren Ländern im Online-Lebensmittelmarkt aktiv: Neben Migros Türk berät er Bringmeister von Edeka Deutschland, Ozon.ru in Russland und ist als Investor und Mentor bei Farmy.ch in der Schweiz eingestiegen.

Geliefert wird auch eine Zitrone

Mit Online-Lieferdiensten kennt sich Locher aus. Als Chef der Migros-Tochter LeShop baute er bis 2017 den Home-Delivery-Dienst aus. Zwar lief nicht alles ganz reibungslos. So wurden die Drive-in-Stationen, an denen die georderten Lebensmittel auf dem Heimweg eingesammelt werden konnten, nicht so angenommen wie erwünscht. Und wieder geschlossen. Doch der Umsatz wuchs: von 92,3 Millionen Franken 2007 auf heute 184,7 Millionen Franken.

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Mit der App «Hemen» testet Locher jetzt eine neue Dimension der Heimlieferung: Eine Mindestbestellung gibt es nicht, geliefert wird auch eine einzelne Zitrone. Die Lieferkosten betragen umgerechnet 4.40 Franken – egal wie viel bestellt wird. Ausgeliefert wird mit einer Flotte von 200 Motorrädern der Partnerfirma Paket-Taxi. «Istanbul ist verkehrstechnisch eine Katastrophe», sagt Locher. In der 16-Millionen-Einwohner-Stadt  sei das Bedürfnis da, die App sei gut angelaufen. Wie gut, verrät er nicht.

Migros Türk zahlt für Markenrechte

1954 gründete Gottlieb Duttweiler (†74) die Migros Türk mit lokalen Partnern. Seit 1975 ist sie allerdings wieder unabhängig. Die Umwandlung in eine Genossenschaft war nicht möglich. Aber Migros Ticaret bezahle den Migros-Genossenschafts-Bund für Markenrechte, heisst es vonseiten der Migros. Denn den Namen durfte sie behalten wie auch das charakteristische Orange. Einziger Unterschied: In der Türkei hat das i noch einen Punkt.

Dass die Nachfrage nach kleinen Warenkörben und schneller Heimlieferung besteht, haben schon andere Detailhändler bemerkt. In Grossbritannien setzt die Kette Saisbury's mit ihrer App «Chop Chop» auf eine Lieferung innert 60 Minuten. Auch der Online-Supermarkt Ocado.com verspricht mit seiner App «Zoom» Heimlieferungen unter einer Stunde.

Warum lanciert Locher nicht auch in der Schweiz einen solchen Blitz-Lieferdienst? «Mit genügend Flexibilität bei den Verkehrsregeln ist das sicher machbar», meint er. Die Schweizer hätten jedoch eine andere Einstellung als die Türken, die einfach mal ausprobieren würden. Hierzulande sei das anders. «Wo eine Idee ist, ist oft ein Problem», sagt Locher.

 

Dieser Artikel wurde zuerst im Wirtschaftsressort des «Blick» veröffentlicht.

www.blick.ch/wirtschaft
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