Das gab es noch nie. Vergangene Woche haben die Centers for Medicaire & Medicaid Services (CMS), also die öffentlichen Krankenkassen in den USA, entschieden, dass das Alzheimer-Medikament Aduhelm nicht generell vergütet wird, sondern nur, wenn es im Rahmen von klinischen Studien eingesetzt wird. Dies, obwohl das Medikament im vergangenen Juni von der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassen worden war.

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Das wäre, wie wenn das Schweizer Bundesamt für Gesundheit ein von der Swissmedic zugelassenes und damit von höchster Stelle als wirksam erachtetes neues Medikament für nicht kassenpflichtig erklären würde.

Nun sind die Dinge wieder im Lot

Das ist nicht nur ein Tiefschlag für Hersteller Biogen, der nun auf Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe sitzen bleibt. Der Entscheid kommt auch einer Korrektur der von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA getroffenen Entscheidung gleich.

Die FDA hatte das Medikament allein aufgrund der Tatsache zugelassen, dass es in den klinischen Studien dazu geführt hatte, dass es in den Gehirnen der mit Aduhelm behandelten Patientinnen und Patienten zu einer Reduktion der für Alzheimer typischen Amyloid-Ablagerungen gekommen war. Den Beweis aber, dass dies auch mit einem Nutzen für die Patienten und Patientinnen verbunden war, dass es etwa zu einer Verlangsamung des kognitiven Zerfalls führte, blieb das Unternehmen jedoch schuldig.

Mit dem Entscheid der CMS sind die Dinge wieder im Lot. Es darf nicht sein, dass Medikamente, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist, von der Allgemeinheit finanziert werden. Sonst leiden die Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz der sozialen Krankenversicherungssysteme. Zudem ist es gerade jetzt wichtig, das Gebot der Wissenschaftlichkeit hoch zu halten. Immer mehr Menschen sind, wenn es um medizinische Fragen geht, nicht mehr zugänglich für rationale Argumente und schenken dem hanebüchenen Unsinn, der über Social Media etwa zum Thema Impfen verbreitet wird, inzwischen mehr Glauben als der Wissenschaft.

Ärztinnen, Patienten und Öffentlichkeit brauchen Klarheit

Die FDA mag gute Gründe gehabt haben, weshalb sie bei Aduhelm aller Evidenz zum Trotz zu einem positiven Entscheid kam. Einer mag gewesen sein, dass ein weiterer Rückschlag die Alzheimer-Forschung auf Jahre hinaus gelähmt hätte. Bei der Schweizer Swissmedic aber – deren Entscheid noch aussteht – liegen die Dinge anders. Sie hat die Freiheit, streng nach Lehrbuch zu entscheiden. An ihren Entscheidungen hängen, anders als an denjenigen der FDA, keine Milliardeninvestitionen. Ob sie von ihrer Freiheit Gebrauch machen wird?

Gut wärs. Ärztinnen, Patienten und Öffentlichkeit brauchen Klarheit, wenn es um den Nutzen neuer Medikamente geht. Auch wenn es um eine so verheerende Krankheit wie Alzheimer geht – und auch wenn es verständlich ist, dass die Patientenorganisationen dies anders sehen. Schliesslich sind sie jeden Tag mit dem immensen Leid konfrontiert, das eine Alzheimer-Erkrankung mit sich bringt.