Vordergründig üben sich die Schweizer Garagisten in Gelassenheit. Im Hintergrund aber rumort es. Denn mit dem Markteintritt von Auto Teile Unger (ATU) kommt ein Billig-Gigant und Umsatzmilliardär (1,39 Mrd Euro) in die Schweiz.

«Wir wollen uns das erstmal anschauen und abwarten, ob unsere Kunden dorthin gehen und was sie sagen», erklärt Oliver Peter, Sprecher der Mercedes-Car-Group Schweiz. Jede Kommentierung vorab wäre unseriös, meint Peter, und hofft auf Marktkräfte und Vorschriften. Entscheidend werde der Konsument sein, wohin er sein Auto zur Reparatur steuere. Zudem gäbe es genaue Regelungen, wer welchen Service machen darf. Daher müsse man erst ein Gefühl dafür kriegen, was da auf einen zukommt. «Nach einem Jahr können wir Bilanz ziehen.» Zum jetzigen Zeitpunkt würde der Angriff von ATU «weder beunruhigen, noch beruhigen», sagt der Mercedes-Manager, der über 100 Mercedes- sowie 30 Smart-Servicepunkte wacht.


Formel-1-Star als Werbeträger

Der Markt ist mit dem Antritt des aggressiv expandierenden Werkstattfilialisten (600 Werkstätten europaweit) in Bewegung geraten. Ein «sensibler Punkt», wie viele Marktteilnehmer hinter vorgehaltener Hand zugeben. Denn der mit dem Marketingauftritt von Formel-1-Star Michael Schumacher begleitete Start von ATU dürfte viele Kundinnen und Kunden ihre Markentreue zunächst einmal vergessen lassen. «Schumacher zieht natürlich», sagt ein Werkstattanbieter.

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Das weiss auch Amag-Sprecher Dino Graf und macht sich Mut: «Wir sind nicht so sehr erschrocken. Mit ATU kommt eben ein weiterer Mitbewerber auf den Garagistenmarkt», sagt der Schweizer Automanager für die Marken VW, Audi, Skoda und Porsche. Denkbar sei durchaus, dass der Markteintritt von ATU gewisse Veränderungen mit sich bringen werde. Das eine oder andere Unternehmen könne Probleme bekommen. Davon betroffen sein dürften eher die freien Anbieter, von denen es einige grosse Konzepte und eine Anzahl kleinerer Familienbetriebe gibt, die als Anlaufstelle für Werkstattleistung in der Regel eine enge Kundenbeziehung in der Region aufgebaut haben.

Auch Graf setzt viel auf die Karte Know-how und Spezialisierung. Natürlich gebe es ein Basiswissen und beim Auswechseln kleinerer Verschleissteile sei zu erwarten, dass auch seine Kunden zu ATU wechseln. Sobald es jedoch um stärker produktspezifische Themen gehe, würden Grenzen erreicht. Graf erkennt derzeit keine unmittelbare Gefahr für die markengebundenen Händler. Jedoch lebe der Markt nun einmal von Herausforderungen, sagt Graf.

Der deutsche Ersatzteilhändler ATU trifft auf einen sehr «fragmentierten Markt», erklärt der Zentralpräsident des Autogewerbe-Verbands der Schweiz (AGVS), Urs Wernli. Das vom AGVS vertretene Garagengewerbe zählt gut 5300 Betriebe mit über 38000 Mitarbeitern. Wernli ist sich sicher, dass seine eingeschworenen Mitglieder, freie Garagenkonzepte, dem deutschen Eindringling das Feld nicht kampflos überlassen werden. «Die meisten Werkstattanbieter sind mit ihren Kunden eng verbunden», erklärt der Verbandschef. Auf diese Treue könnten diese sich verlassen. Trotzdem: Der Verbandschef will ATU genau unter die Lupe nehmen: «Wir haben keine Freude an der Situation, dass sich ein weiterer Mitbewerber in den Markt hineindrängen möchte», so Wernli, «und ich bin sehr gespannt zu sehen, wie die Qualität ist.» Es benötige in der Schweiz viel Anstrengung, bis man eine Akzeptanz beim Kunden erwirbt, fügt Wernli hinzu. Diese müsse man sich erst verdienen. Vielleicht gäbe es zunächst einige neugierige Kunden mit älteren Autos oder mit weniger Kaufkraft, die zu ATU gehen würden. «Aber ich gehe nicht davon aus, dass wir sofort eine grössere Veränderung feststellen werden.»

Ein weiterer wichtiger Punkt für Wernli sind Ausbildung und Sicherheit. Auf Letzteres werde man ein Auge werfen. «Wir tragen schliesslich auch einen Sicherheitsanspruch in das Gewerbe hinein. Und wir werden auch sehen, ob ATU beispielsweise in der Lehrlingsausbildung mitmachen möchte, was für den Verband als Speerspitze der Garagisten sehr relevant ist. Nur Sahnehäubchen abziehen, das gefällt uns dann schon weniger.»

Die gesamte Automobilwirtschaft (Pkw-Verkauf, Garagen, Transportgewerbe, Strassen) in der Schweiz wird mit einem Umsatzvolumen von rund 80 Mrd Fr. beziffert. Das Umsatzvolumen im sogenannten Garagengeschäft – unabhängige und markengebundene Anbieter – beläuft sich auf über 28 Mrd Fr.. Dazu gehören nach Angaben von Wernli die Werkstatt und der Verkauf von Ersatzteilen und Zubehör. Die reine Werkstattleistung sei ein substanzieller Teil. «ATU wird sich wohl eher im Segment freier Werkstattkonzepte tummeln», hofft der AGVS-Präsident.


Lokale Händler sind unter Druck

Welchen Platz sich ATU erkämpfen will oder kann, wird sich schnell zeigen: Tendenziell sei der Serviceanteil rückläufig, berichtet Wernli, man gehe aber trotzdem davon aus, dass es eine stabile Marktnachfrage im Bereich Service gibt, weil die Autos älter werden. «Also weniger Wachstum, aber wenigstens stabil.» Lokal werde das der eine oder andere Händler schon zu spüren bekommen, sagt Wernli, auch wenn die Bäume anfänglich nicht in den Himmel wachsen würden. «Die meisten Leute werden nicht weiter als 20 Kilometer bis zum nächsten Service fahren. Das wird auch ATU schnell merken.» Gestehen muss der Verbandschef jedoch, dass der neue Mitbewerber «auch noch interessante Zusatzangebote wie diverse Ferienartikel führt». Und am Anfang werde sicherlich der Name Schumacher etwas stimulieren, aber das werde abflachen. «Ich glaube, es wird schwierig sein, einen grossen Happen vom Markt wegzunehmen.»

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«Gegenkonzept in Schublade»

Das hofft auch Bernhard Glaninger, Geschäftsführer der Hostettler Autotechnik AG, dessen Tochter Autofit grösster unabhängiger Werkstatt- und Service-Anbieter in der Schweiz ist. Der Manager will ATU noch nicht kommentieren und vertraut auf die eigene Marktgrösse. Mit 150 selbstständigen Garagen-Partnern arbeitet die Nummer drei im Markt, Garage Plus, ein Tochterunternehmen des nach eigenen Angaben grössten Autoersatzteile-Anbieters Derendinger. Als Marketing- und Dienstleistungsverbund vertraut dieses Konzept auf sein breit gefächertes Angebot: «Wir sind Profi für alle Marken», betont Projektleiter Daniel Studer. Angst bereite der Auftritt von ATU nicht, auch wenn die Situation in einem gesättigten Markt nicht einfacher werden dürfte.

«Wir beobachten ATU seit längerem, nachdem der Anbieter jüngst auch schon in Italien Fuss gefasst hat, und haben ein Gegenkonzept in der Schublade», verrät Le-Garage-Projektleiter Heribert Käser. Dabei gehe es um die Abläufe in der Garage und um neue Kundenbindungsmittel. «Wir gönnen jedem den Erfolg, Konkurrenz belebt den Markt.» Der filialmässig drittgrösste Anbieter freier Werkstattleistungen in der Schweiz setze mehr auf Qualität als auf die quantitative Ausdehnung.