Es gibt wenige Marken auf der Welt, bei denen allein schon der Name Männeraugen zum Leuchten bringt: Playboy vielleicht, Ferrari auch – und ganz bestimmt Harley-Davidson (HD). Die Motorräder aus Übersee geniessen Kultstatus rund um den Globus. Und ganz besonders in der Schweiz. Um nicht weniger als 55% konnten die Absatzzahlen im 1. Quartal dieses Jahres gesteigert werden. 2007 dürften hierzulande 2500 «Töffs» der Marke HD frisch in Verkehr gebracht werden.

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Für Gérard Staedelin, den Managing Director von Harley-Davidson Schweiz, eine Rechenaufgabe mit chromglänzendem Resultat. «20000 Fr. Verkaufspreis rechnen wir im Schnitt pro Maschine, hinzu kommen die Einnahmen beispielsweise aus dem Sektor Bekleidung, macht summa summarum rund 50 Mio Fr. Umsatz.»

Staedelin drückt den Anlasser einer 1500er Softail Heritage Classic. Und sagt: «Ich habe Benzin in meinem Blut.»

Es vibriert. Es donnert: «P-tt-p-tt-ptt.» Der Sound – unverwechselbar. Wer nun denkt, Staedelin, der Harley-Boss, trage lange Haare unter dem Helm und böse Tattoos auf den Oberarmen, der irrt. Nicht einmal ein Ledergilet hat er an diesem Morgen angezogen. «Ich bin ein typischer Vertreter unserer Kundschaft. Harley-Fahrer stammen nämlich aus den unterschiedlichsten Schichten, aus allen Alters- und Berufsgruppen.»

Er schiebt sich die fein gewirkte Brille zurecht, die Frisur ist akkurat kurzgeschnitten, das Hemd mit eingewobenem Firmenemblem langärmelig und fleckenlos weiss. Staedelin steuert die Werkstätte eines Händlers an. «Früher, da gehörte es dazu, dass man als Harley-Fahrer auch handwerklich anzupacken wusste – aber heute, da ist die Technik absolut zuverlässig. Nur schlummert dieses Vorurteil der Pannenanfälligkeit bei vielen noch im Hinterkopf.»

In den 44 grösstenteils sehr klassisch anmutenden Modellen steckt modernste Ingenieurskunst. Nur beim Thema ABS, da schien die US-Kultmarke im Vergleich zur Konkurrenz aus Japan, Deutschland und Italien lange geschlafen zu haben. Oder nicht? Staedelin schüttelt den Kopf: «Solange der Einbau von ABS die Optik verändert hätte, solange haben wir kein Antiblockiersystem in eine Harley eingebaut. Doch das hat sich geändert, bei den 2008er V-ROD und Touring- Modellen wird ABS optional oder serienmässig geliefert.»

Erde, Luft und Wasser

Die Liebe zum Motorrad ist bei Gérard Staedelin schon früh entflammt. Mit drei Jahren, so habe ihm die Mutter einmal erzählt, sei er rittlings auf dem Fenstersims gesessen, ein Bein noch in der Wohnung, das andere bereits im Freien baumelnd, und habe «Brumm-brumm» gemacht. Die Mutter geschockt, der Bub vom imaginären Temporausch beseelt, der Vater unterwegs auf seinem Schiff, einem Frachter, mit dem er Frankreich, Deutschland und Holland auf dem Flussweg mit Gütern versorgt hat. «Ich bin in meiner Jugend immer wieder mal mitgeschippert, aber irgendwie hat mich die Erde mehr angezogen als das Wasser», gesteht der in Paris und Strassburg aufgewachsene Franzose, dessen Vorfahren ursprünglich aus Arth am Zugersee stammen.

Eine Zeit lang allerdings habe auch das Element Luft eine reizvolle Rolle in seinem Leben gespielt. «Als Heranwachsender wollte ich Kampfpilot bei der französischen Armee werden.» Er winkt amüsiert ab. Irgendwann sei er zur Überzeugung gekommen, dass das Militär doch nicht seine Welt werden würde. Stattdessen kaufte er sich ein Motorrad. Und noch eins. Und noch eins. Und noch eins. «Es wird bis heute wohl schon ein Dutzend gewesen sein», lacht Staedelin, «Japaner vor allem, später, berufsbedingt, BMW.»

Und jetzt steht der Marketing- und Verkaufsprofi neben einer

königsblauen Street Glide, klopft auf das stählerne Schutzblech, streicht über die verchromte Flanke und setzt sich auf den ledernen Sattel. «Harley-Davidson, das ist ein Lebensgefühl», schwärmt der Vater eines 15 Monate alten Buben, «man gehört zu einer grossen Familie; die Technik, der Stil, das muss man einfach lieben – von Montag bis Sonntag.»

Er zückt einen Prospekt. «Ride free, have fun», steht da geschrieben. Ein Freizeitvergnügen für Fortgeschrittene, denn Harley-Fahrer sind im Schnitt 47 Jahre alt. «Das ist doch nicht alt», antwortet Staedelin (41) auf die entsprechende Bemerkung und fügt an, dass der Frauenanteil an der Kundschaft mit 11% weit über jenem anderer Marken liege.

Apropos Damenwelt und das Spielzeug der «Bad Guys»: 1967 schrieb Serge Gainsbourg für Brigitte Bardot den Titel «Harley-Davidson». Ein Kultsong. Auch wenn die Göttin des französischen Kinos den Namen des Motorrades in etwa so intoniert, als ob sie gerade mit einem Velosolex die Treppen von Sacré-Cœur hinunterpurzeln würde.

Und noch ein Apropos: Nein, «Born to be wild» hört Gérard Stae-delin nicht, wenn er Harley fährt. Auch wenn sein Herz für Rockmusik der alten Schule schlägt, «Deep Purple» vorzugsweise, so zieht er den Originalsoundtrack der Landstrasse dem Konservenfutter vor. Seine Hand dreht kurz am Gas. Und wieder ertönt es, dieses kernige «p-tt-p-tt-ptt».

Chef zu sein eines Ablegers einer Motorradlegende, das muss für einen Töff-Fan ein Traum-

job sein. Gérard Staedelin schmunzelt. Das blöde an Träumen sei doch, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechen. Sein Job aber sei im Gegenteil ganz und gar real; «meine Ausbildung paart sich in diesem Falle ideal mit meiner Leidenschaft. Und meine Aufgabe ist eine absolut seriöse».

Nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, der Manager sässe mehr im Sattel als im Büro. Als Managing Director führt der 41-Jährige ein Team von acht Leuten. Diese wiederum stehen in engem Kontakt mit den 15 schweizweit autorisierten Harley-Händlern. Auch hier sei der Geist einer verschworenen Gemeinschaft durchaus spürbar, sagt Staedelin. «Wir fahren schon mal gemeinsam an ein Treffen ins Ausland. Erst kürzlich waren wir zu acht in Südspanien.»

Leuchtende Kinderaugen

Seit das Preissegment gegen unten angepasst worden ist, finden sich immer mehr Einsteiger, die ihre Motorradkarriere gleich mit einer Harley starten. Ebenfalls treue Kunden seien jene Herren in gehobener Position, die in jungen Jahren einmal einen «Hobel» ihr Eigen genannt, diesen jedoch für Familie und Karriere geopfert haben, und nun, da der Posten gesichert sei und die Kinder aus dem Haus seien, noch einmal die Freiheit auf zwei Rädern erleben möchten.

Allerdings: Ganz billig ist das Hobby Harley-Davidson nach wie vor nicht. Die Spanne beginnt bei 10000 Fr. für eine Sportster und reicht bis zu 48000 Fr. für eine Screamin’ Eagle Ultra Classic Electra Glide. Klar, dass bei solchen Preisen ein Mehrwert geboten werden muss. Ein ausgeprägter Kultfaktor beispielsweise. Und dieser Sound, dieses donnergrollende «p-tt-p-tt-ptt». Oder, wie es Gérard Staedelin phonetisch richtig zu umschreiben weiss: «Potato-Potato-Potato».

Blickt der Elsässer auf seine bisherige Zweirad-Karriere zurück, so ist er froh und dankbar, noch keinen schweren Unfall erlebt zu haben. Und dies bei mittlerweilen gegen 500000 Fahrkilometern. Ein Draufgänger sei er denn eigentlich noch nie gewesen, «und seit ich Familie habe, fährt der Sicherheitsgedanke sowieso noch stärker mit». Der Sohn sei zwar noch zu klein, um zu begreifen, was der Vater tagein, tagaus so tue. Beim Anblick von Chrom allerdings, da könne er in dessen Augen durchaus ein Leuchten erkennen, lacht Staedelin.

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ZUR PERSON

Steckbrief

Name: Gérard Staedelin

Funktion: Managing Director Harley-Davidson Schweiz

Alter: 41

Wohnort: Zürich

Familie: Verheiratet, ein Sohn

Karriere:

- 1992–1998 District Manager BMW France, Motorcycle Division, Paris.

- 1998–2001 Manager, New Market Development, Harley-Davidson Europe, Windsor GB

- 2001–2003 Dealer Development & Marketing Manager, Harley-Davidson Europe, Oxford GB

- Seit 2003 Managing Director CH

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Führungsprinzipien

1. Vertrauen schenken und Vertrauen vermitteln.

2. Teamarbeit.

3. Klare Ziele vorgeben.

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Firma

Harley-Davidson 1903 in Milwaukee USA gegründet, beschäftigt HD weltweit 9800 Mitarbeiter (ohne Händler) und erwirtschaftet einen jährlichen Umsatz von 5,8 Mrd Dollar. Die Ländergesellschaft Schweiz wurde 2003 installiert. Sie beschäftigt acht Mitarbeiter, das Händlernetz umfasst 15 Geschäfte. 2006 wurden in der Schweiz 1600 Harley-Davidson verkauft.