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Luftfahrt
Germanwings-Absturz: Wenn der Feind von innen kommt

Suizid ist in der Luftfahrt ein Tabuthema. Der offenbar willentliche Absturz der Germanwings-Maschine lässt eine Horrovision der Piloten und Passagiere wahr werden – und nagt am Vertrauen im Cockpit.

Veröffentlicht am 26.03.2015

Die Luftfahrt steht unter Schock. Ein Pilot hat offenbar absichtlich den Germanwings-Airbus mit 150 Menschen an Bord abstürzen lassen. Ähnliche Fälle kamen in den letzten Jahren schon vor. Zwar sind sie selten. Doch zieht Misstrauen ins Cockpit ein, ist das verheerend.

Rund 48 Stunden nach dem Absturz des deutschen Germanwings-Airbus in den französischen Alpen scheint das Unglaubliche festzustehen: Eine absichtliche Tat des Co-Piloten riss nach Erkenntnissen der Blackbox-Auswertung 150 Menschen in den Tod.

Horrorvision der Luftfahrt

Das teilte die Staatsanwaltschaft Marseille mit. Ermittler Brice Robin vermied dabei das Tabu-Thema «Piloten-Suizid». Doch er liess keinen Zweifel dran: Der junge Co-Pilot hat bewusst den verhängnisvollen Sinkflug eingeleitet, nachdem er zuvor den Flugkapitän ausgesperrt hatte.

Es ist die Horrorvision der Luftfahrt, die Piloten und Passagiere in ihrem Entsetzen eint. Denn wenn der Feind von innen kommt, helfen auch die ausgefeiltesten Sicherheitssysteme nicht. «Es sind ganz besondere Situationen, die man nicht verhindern kann», sagte der Chefredakteur des Fachmagazins Aero International, Dietmar Plath.

Ähnliche Fälle bekannt

Der Absturz des Germanwings-Airbus ist nicht der erste Crash, der möglicherweise absichtlich von einem Piloten ausgelöst worden ist. US-Ermittler sind überzeugt, dass der Absturz einer EygptAir-Maschine 1999 vor der US-Ostküste auf Selbstmord des Co-Piloten zurückging.

Weil sich keine technischen Ursachen für das Unglück finden liessen, hatten US-Behörden und andere Experten schon früh die Vermutung geäussert, der Co-Pilot habe die Maschine absichtlich abstürzen lassen. Dies war von EgyptAir stets bestritten worden. Auf dem Stimmrekorder der Unglücksmaschine war zu hören, wie der Co-Pilot, während er die Maschine nach unten steuerte, aussergewöhnlich ruhig zu Gott betete.

Als der Pilot, der das Cockpit kurz verlassen hatte, bei seiner Rückkehr verzweifelt versuchte, die Maschine nach oben zu ziehen, erhielt er keine Hilfe. Auf dem Rekorder war zu hören, wie er immer wieder rief: «Zieh mit mir!». Der Co-Pilot habe darauf nicht reagiert, sondern die Maschine weiter in die Tiefe gesteuert.

Ähnliche Fälle 1997 und 2013

Bereits zwei Jahre zuvor kamen amerikanische Ermittler zum Schluss, dass einer der beiden Piloten den Absturz eines Silkair-Fluges mit Absicht verursacht hatte. Zuletzt deuteten auch Ermittlungen beim Absturz eines Flugzeuges der Mozambique Airlines im Jahr 2013 auf einen möglichen Selbstmord durch den Piloten hin.

Am 29. November 2013 hatte ein Pilot auf dem Flug Maputo-Luanda über dem namibisch-angolanischen Grenzgebiet eine relativ neue Embraer 190 bewusst in den Boden gesteuert - 34 Menschen starben.

Eine Untersuchungskommission fand später heraus, dass der Pilot sich im Cockpit eingeschlossen und absichtlich den Absturz auslöst hatte. Auch dort trommelte der ausgesperrte Flugkapitän verzweifelt gegen die Tür, bevor der bewusst eingeleitete Sinkflug in den Tod abrupt endete.

Unwohlsein nimmt zur Urlaubszeit zu

Es sind Vorfälle, die extrem selten sind - aber allein der Gedanke lässt erschaudern. Viele Profis hielten sich am Donnerstag bewusst mit Äusserungen zurück - gerade bei den Piloten sass der Schock zu tief. Denn strenge Auswahltests und psychologische Eignungstests stellen bei den meisten Airlines eigentlich sicher, dass nur charakterlich gefestigte Kandidaten Pilot werden können.

Regelmässige medizinische Tests und auch vertrauliche innerbetriebliche Meldesysteme sollen gewährleisten, dass auffälliges Piloten-Verhalten entdeckt wird. Wie kann es dann gerade bei einer als solide geltenden Fluggesellschaft wie der Lufthansa-Tochter Germanwings zu einer solchen Tat kommen?

Gerade zur Urlaubszeit dürfte nun bei zahlreichen Passagieren das Unwohlsein zunehmen. Denn auch wenn vergangenes Jahr weltweit 3,3 Milliarden Menschen ein Flugzeug nutzten: den Nimbus des Undurchschaubaren hat die Fliegerei bis heute nicht verloren.

Vertrauen im Cockpit-Team wichtig

Anders als im Zug oder Reisebus sind in der Luft zudem Hunderte Menschen dem Können und der Zuverlässigkeit von nur zwei Personen bedingungslos ausgeliefert. Die komplexe Technik moderner Verkehrsjets erlaubt es Laien nur in Hollywood-Filmen, sie wieder heil auf die Erde zu bringen.

Und wenn sich dieses eingespielte Cockpit-Team selbst nicht mehr trauen kann, wird es heikel auf den Luftstrassen dieser Welt. In den hochautomatisierten Jets gibt es ein kompliziertes Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Die Computer korrigieren Fehler umgehend. Vor einer bewusst falschen Programmierung eines Fluges ins Verderben sind auch sie nicht gefeit.

Ungewissenheit belastet

Mit akribischer, pedantischer Gründlichkeit wird das tragische Unglück und das noch völlig unerklärliche Handeln des jungen deutschen Co-Piloten nun aufgeklärt und analysiert werden.

Es ist eine Ungewissheit, die nicht nur die Hinterbliebenen der Opfer plagt, sondern auch die Industrie. Sie will begreifen, was schief gelaufen ist, um entsprechende Rückschlüsse in die Verbesserung ihrer Systeme einfliessen zu lassen und mögliche Schwachstellen zu beseitigen. Auch wenn in diesem Fall die Schwachstelle der Mensch selber war.

(sda/dbe)

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