Es ist wie eine Zeitreise. Wer die schwer bewachte Grenze nach Nordkorea überschreitet, tritt in eine gespenstisch ruhige Welt. Jenseits der Minenfelder und Stacheldrähte verkehren Ochsenkarren. Die Menschen sind zu Fuss unterwegs oder mit dem Velo. «Ein Fahrrad ist hier bereits ein Statussymbol wie bei euch ein grosses Auto», sagt Ryn Jin Mi, die junge Dolmetscherin. Sie spricht perfekt Englisch. Sie hat die Sprache in der Hauptstadt Pjöngjang gelernt.

Dort, in der Machtzentrale, sieht alles ganz anders aus. Der Entourage des Diktators Kim Jong Il fehlt es an nichts. Trotz eines Embargos der Vereinten Nationen finden selbst Luxusgüter den Weg in die Demokratische Volksrepublik Korea, wie sich das Land offiziell nennt. Recherchen der «Handelszeitung» belegen, dass auch die Schweiz verbotene Ware an den Diktator liefert, obwohl sie sich dem Embargo angeschlossen hat.

Schweizer Firmen versenden etwa jährlich Uhren im Wert von rund 100000 Franken nach Pjöngjang. Letztes Jahr registrierte die Eidgenössische Zollverwaltung die Ausfuhr von 662 Stück zu einem Durchschnittswert von 130 Franken. Ticker dieser Preisklasse sind unbedenklich, weil sie gemäss den vom Bundesrat beschlossenen «Massnahmen gegenüber der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea» nicht als «hochwertige Uhren» und somit nicht als Luxusgüter gelten.

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Aber jedes Jahr gehen auch ein paar wesentlich teurere Uhren über die Grenze. Letztes Jahr waren es deren zwei: Eine Edelmetall-Uhr mit automatischem Aufzug, deren Wert mit 1800 Franken deklariert wurde, und eine Edelmetall-Uhr mit Batterie für 2800 Franken. Vor drei Jahren wurden zwei Modell für 2320 Franken und eines für 3020 Franken exportiert.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) definiert Uhren ab 1000 Franken als «hochwertig» und damit unter das Embargo fallend, wie Roland E. Vock, Leiter des Ressorts Sanktionen, sagt. Er zeigt sich daher erstaunt, dass dennoch jedes Jahr einzelne teure Uhren direkt aus der Schweiz nach Nordkorea verkauft werden. Er gibt zu bedenken, dass es sich um Fehler in der statistischen Erfassung handeln könnte.

Luxusgüter via China

Ein Insider erzählt jedoch, dass wirklich teure Uhren und andere sanktionierte Luxusgüter problemlos via China ins Land gelangen. Ein anderer Weg führt über die Diplomaten. So hat auch der ehemalige nordkoreanische Agent und spätere Überläufer Kim Jong Ryul regelmässig für den Diktator in der Schweiz eingekauft. Er erstand nicht nur Luxusgüter, sondern auch Pistolen und Schalldämpfer und abhörsichere Telefone. Dies beschreibt er in seinem kürzlich erschienen Buch «Im Dienst des Diktators».

Wo genau die Luxusuhren landen, ist nicht bekannt. Überläufer berichten immer wieder vom riesigen Appetit des «geliebten Führers» Kim Jong Il auf Luxus. So soll er auf Martell-Cognac stehen, Moreschi-Schuhe und Anzüge von Scabal tragen. Seine Lieblingsuhrenmarke sei Omega, schrieb die südkoreanische Zeitung «Chosun Ilbo». Die offiziell importierten Uhren gehen wohl als Geschenke für verdiente Funktionäre weg. Der Schweizer Fussballer Andy Egli, der in Nordkorea ein Team ausbildete, berichtet von einem Besuch im Schrein für Staatsgründer Kim Il Sung. Dort seien «massenhaft Omega-Uhren aus der Schweiz» zu sehen.

Nur wenige harren aus

Neben Uhren liefert die Schweiz vor allem Nahrungsmittel und Maschinen, in kleinen Mengen auch Medikamente und Präzisionsinstrumente. Das jährliche Exportvolumen nimmt sich aber mit rund 3 Millionen Franken bescheiden aus. Noch geringer, nämlich unter einer Million Franken, sind die Importe aus Nordkorea - vor allem Textilien. Die wichtigsten Handelspartner Nordkoreas insgesamt sind China und Südkorea, weit vor Russland und Thailand (siehe Grafik).

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Eine der wenigen Schweizer Firmen, die heute in Pjöngjang Geschäfte machen, ist die Genfer Datactivity, die auf elektronische Datenerfassung und -verarbeitung spezialisiert ist. Sie kam 1997 ins Land und ist in einem Joint Venture mit einem einheimischen Unternehmen aktiv. Zuverlässige Quellen berichten auch von einer Handelsfirma, die im Bündnerland domiziliert sei und im Rohstoffbereich diskret profitable Geschäfte machen soll. Aber wie fast alle, die mit dem Regime Nordkoreas geschäften, möchten die beiden Firmen ihr Engagement nicht kommentieren. Sie scheuen das Scheinwerflicht, weil sie Nachteile in andern Märkten oder mit anderen Geschäftspartnern befürchten.

Eine Ausnahme bildet der frühere ABB-Manager Felix Abt. Er kam 2002 als Länderchef des Energietechnik-Konzerns nach Pjöngjang. Er glaubt an wirtschaftliche Reformen nach dem Muster Chinas. Darum ist er geblieben, auch als sich ABB wenige Jahre später zurückzog. Abt kann bis heute nicht verstehen, dass viele ausländische Investoren fernbleiben, insbesondere Schweizer. «In vergangenen Jahrhunderten haben sich Schweizer Firmen als erfolgreiche Pioniere in neuen Märkten ausgezeichnet, heute glänzen sie in Nordkorea vor allem durch Abwesenheit.»

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Dabei sei die Wettbewerbslage günstig, findet Abt. Japan und die USA haben ihren Firmen verboten, in Nordkorea tätig zu werden. «Und im Unterschied zu südkoreanischen Mitbewerbern, die ihre Aktivitäten auf die Sonderzone Kaesong beschränken müssen, können chinesische und europäische Unternehmen im ganzen Land tätig werden.»

Das System erhalten

Abt setzt auf eine Politik kleiner Schritte und möchte wegen der unabsehbaren Folgen einen Kollaps des Systems verhindern. «Sobald die Wirtschaft in Fahrt kommt und sich der Lebensstandard verbessert, wird die Bevölkerung das System und die Führung nicht herausfordern, selbst wenn die Leute wissen, dass in Südkorea der Wohlstand viel grösser ist.»

Am meisten Potenzial sieht Abt in der Herstellung von Waren geringer bis mittlerer Technologie. «Solche Sachen werden mithilfe ausländischer Investoren längst produziert, von künstlichen Blumen über Möbel bis zu künstlichen Zähnen», sagt er. Dazu gehören auch Textilien, Schuhe und Taschen aller Art. Vielversprechend sei auch die Informationstechnologie. «Wir haben hier so viele und so gut ausgebildete Mathematiker wie sonst nirgendwo auf der Welt.» Zudem verweist er auf die reichlich vorhanden Bodenschätze.

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Der 55-Jährige ist inzwischen selber ein erfolgreicher Unternehmer. Er ist Mitbesitzer und Verwaltungsrat des Softwareunternehmens Nosotek sowie der Pharmafirma Pyongsu. Die Geschäftsleitung liess er in chinesischen Pharmaunternehmen ausbilden. «Wir bedienen den Heimmarkt mit selbst hergestellten und importierten Produkten. Ausserdem produzieren wir für Hilfsorganisationen Arzneimittel, die früher importiert wurden», sagt er. Daneben arbeitet Abt an weiteren Projekten und ist bei Handelsgeschäften involviert. Von 2004 bis Ende dieses Jahres leitete er zudem die Pyongyang Business School. Auch die European Business Association in der Hauptstadt Nordkoreas war 2005 von ihm ins Leben gerufen worden.

ABB hält sich bewusst fern

Aber was ist aus dem Engagement von ABB geworden? Der Konzern glaubte 2002 an Nordkorea. Der Länderchef in Südkorea sagte damals, ABB stecke das Terrain ab. «Es ist wie vor ein paar Jahren in China: Man musste einfach da sein und Vertrauen aufbauen», so Robert Suter. Konzernsprecher Wolfram Eberhardt erinnert sich: «Wir waren eine zeitlang optimistisch, kamen aber bald zum Schluss, dass wir uns aus Nordkorea besser zurückziehen.» Den Ausschlag gaben nicht nur politische, sondern auch ökonomische Bedenken sowie die Sicherheitslage.

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ABB hat während der kurzen Präsenz in Nordkorea nur einige kleinere Projekte im Strombereich realisiert. Als es 2003 um ein grösseres Projekt ging, den Bau eines neuen Abwassersystems in Pjöngjang, verzichtete ABB auf eine Offerte, obwohl Manager Felix Abt sicher war, den Zuschlag zu erhalten. Er ist bis heute davon überzeugt, dass der Konzern wegen des Drucks der USA kalte Füsse bekommen habe, weil die Steuerung der Abwasser-Anlage auf einer Software des amerikanischen Microsoft-Konzerns basiert hätte.

Dieser Darstellung widerspricht ABB: «Es ging nicht um internationalen Druck oder die Angst, Aufträge zu verlieren», sagt Konzernsprecher Eberhardt. «Wir hatten damals aus den genannten Gründen beschlossen, unsere Aktivitäten einzustellen.» Die jüngste Entwicklung scheint ABB Recht zu geben.

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