Für Reto Dahinden, CEO der Swica Gesundheitsorganisation, ist klar: Wenn wir im Gesundheitswesen so weitermachen wie bisher, wird es früher oder später zu einem Kollaps und zu Engpässen kommen. Die aktuelle Abschwächung der Kosten bei den Krankenkassenprämien ist für ihn kein Grund zum Aufatmen. Im Gegenteil: Er warnt vor einem beschleunigten Kostenwachstum in den kommenden Jahren. Die jährlichen Diskussionen über die Prämienhöhe sind für ihn eine reine Symptombekämpfung. Er fordert daher, dass sich alle Akteure des Gesundheitswesens an einen Tisch setzen, um eine komplette Strukturveränderung zu definieren.

Vertikale Integration

Ein gesundes Gesundheitswesen basiert für Dahinden auf einer integrierten Versorgung mit einer vertikalen Integration der unterschiedlichen Leistungserbringer. Dazu müssten als erstes die Fehlanreize aus den Tarifen genommen werden und die Versorgungsplanung sollte nicht mehr kantonal, sondern regional erfolgen. Zudem wünscht er sich echten Wettbewerb im Krankenversicherungsbereich. Dabei geht es für ihn darum, sicherzustellen, dass die Versicherten eine Wahl haben, wo sie sich mit einer möglichst guten Servicequalität in einem möglichst guten Versorgungsform behandeln lassen möchten. Grundlage dafür wäre es, dass sich die einzelnen Leistungserbringer spezialisieren und ihre Qualität transparent aufzeigen würden.

Mit einer integrierten Versorgung würde dem Care Management eine neue Bedeutung zukommen. Dieses wäre nicht nur für hochkomplexe Fälle da, sondern für alle Versicherten. Dadurch hätten die Versicherten zwei Ansprechpartner: die Krankenversicherung und den Arzt. Letzter wäre für die Behandlung zuständig, erstere für deren Finanzierbarkeit.

Deutlicher Mehrwert

Dahinden warnt davor, dass genau diese Beratungsleistung bei den aktuellen Diskussionen auf der Strecke bleiben wird. Denn die Prozessautomatisation und die Digitalisierung fokussieren aktuell auf die Kassen als Zahl- und Kontrollstellen. Die Integrationsleistung den Ärzten zu übergeben hält er für keine gute Idee, da diese weder die Instrumente noch das Wissen und die Patientengeschichte haben, um diese Rolle wahrnehmen zu können. Mit dem Patientendossier sowie einer digitalen Vernetzung und einem möglichst vertikal integrierten System könnten die Patienten von tieferen Kosten und einem deutlichen Mehrwert profitieren.

Dahinden ist überzeugt, dass in der Schweiz künftig maximal zehn bis 15 Krankenversicherer mit je rund einer Million Kunden überleben werden. Dies, weil die Digitalisierung und der Aufbau von Care Management-Strukturen viel Geld brauchen und sich auch die Kassen künftig stärker in ihren Angeboten unterscheiden müssen. Reto Dahinden wünscht sich, dass es ihm mit einer Koalition von Vernünftigen gelingt, überzeugende Modelle zu entwickeln. Denn wenn das Gesundheitswesen nicht mehr finanziert werden kann, ist für ihn der Weg zu einer staatlichen Einheitskasse geebnet. Und er ist überzeugt, dass in einer solchen die persönlichen Bedürfnisse der Patienten auf der Strecke bleiben werden.
 
 


Hier geht es zum gesamten Interview mit Swica-Chef Reto Dahinden.