Der Legende nach fielen vor 5000 Jahren im Garten des chinesischen Herrscherpalastes Blätter eines Strauches zufällig in siedendes Wasser. Sie verbreiteten einen derart betörenden Duft, dass Kaiser Shen-Nung dem Kosten der Brühe nicht widerstehen konnte. Nach dem Trinken brach er in einen Begeisterungssturm aus. Seither wird in immer grösseren Mengen auf der ganzen Welt Tee getrunken. Vor zwei Jahren übertraf die globale Produktion erstmals die Grenze von 3 Mrd t.

Auch in der Schweiz verzeichnete der Teekonsum kräftige Wachstumsraten, in den vergangenen Jahren um jeweils rund 5%. Aber unser Land partizipiert mit 837 t nur bescheiden am globalen Verbrauch. Falsch wäre es, deswegen die Schweizer als Teeverächter einzustufen. Aber Tee ist nicht gleich Tee.

Schweizer Trinken nur wenig Schwarztee

Auf das Konto von Schwarz- und Grüntee, die beide von der chinesischen Teepflanze abstammen, gehen lediglich 65 (oder 36%) der insgesamt 160 Tassen, die pro Kopf in den privaten Schweizer Haushalten im vergangenen Jahr getrunken worden sind. Den Löwenanteil beim Konsum machen bei uns mit 95 Tassen pro Kopf (also 64%) Kräuter- und Früchtetees aus. Die Schweiz ist in dieser Beziehung ein Sonderfall, denn weltweit sind die Vorlieben gerade umgekehrt: Vier Fünftel des Teekonsums gehen auf das Konto von Schwarz- und Grüntee.

Der Sonderfall Schweiz dürfte sich in Zukunft weiter verstärken. Der Grüntee-, der im Soge der Naturmedizin eben noch geboomt hat, und auch der Schwarzteekonsum stagnieren. Bei der Migros, dem im Detailhandel grössten Teeverkäufer der Schweiz, erklärt Pressesprecherin Monika Weibel: «Der Trend läuft jetzt klar in Richtung Kräuter- und Früchtetees.» Sie erklärt dies mit dem wachsenden Fitnessbewusstsein. Der gesamte Verkauf hat sich entsprechend ausgerichtet. Die Migros etwa lanciert diverse Kräuter- und Früchtesorten als eigentliche Wellness-Tees, die gesundheitlichen und sportlichen Zusatznutzen versprechen.

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Davon profitieren nicht zuletzt rund 200 Kräuterbauern. Laut Markus Gammeter, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Bergkräuter, wird rund ein Zehntel der Kräuterernte von rund 200 t zu Tee verarbeitet. Die Bio-Kräutertee-Linien von Migros und Coop stammen heute fast ausschliesslich aus dem einheimischen Anbau in den Berggebieten. Der Rohstoff für Früchte-, Schwarz- und Grüntees wird hingegen aus rund 30 Ländern eingeführt. 5% des importierten Schwarz- und Grüntees tragen heute das Siegel der vor zehn Jahren gegründeten Max-Havelaar-Stiftung.

Neuartige Teebeutel

Lipton, weltweit die Teemarke Nummer eins und zum Unilever-Konzern gehörend, versucht neuerdings, den stagnierenden Schwarzteekonsum mit einer Innovation anzukurbeln. Lanciert wurde nach eingehenden Marktabklärungen der neue Mousseline-Teebeutel. Darin sollen die Schwarzteesorten ihren Geschmack besonders gut entfalten können. Laut Lipton-Sprecherin Nina Skrupin erfreuen sich die Mousselines zwar einer regen Nachfrage. Allerdings muss sie einräumen, dass es trotzdem nicht gelungen ist, die Schweizer zu stärkeren Schwarzteetrinkern zu bekehren. «Kräuter- und Früchtetees sind nun mal im Moment die ganz grossen Renner bei uns», sagt Coop-Sprecher Karl Weisskopf.

Migros klar Marktleader

Insgesamt wurde im vergangenen Jahr im Lebensmitteldetailhandel für 80 Mio Fr. Tee verkauft. Migros-Eigenmarken (40%), Lipton (20%) und die Coop-Eigenmarken (15%) besetzten drei Viertel des Marktes. Unklar ist, welche Menge in Drogerien, Reformhäusern und Apotheken über den Ladentisch geht. Keine Zahlen existieren, wie viel Tee in den Restaurants getrunken wird. Schätzungen in der Branche gehen davon aus, dass die Konsumenten in diesen beiden Kanälen nochmals 50 Mio Fr. für Tee aufwerfen. Hinter dem somit auf 130 Mio Fr. veranschlagten Gesamtmarkt verbirgt sich letztlich hart verdientes Geld: Pro Tasse braucht es nämlich lediglich 1,3 g Tee. Das ergibt einen Jahreskonsum von einem halben Pfund pro Teetrinker.

Eistee in der Schweiz: Höchster Verbrauch in Europa

Mehr Geld verdienen lässt sich derzeit mit dem Modegetränk Eistee. Dieses hat dem traditionellen Aufgusstee wertmässig längst den Rang abgelaufen. «Die Schweizer trinken davon 29 l pro Jahr und sind Europameister», erklärt Unilever-Manager Roland Bühler. Der europäische Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei 8,5 l. Im vergangenen Jahr wurden in der Schweiz 217 Mio l Eistee (+4%) getrunken. Davon wurden 140 Mio l im Detailhandel und 75 Mio l in der Gastronomie abgesetzt. Bühler schätzt, dass für den Eistee-Konsum 250 bis 300 Mio Fr. ausgegeben worden sind. Die Migros allein tätigte mit 62 Mio l einen Umsatz von 57 Mio Fr.

Die anderen grossen Eistee-Produzenten lassen sich nur mengenmässig in die Karten blicken: Lipton verkaufte 56 Mio l, Nestlé (Nestea) 36 Mio und Coop mit Eigenmarken 30 Mio l. Eistee gilt inzwischen nicht einfach nur als ein Durstlöscher für heisse Sommertage, sondern wird auch im kalten Winter in Skihütten oder auf Partys in grossen Mengen konsumiert.